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Jedes sechste Kind hat während der Pandemie zugenommen

Dienstag, 31. Mai 2022

/Africa Studio, stock.adobe.com

Berlin/München – Jedes sechste Kind in Deutschland ist seit Beginn der Coronapandemie dicker geworden. Besonders betroffen waren die 10- bis 12-Jährigen, hier hat jedes dritte Kind Gewicht zugenommen. Zu die­sem Ergebnis kommt eine Forsa-Umfrage unter 1.004 Eltern, die im März/April 2022 durchgeführt wurde.

Beteiligte Forschende der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und vom Else Kröner-Fresenius-Zentrum (EKFZ) für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München (TUM) warnten heute auf einer Pres­se­konferenz vor einer neuen Epidemie mit weitreichenderen Folgen als durch SARS-CoV-2-Infektionen.

Zwei Prozent der Eltern gaben in der Umfrage an, dass ihre Kinder deutlich dicker geworden sind. Betroffen von einer Gewichtszunahme waren vor allem jene, die schon zuvor übergewichtig waren.

Ein weiterer Risikofaktor war ein vergleichsweise niedriges Einkommen der Eltern (weniger als 3.000 Euro pro Monat). Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien waren doppelt so häufig von einer ungesunden Gewichtszunahme betroffen wie jene aus einkommensstarken Familien. Demnach hat die Pan­demie die gesundheitliche Ungleichheit weiter verschärft.

Antworten von 1.004 Eltern mit Kindern (3-17 Jahre):

• 16 % der Kinder und Jugendlichen sind dicker geworden, im Alter von 10 bis 12 Jahren sind es 32 %
• Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien sind doppelt so häufig von einer ungesunden Gewichtszunahme betroffen wie jene aus einkommensstarken Familien (23 zu 12 %)
• 44 % der Kinder bewegt sich weniger als vor der Pandemie, im Alter von 10 bis 12 Jahren sind es 57 %
• Bei 33 % hat sich die Fitness verschlechtert, im Alter von 10 bis 12 Jahren sind es 48 %
• Bei 43 % belastet die Pandemie die seelische Stabilität „mittel“ oder „stark“
• 70 % haben die Mediennutzung gesteigert
• 27 % greifen häufiger zu Süßwaren als zuvor
• 34 % der Familien essen häufiger gemeinsam

Die Pandemie hat sich zudem auf das Bewegungs- und Ernährungsverhalten der Kinder und Jugend­lichen ausgewirkt: Fast die Hälfte bewegte sich weniger als zuvor, etwa ein Viertel aß mehr Süß­waren.

Bei jedem dritten Kind habe sich laut den Eltern die körperlich-sportliche Fitness verschlechtert, bei fast der Hälfte der Kinder und Jugendlichen belastet die Pandemie die seelische Stabilität „mittel“ oder „stark“ (weitere Ergebnisse siehe Kasten).

Die DAG und das EKFZ für Ernährungsmedizin fordern mit Blick auf die Ergebnisse einen „Marshall-Plan für die Kindergesundheit“, um die Folgen der Pandemie aufzufangen.

Als Sofortmaßnahmen empfehlen sie eine Be­steuerung von Zuckergetränken, Werbeschranken für ungesunde Lebensmittel und eine Stärkung der Adipositas-Therapie. Vom Disease-Manage­ment-Proramm (DMP), das aktuell für Adipositas entwickelt wird, erhoffen sie sich künftig eine fächendeckende Versorgung.

Welche Gewichtszunahme bei Kindern und Jugendlichen unter normalen Umständen ohne Pandmie zu erwarten gewesen wäre, können Studien nur teilweise beantworten. In einer Erhebung aus Österreich konnte beispielsweise gezeigt werden, dass Kinder vor der Pandemie durchschnittlich 2,8 Kilogramm jährlich zunahmen. Während der Pandmie hatte sich die Geiwchtszunahme auf 4,5 Kilogramm verdoppelt.

„Eine Gewichtszunahme in dem Ausmaß wie seit Beginn der Pandemie haben wir zuvor noch nie gesehen. Das ist alarmierend, denn Übergewicht kann schon bei Kindern und Jugendlichen zu Bluthochdruck, einer Fettleber oder Diabetes führen“, erklärte Susann Weihrauch-Blüher, Oberärztin an der Universitätskinderklinik Halle/Saale und Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der DAG.

