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Medizin

Studienlage reicht nicht aus für präzisierte Ernährungs­empfehlungen in der Diabetologie

Mittwoch, 1. Juni 2022

/artursfoto, stock.adobe.com

Freising/Berlin – Fettreduziert, ketogen, proteinbetont oder doch besser mediterran – beim Diabetes Typ 2 stehen oft Gewichtsprobleme im Vordergrund, die Ärzte und Betroffene versuchen mit einer Reihe von Kostformen in den Griff zu bekommen.

Eine wichtige Komponente für den Erfolg könnten nutrigenetische Aspekte spielen, ist Thomas Skurk vom ZIEL – Institute for Food & Health, Leitung Core Facility Humanstudien in Freising überzeugt.

Die Frage seines Vortragtitels auf dem Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)Zeit für präzisierte Ernährungsempfehlungen bei Diabetes?“ beantwortete der Ernährungsmediziner gleich zu Beginn mit einem klaren „Nein“.

Bis Forschende die Ernährungsempfehlungen für Typ-1- und Typ-2-Diabetiker auf Basis der Nutrigenetik anpassen können, vergehe noch Zeit, erklärte Skurk dem Deutschen Ärzteblatt () auf Nachfrage: „Wir haben noch nicht ausreichend Studien mit stratifizierten Patienten. Es wird auch noch einige Jahre dauern, bis wir ausreichend Metaanalysen zur Hand haben, um personalisierte, auf den Genotyp abgestimmte Empfehlungen geben zu können.“

Die Empfehlungen für Menschen mit Diabetes seien daher identisch mit denen von stoffwechselgesunden Menschen: Eine ausgewogenen, leicht pflanzlich betonte Kost gilt laut Skurk für alle und soll den individuellen Vorlieben Rechnung tragen. „Diese Anpassung an das Individuum haben wir nun in den Praxisempfehlungen für Typ-1- und Typ-2-Diabetes explizit aufgenommen.“

Eine proteinbetonte Kost halten die meisten nicht lange durch

Eines der Ziele bei der Diabetestherapie sei es durch eine mäßig hypokalorische Kost das Gewicht zu senken oder durch Modulation der Makronährstoffgehalte zum Beispiel Einfluss auf die Sättigung zu nehmen. „proteinbetonte Kostformen scheinen eine Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen, da Eiweiße bekanntlich besser den Appetit senken“, sagte Skurk.

Jedoch bestünden bei Protein-betonter Ernährung immer wieder Bedenken hinsichtlich der Nierenfunktion. Bei nierengesunden Diabetikern oder bei nur leicht eingeschränkter Nierenfunktion lägen aber nicht ausreichend belastbare Daten vor, die einen Nachteil belegen könnten. Studien zeigen ohnehin, dass eine proteinbetonte Kost nicht lange unter Alltagsbedingungen durchgehalten wird (2021; DOI: 10.1007/s00125-012-2461-0).

Kurzfristig erzielt Low-Carb in Studien bessere Ergebnisse als Low-Fat

Lange Zeit wurde dann zur Einsparung von Energie eine fettreduzierte Ernährung empfohlen, berichtete Skurk weiter. Denn Fette hätten den höchsten Energiegehalt der Makronährstoffe, weshalb man die höchste Einsparung zu erwarten könnte.

„Viele Untersuchungen zeigen jedoch keinen grundsätzlichen Vorteil dieser Kostform und bestätigen, dass Low-Carb Ernährungsformen, insbesondere kurzfristig angewendet, den Low-Fat Diäten überlegen sein können“, sagte der Ernährungsmediziner aus Bayern.

Dies betreffe insbesondere glykämische Parameter wie Nüchternglukose und HbA1c, aber auch Blutdruck und das Lipidprofil (2018; DOI: 10.1007/s10654-017-0352-x, 2018; DOI: 10.1093/ajcn/nqy151, 2019; DOI: 10.1136/bmj.l2368). In einer Metaanalyse wurde berichtet, dass nach 6 Monaten Low-Carb-Ernährung 32 von 100 Patienten mit Diabetes Typ 2 zusätzlich eine Remission erreichten (2021; DOI: 10.1136/bmj.m4743). Die Evidenz der Studien ist jedoch gering.

