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Politik

Grippe- und Coronaimpfungen: Apotheker schießen gegen KBV

Freitag, 3. Juni 2022

Gabriele Regina Overwiening, Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände(ABDA) /picture alliance, Michael Kappeler

Berlin – Die Bundesvereinigung Deutscher Apotheken (ABDA) weist die Kritik aus der Ärzteschaft an ihren Impfvorstößen zurück und warnt vor Forderungen nach einem Arzneimitteldispensierrecht. Das könne die Arzneimittelkosten der gesetz­lichen Krankenversicherung in die Höhe treiben, erklärte ABDA-Präsidentin Gabriele Overwiening. Die Ärzte verhielten sich wie im Sandkasten.

Die Standesvertretung der Apothekerinnen und Apotheker sieht ihre Branche in Zukunft eine größere Rolle im Gesundheitswesen spielen als bisher. „Seit Beginn der Coronapandemie vor mehr als zwei Jahren haben Apo­theken neue Aufgaben übernommen, die gerade im Jahr 2021 viel Zeit, Energie und Kompetenz erfordert haben“, sagte Overwiening heute bei der Vorstellung ihres Jahresberichts in Berlin. „Das Leistungsspektrum der Apotheken ist inzwischen enorm breit.“

Neben der Auslieferung von 89,8 Millionen Dosen Coronaimpfstoff, der Ausstellung von 97 Millionen digitalen Impf- und Genesenenzertifikaten sowie der Durchführung von Antigentests auf SARS-CoV-2 in jeder vierten Apotheke meinte Overwiening damit vor allem die Verabreichung von Grippe- und Coronaimpfungen.

So hätten sich allein zwischen Februar und April dieses Jahres rund 100.000 Menschen in Apotheken gegen COVID-19 impfen lassen. Deutschlandweit seien 1.064 Betriebe dazu qualifiziert und ausgestattet. Und im Herbst soll die Grippe­schutz­impfung als Regelleistung hinzukommen.

„Die Apotheken nehmen diese Herausforderung gerne an, weil Gesellschaft und Staat unsere Mitwirkung wünschen“, sagte Overwiening. Es sei „ein kluger Zug“ der Bundesregierung gewesen, dafür zu sorgen, dass im Herbst in den Apotheken gleichzeitig gegen Grippe und gegen Corona geimpft werden kann. „Wir müssen die schlechten Impfquoten in Deutschland erhöhen und das niedrig­schwellige Angebot in Apotheken soll helfen, neue Bevölkerungsgruppen für die Immunisierung zu gewinnen.“

Genau daran herrschen jedoch in der Ärzteschaft massive Zweifel. Es handele sich mehr um eine „PR-Masche“ der ABDA als um eine Forderung mit wirklichem Mehrwert für die Versorgung, hatte der stellvertretende Vor­standsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Stephan Hofmeister, vergangene Woche bei der KBV-Mitgliederversammlung betont.

Denn nicht nur gehe die Zielgruppe der Apothekenimpfungen an den Empfeh­lungen der Ständigen Impfkom­mission (STIKO) vorbei. Mehr noch würden die Zahlen den fehlenden Bedarf aufzeigen: So hätten sich in der Modellregion Nordrhein innerhalb von über zwei Jahren gerade einmal 1.800 Menschen in einer Apotheke gegen Grippe impfen lassen. In den Vertragsarztpraxen der Region seien rund 1,4 Millionen Menschen gewe­sen – allein im zweiten Halbjahr 2021.

Er wisse nicht, ob den Apothekern klar sei, „welches Ei ihnen hier ins Nest gelegt wurde“, denn im Gegenzug könnte die Ärzteschaft nun auf die Forderung nach einem Arzneimitteldispensierrecht im Notdienst verfallen – und das hätte im Gegensatz zu Grippeimpfungen in der Apotheke einen tatsächlichen Versorgungs­mehr­wert.

Overwiening wies heute beides mit deutlichen Worten zurück. „Dass die Ärzte das für sich wie das Wegneh­men eines Spielzeugs im Sandkasten wahrnehmen und mit dem Dispensierrecht eine Retourkutsche fahren, ist ihr gutes Recht“, erklärte sie. „Es geht aber nicht darum, jemandem etwas wegzunehmen, sondern die Ver­sor­gung zu verbessern.“

Auch wenn eine mögliche Forderung der Ärzteschaft nach dem Dispensierrecht ihr gutes Recht sei, halte sie sie für „absolut ungerechtfertigt“. Das Beispiel der Schweiz, in der die Frage uneinheitlich geregelt ist, zeige das deutlich: In Regionen mit Dispensierrecht für Ärzte habe sich eine Steigerung der Arzneimittelkosten um bis zu 25 Prozent gezeigt.

