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Medizin

Typ-2-Diabetes: „Twincretin“ Tirzepatid senkt Blutzucker und Körpergewicht deutlich

Montag, 30. Mai 2022

/neirfy, stock.adobe.com

Berlin – Mit Tirzepatid, das die Wirkung der beiden Darmhormone Glucagon-like Peptid 1 (GLP-1) und glu­koseabhängiges insulinotropes Peptid (GIP) nachahmt, steht ein hoch wirksames Medikament zur Behandlung des Typ-2-Diabetes vor der Einführung, das neben dem Blutzucker auch das Körpergewicht deutlich senkt. Die Ergebnisse der zulassungsrelevanten Studien wurden auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft vorgestellt (Abstract P 008, P 010 & P 014) (Abstract P 028 & P 030).

Die beiden Hormone GLP-1 und GIP werden während der Nahrungsaufnahme von (verschiedenen) Zellen der Darmschleimhaut freigesetzt. Die beiden Incretine regen einmal in der Bauchspeicheldrüse die Ausschüttung von Insulin an, was die Verteilung des Blutzuckers verbessert und den postprandialen Anstieg des Blutzuckers abmildert. Zum anderen wird die Magenentleerung verzögert. Dies löst ein Sättigungsgefühl aus, das die weitere Nahrungsaufnahme und damit die weitere Zufuhr von Glukose verhindert.

GLP-1 Agonisten werden seit längerem zur Behandlung des Typ-2-Diabetes eingesetzt. Tirzepatid stimuliert jetzt als 1. Wirkstoff zusätzlich den GIP-Rezeptor. Der Hersteller hat das „Twincretin“ in 5 Studien mit fast 6.300 Teilnehmern klinisch prüfen lassen.

In der Studie SURPASS-1 wurde die blutzuckersenkende Wirkung von Tirzepatid mit Placebo verglichen. Wie Julio Rosenstock vom Dallas Diabetes Research Center und Mitarbeiter berichten, senkte die 1 Mal wöchent­liche subkutane Injektion von Tirzepatid den HbA1c-Wert in der höchsten Dosierung von 15 mg um 2,11 %-Punkte mehr als in der Placebogruppe, ohne dass es zu Hypoglykämien kam. Insgesamt 52 % der Patienten erreichten unter der Monotherapie mit Tirzepatid eine Normoglykämie.

Auffällig war, dass es bei 27 % zu einer Gewichtsabnahme von 15 % oder mehr kam, was bei den zumeist übergewichtigen Menschen mit Typ-2-Diabetes eine willkommene Begleiterscheinung ist. Die Ergebnisse von SURPASS-1 wurden im Lancet (2021; DOI: 10.1016/S0140-6736(21)01324-6) veröffentlicht.

In der Studie SURPASS-2 wurde der duale GLP-1/GIP-Agonist Tirzepatid mit dem alleinigen GLP-1-Agonisten Semaglutid verglichen. An der offenen Studie nahmen 1.879 Patienten mit Typ-2-Diabetes teil, die 1 Mal in der Woche eine subkutane Injektion von Tirzepatid in der Dosis von 5 mg, 10 mg oder 15 mg oder von Semaglutid in einer Dosis von 1 mg erhielten.

Wie Juan P. Frías vom National Research Institute in Los Angeles und Mitarbeiter berichten, erzielte Tirzepatid in allen 3 Dosierungen eine stärkere blutzuckersenkende Wirkung als Semaglutid. In der höchsten Dosierung betrug der Unterschied im HbA1c-Wert 0,45 %-Punkte. Auch der Rückgang des Körpergewichts war um 5,5 kg höher.

Semaglutid wurde in Deutschland 2018 zur Behandlung des Typ-2-Diabetes eingeführt. Seit Anfang des Jahres ist es auch zur Behandlung der Adipositas zugelassen. Die Dosierung ist mit 2,4 mg jedoch höher als SURPASS-2, sodass die Studie hier keinen fairen Vergleich ermöglicht.

Auch in der Behandlung des Typ-2-Diabetes darf Semaglutid mittlerweile bis zu 2 mg hochdosiert werden. Die hohen Dosierungen der beiden Wirkstoffe wurden möglich, weil die Verträglichkeit gut ist und das Risiko einer Hypoglykämie insgesamt gering ist. Die Ergebnisse von SURPASS-2 wurden im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2107519) veröffentlicht.

In SURPASS-3 wurde Tirzepatid mit dem langwirksamen Insulin degludec verglichen. An der Studie nahmen 1.444 Patienten teil, die bereits eine Hintergrundbehandlung mit Metformin erhielten (und in der Studie weiter damit behandelt wurden).