Skurk geht auch davon aus, dass Low-carb und Low-fat längerfristig angewendet gleichwertig sein dürften. Er warnte zudem vor ketogenen Diäten mit Kohlenhydrategehalten unter 50 g (<10 E %). Die mediterrane Ernährungsform gelte hingegen als „kohlenhydrat-moderat“ und sei längerfristig durchhaltbar.

Die erwähnten Kostformen führen langfristig dennoch nur selten zum Erfolg: „Radikale Veränderungen der Ernährung reduzieren häufig die Compliance der Patienten“, erklärte Skurk dem . Die Ursache dafür sieht er beim häufig fehlenden therapeutischen Erfolg, wenn sich etwa das Gewicht nicht reduziert.

Wie Genvarianten den Erfolg bestimmter Diäten erhöhen

Die Nutrigenetik könnte die Erfolgsquote erhöhen. In seinem Vortrag gab Skurk mehrere Beispiele. So würden etwa 32 % der europäischen Bevölkerung eine Genvariante des Cytochrom P450 tragen, die dazu führe, dass sie Kaffee langsamer metabolisieren. Bei denjenigen, die Kaffee schneller metabolisieren, scheint das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen in Studien niedriger zu sein. Auch die Blutzuckerspiegel waren nach 12 Wochen Kaffeekonsum bei den Schnell-Metabolisierern niedriger (2018; DOI: 10.1017/S0007114518000260).

Das Scheitern vieler Diäten erklärte Skurk mit weiteren genetischen Merkmalen. So waren etwa SNPs (Single Nucleotide Polymorphisms) in 4 Genen (LIPF, GYS2, CETP und Galanin) einer Studie zufolge bei einer ketogenen Diät mit größeren Gewichtsverlusten assoziiert (2006; DOI: 10.1186/1743-7075-3-20). Eine AGTR2-Mutation verhalf vor allem Männern bei einer ketogenen Diät zu weniger Körperfett (2008; DOI: 10.1186/1743-7075-5-4). Hingegen war bei bestimmten angeborenen Mutationen (CPT1-Defizienz) eine ketogene Diät kontraindiziert (2020; DOI: 10.1136/bmjnph-2020-000167). Die Betroffenen merken meist schon in der Kindheit, dass sie Probleme mit der Aufnahme von Einfachzuckern hätten.

Die Nutrigenetik kennt auch bereits bestimmte FTO-Genotypen (fat mass and obesity-associated), die eine Hochproteindiät unterstützen (2014; DOI: 10.3945/ajcn.113.082164).

„Punktvarianten im FGF 21-Gen könnten von einer kohlenhydratbetonten Ernährung profitieren und Träger einer TCF7L2-Mutation haben Vorteile unter einer fettreduzierten Kost“, erklärte Skurk auf Nachfrage.

Nutrigenetik wird in der Zukunft Ernährungsempfehlungen beeinflussen

Eine Diätauswahl basierend auf genetischen Varianten würde demnach die Effektivität erhöhen. In seinem Vortrag nannte er weitere Kandidatengene, die zukünftig die Ernährungsempfehlungen beeinflussen könnten. Einschränkend gab der Ernährungsmediziner zu Bedenken: Die Zahl der Studienteilnehmenden sei meist begrenzt und genetische Informationen in der notwendigen Breite in Ernährungsstudien meist nicht vorhanden. Stratifizierte Untersuchungen entsprechend dem genetischen Fingerabdruck müssten die bisherigen Studienerfolge bestätigen.

Firmen würden schon jetzt anhand von Genpanels, die allerdings oftmals nicht veröffentlicht werden, kostenpflichtig Ernährungsempfehlungen geben.

Nach Skurks Erfahrung erhalte man allerdings meist nur die 10 Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung als Ergebnis. Einen Austausch mit der Industrie wäre seiner Ansicht nach wünschenswert, um wissenschaftlich fundierte Genpanels zu erstellen. © gie/aerzteblatt.de

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