„Es gibt doch einen Grund, warum die Berufe Arzt und Apotheker vor 900 Jahren getrennt wurden“, betonte Overwiening. Ärzte dürften nicht an Arzneimitteln mitverdienen können, sonst würden sie das nämlich auch tun. Das müsse so bleiben.

Die dürftigen Zahlen in den Modellprojekten seien außerdem wenig aussage­kräftig, und Schuld daran nicht die Apotheken, sondern Politik und gesetzliche Krankenversicherung: Schließlich mussten die zuständigen Apothekerverbände Selektivverträge mit den Kassen schließen und konnten dann jeweils nur deren Versi­cher­te impfen.

Allerdings habe das Engagement der Krankenkassen sehr zu wünschen übrig­gelassen, die Partner der Ver­bände hätten sich im Wesentlichen auf ein paar AOKen beschränkt. „Wenn sie da keine Kasse finden, ist das kein Scheitern der Apotheken, sondern man muss fragen welche Bedeutung ein gesetzlicher Auftrag für die Kassen hat“, erklärte die ABDA-Chefin und Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe (AKWL), deren Mitglieder bereits seit September gegen die Influenza immunisieren dürfen.

Die geringe Beteiligung der Kassen habe die Zahl nicht nur direkt, sondern auch indirekt gedrückt: Sie wisse davon, dass Kunden in vielen Apotheken nach Impfungen fragten und weggeschickt werden mussten, weil sie nicht bei der richtigen Kasse versichert sind. Das spreche sich herum und drücke die Nachfrage noch weiter.

Deshalb seien die Modellprojekte auch nicht gescheitert, sondern das Erreichte sei an sich eine Leistung der Apothekerschaft, die das Thema konsequent voran­getrieben habe. Sie hoffe deshalb im Herbst auf eine möglichst hohe Beteiligung unter den Apotheken.

Weniger Konfliktpotenzial zwischen Ärzten und Apotheken gibt es bei einem anderen Thema: Die Homöo­pathie ist unter Pharmazeuten genauso umstritten wie unter Medizinern. Aufmerksam hat die ABDA deshalb verfolgt, wie der 126. Deutsche Ärztetag die Behandlungsmethode vergangene Woche aus der Musterwei­ter­bil­dungs­ordnung geworfen hat.

„Wir werden uns das im Nachgang zum Deutschen Ärztetag nochmal damit beschäftigen und diesen Be­schluss kritisch würdigen“, sagte Overwiening. „Ich weiß natürlich nicht, wie sich die zuständigen Gremien da entscheiden, aber wir werden uns dem Thema nochmal widmen.“

Selbstbewusst zeigte sich die ABDA-Präsidentin mit Blick auf die nächste Phase bei der Einführung des E-Re­zepts: Ab September sollen die Apotheken verpflichtet sein, E-Rezepte verarbeiten zu können. „Heute können wir auch mit Zahlen belegen, dass zwischen 98 und 100 Prozent mit E-Health-Konnektoren, Heilbe­rufsaus­weisen und Institutionenkarten ausgestattet sind“, erklärte die 60-Jährige. „Wir werden alles daransetzen, dass wir zum 1. September bereit sind.“

Allerdings gebe es noch einige Punkte von Retaxationen bis zu Signaturen, die noch ausgeräumt werden müssten – beispielsweise bei Verordnungen aus Gemeinschaftspraxen. Während es heute normal sei, dass ein Muster-16-Rezept im Namen der Praxis unterzeichnet wird, gebe es beim E-Rezept technische Schwierig­kei­ten, wenn die qualifizierte elektronische Signatur nicht von dem Arzt stammt, der ein Arznei­mittel verordnet hat. Solche Fragen müssten gelöst werden, bevor das E-Rezept flächendeckender Standard wird.

Mit größerer Nervosität schaut die ABDA hingegen in Richtung Bundesgesund­heits­ministerium (BMG), wenn es darum geht, das Milliardenloch der Kassen zu stopfen. Ein erster, nicht autorisierter Referentenentwurf für ein GKV-Finanzsta­bilisierungsgesetz hatte nämlich unter anderem eine deutliche Erhöhung des Apotheken­abschlags und eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Arzneimittel vorgesehen.

Eine Mehrwertsteuersenkung sei zwar „grundsätzlich sehr zu begrüßen, weil sie die Arzneimittelausgaben der Kassen insgesamt senkt“, sagte Overwiening. „Aber leider war das Gesetz so formuliert, dass sie zu einer weite­ren Honorarkürzung für Apotheken führen würde, weil sie den Nettobetrag des Apothekenabschlags erhöht.“

Die ABDA hoffe deshalb, dass die beiden Kürzungen aus dem bald vorzulegenden Entwurf getilgt wurden. „Man sollte dort sparen, wo die Kosten aus dem Ruder laufen, und nicht dort, wo sie, wie bei den Apotheken, bereits gesunken sind.“ © lau/aerzteblatt.de

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