Wie Prof. Bernhard Ludvik von der Medizinischen Universität Wien und Mitarbeiter berichten, erzielte Tirze­patid auch in dieser Konstellation die stärkere blutzuckersenkende Wirkung. Der HbA1c-Wert sank unter der 15 mg-Dosierung um 2,37 %-Punkte gegenüber 1,34 %-Punkten unter der Behandlung mit Insulin degludec, das auf einen Zielwert des Nüchternblutzuckers von unter 90 mg/dl titriert worden war.

Auch hier senkte Tirzepatid das Körpergewicht (um 12,9 kg in der 15 mg-Dosierung), während Insulin degludec das Körpergewicht um 2,3 kg erhöhte. Hypoglykämische Ereignisse traten unter Tirzepatid seltener auf. Die Ergebnisse von SURPASS-3 wurden im Lancet (2021; DOI: 10.1016/S0140-6736(21)01443-4) publiziert.

In SURPASS-4 wurde Tirzepatid an 1.995 Patienten mit hohem Risiko auf Herz-Kreislauferkrankungen mit dem langwirksamen Insulin glargin (Lantus) verglichen. Die Patienten erhielten zusätzlich eine Hintergrundbehandlung mit 1 bis 3 verschiedenen oralen Medikamenten.

Wie Stefano del Prato von der Universität Pisa und Mitarbeiter berichten, erzielte Tirzepatid signifikant bessere HbA1c-Werte mit einer Differenz von 1,14 %-Punkten nach 52 Wochen. Erneut senkte Tirzepatid das Körpergewicht (um 11,7 kg), während es unter der Insulinbehandlung zu einem Anstieg um 1,9 kg kam.

In den Tirzepatigruppen kam es tendenziell seltener zu MACE 4-Ereignissen (kardiovaskulärer Tod, Myokardin­farkt, Schlaganfall, Krankenhauseinweisung wegen instabiler Angina pectoris). Die Hazard Ratio von 0,74 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,51 bis 1,08 jedoch nicht signifikant. Die Ergebnisse von SURPASS-4 wurden im Lancet (2021; DOI: 10.1016/S0140-6736(21)02188-7) publiziert.

In SURPASS-5 wurde Tirzepatid mit Placebo an 475 Patienten mit Typ-2-Diabetes verglichen, die eine Hinter­grundbehandlung mit Insulin glargin bei optionaler Zugabe von Metformin erhielten.

Wie Dr. Dominik Dahl von der Gemeinschaftspraxis für Innere Medizin und Diabetologie in Hamburg berich­ten, senkte Tirzepatid auch hier den HbA1c-Wert stärker als in der Placebogruppe (Differenz 1,47 %-Punkte in der 15 mg-Dosierung), und auch die Gewichtsunterschiede zur Placebobehandlung waren mit 10,5 kg deutlich.

Auch hier erwies sich Tirzepatid als sicher, auch wenn es zu 3 Episoden einer schwerwiegenden Hypoglykä­mie der Stufe 3 kam (2 Episoden bei Tirzepatid 10 mg und 1 Episode bei Tirzepatid 15 mg). Die Ergebnisse von SURPASS-5 wurden im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA, 2022; DOI: 10.1001/jama.2022.0078).

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat das Präparat Mounjaro mit dem Wirkstoff Tirzepatid im Mai diesen Jahres zur Behandlung von Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes zugelassen. Die US-Fachinformationen nennen als häufigste Nebenwirkungen Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, verminderten Appetit, Verstopfung, Oberbauchbeschwerden und Bauchschmerzen.

Tirzepatid hat bei Ratten Schilddrüsen-C-Zell-Tumore ausgelöst. Die US-Fachinformation enthält dazu einen umrahmten Warnhinweis. Bei einem medullären Schilddrüsenkarzinom in der Eigen- oder Familienanamnese oder bei Patienten mit multiplem endokrinem Neoplasiesyndrom Typ 2 darf Mounjaro nicht angewendet werden.

Der Hersteller hat bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) die Zulassung beantragt. Eine Entschei­dung wird noch in diesem Jahr erwartet. Der Hersteller hat eine von der FDA geforderte Endpunktstudie be­gonnen. In SURPASS-CVOT wird an 12.500 Patienten untersucht, ob die Behandlung mit Tirzepatid langfristig die Rate von schweren kardiovaskulären Ereignissen (MACE) senkt. © rme/aerzteblatt.de

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