„Die Krankheitslast ist ungleich verteilt und Corona hat das erheblich verschärft“, ergänzte Hans Hauner, Di­rektor des EKFZ für Ernährungsmedizin und DAG-Vorstandsmitglied. „Die Folgen der Pandemie müssen auf­gefangen werden, sonst werden die ‚Corona-Kilos‘ zum Bumerang für die Gesundheit einer ganzen Genera­tion“, so Hauner. Die Finanzierung der Adipositas-Therapie durch die Krankenkassen müsse dafür zur Regel werden.

Die Krankheitslast ist ungleich verteilt und Corona hat das erheblich verschärft. Hans Hauner, Direktor des EKFZ

Schon vor Corona waren 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Übergewicht betroffen, sechs Prozent sogar von starkem Übergewicht. Zu Beginn der Pandemie hatte das EKFZ bereits im September 2020 eine Erhebung mit vergleichbarer Methodik zum Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt.

Damals hatte neun Prozent der Eltern angegeben, dass ihr Kind seit der Pandemie zugenommen hätte. Ein Abgleich mit den aktuellen Daten zeigt, dass sich die Auswirkungen auf den Lebensstil verfestigt haben.

Die Pandemie scheint aber nicht nur eine Gewichtszunahme der Kinder bewirkt zu haben. Auch die Zahl der Kinder mit Magersucht und Bulimie nehme zu, berichtete Weihrauch-Blüher und verwies auf noch nicht publizierte Daten.

Kürzlich hat die WHO Europa vor den Folgen der Adipositasepidemie gewarnt und auf „nachteilige Verände­rungen bei Ernährungs- und Bewegungsmustern“ durch die Corona-Pandemie hingewiesen. Auch der Corona-Expertenrat der Bundesregierung hatte im Februar vor einer „Zunahme von Adipositas“ gewarnt und Gegenmaßnahmen empfohlen.

Weitere Daten aus Deutschland deuten auf Gewichtszunahme während der Pandemie hin

Aktuelle, bundesweit repräsentative Messungen des Körpergewichts von Kindern und Jugendlichen liegen nicht vor. Die letzte Erhebung des Robert-Koch-Instituts fand in den Jahren 2014–2017 statt. Die aktuelle Umfrage sowie erste regionale Messungen und Befragungen legen nahe, dass heute mehr Kinder und Ju­gendliche von Übergewicht betroffen sind als je zuvor.

So ist einer Studie der Universität Leipzig zufolge das Körpergewicht von Kindern in der Region Mitteldeutsch­land in den ersten Monaten der Corona-Pandemie deutlich gestiegen. Im Rahmen einer Befragung des Karlsruher Instituts für Technologie berichtete ein Viertel der Kinder und Jugendlichen mit Normalgewicht von einer Gewichtszunahme im zweiten Lockdown 2020. Auch Daten der DAK-Gesundheit zeigen einen deutlichen Anstieg der Krankenhausbehandlungen wegen Adipositas bei Kindern und Jugendlichen im Jahr 2020.

Die Ermittlung von Lebensgewohnheiten und der Gewichtsentwicklung mittels Umfragen, wie im vorliegen­den Fall, unterliegt methodischen Einschränkungen. Insbesondere ist von einer Untererfassung bei Angaben zu ungesundem Verhalten auszugehen. © gie/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 31. Mai 2022, 18:33

Input gleich Output

Da schon vor Corona 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Übergewicht betroffen waren, sechs Prozent sogar von starkem Übergewicht, liegt hier keine Kausalität, sondern nur eine Koinzidenz mit Sars-CoV-2-Infektionen und COVID-19-Erkrankungen vor.

Adipositas und Obesitas bedeuten nach wie vor, dass der kalorische Input deutlich größer ist der kalorische Output. Durch Unterernährung und Übertraining ist eine Adipositas-Entwicklung nicht machbar.

Bei Kindern und Jugendlichen steht am Anfang die vorbildliche Ess-Erziehung und -Kultur der Bezugspersonen, der Nachahmungstrieb, der Genuss, die haptische Sinnlichkeit und die Anleitung zu bewusster Ernährung. Bewegungs- und Aktivitätsmangel sind "faule Ausreden".

Alles andere sind Ablenkungs- und Täuschungsmanöver.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, Facharzt für Allgemeinmedizin in Dortmund
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