NewsÄrzteschaft„race“-Angaben in pädiatrischen US-Leitlinien haben häufiger negative als positive Effekte
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

„race“-Angaben in pädiatrischen US-Leitlinien haben häufiger negative als positive Effekte

Montag, 13. Juni 2022

/Rawpixel.com, stock.adobe.com

Seattle – Die englische Bezeichnung „race“ sowie ethnische Gruppen sind Teil vieler Leitlinienempfehlungen. In pädiatrischen klinische Leitlinien führen diese Kategorien in jedem zweiten Fall zu einer Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung. Zu diesem Ergebnis kommt ein systematischer Review, der in JAMA Pediatrics publiziert wurde (2022; DOI: 10.1001/jamapediatrics.2022.1641).

Von 414 pädiatrischen Leitlinien für die klinische Praxis erfüllten 126 (30 Prozent) die Kriterien für eine voll­ständige Überprüfung, da sie den Begriff „race“ oder eine ethnische Zugehörigkeit in 175 Fällen enthielten. Eine potenziell negative Auswirkung hatte die Erwähnung in 87 Fällen (49,7 Prozent) in 73 Leitlinien, in fast jedem dritten Beispiel (50 Mal, 28,6 Prozent) erwähnten 45 Leitlinien die Begriffe so, dass es einen positiven Effekt haben könnte.

Nur in zwölf Leitlinien nahmen die Autoren „race“ oder ethnische Gruppen zum Anlass, um weitere For­schungs­­arbeit anzuregen oder auf Lücken in der klinischen Praxis und Ungleichheiten hinzuweisen.

Die Verwendung von „race“ mit potenziell negativen Auswirkungen wurde dann angenommen, wenn bei­spielsweise die Mehrheitsgruppe (weiße) als Normalfall angenommen wurden, „race“ als biologische oder genetische Risikofaktoren eingeordnet wurden oder mit negativen Stereotypen (zum Beispiel Ernährung, Vorlieben und Armut) verknüpft waren. Zudem gab es Beispiele, in denen Test- oder Behandlungsschwellen sowie „race“-Korrekturfatoren empfohlen wurden.

Geografisches Risiko statt „race“-bezogenes Risiko

Positive Effekte definieren die Autoren beispielsweise dann, wenn anhand der „race“ gesundheitliche Un­gleich­heiten oder Inklusion beschrieben werden, repräsentative Ausschussstrukturen sowie Respekt vor der kulturellen Sozialisation und Erfahrung der Patienten (cultural humility) empfohlen werden. Auch die Be­schreibung des geografischen Risikos anstelle eines „race“-bezogenen Risikos fassen die Autoren als positiv auf.

In der Geschichte der Medizin wurden lange Zeit die Biologie und Genetik rassifizierter und ethnischer Min­derheiten für beobachtete Unterschiede verantwortlich gemacht, anstatt „race“ als ein sozial-politisches Kons­trukt anzuerkennen, schreiben die Autoren um Courtney A. Gilliam vom Seattle Children’s Hospital der Univer­sity of Washington. Der Umgang der Gesellschaft mit Minderheiten sei wahrscheinlich der Grund für die beobachteten Unterschiede, vermutet das Autorenteam.

In Deutschland koordiniert die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaf­ten (AWMF) die Entwicklung von Leitlinien für Diagnostik und Therapie durch die einzelnen Wissenschaftli­chen Medizinischen Fachgesellschaften.

Dem Deutschen Ärzteblatt () teilte die Fachgesellschaft auf Nachfrage mit, dass man Fragen zu Aussagen in Leitlinien in Bezug auf ethnische Gruppen oder, falls sie vorhanden wären, gar deren Effekten vor dem Hintergrund des Deutschen Gesundheitssystems nicht beantworten könne.

US-Fachgesellschaften positionieren sich gegen Rassismus

In jüngster Zeit haben viele Fachgesellschaften in den USA anerkannt, dass auch sie zur gesundheitlichen Un­gleichheit beigetragen haben. Jetzt wollen sie dazu beitragen, diese Fehlentwicklung wieder rückgängig zu machen.

So haben beispielsweise 20 Verbände der Gynäkologie und Geburtshilfe 2020 eine gemeinsame Erklärung gegen Rassismus in ihrer Praxis veröffentlicht. Die American Academy of Pediatrics veröffentlichte 2019 eine Erklärung zur Rolle von Rassismus und Kindheit (2019; DOI: 10.1542/peds.2019-1765).

Auch die American Medical Association veröffentlichte eine Richtlinie über Rassismus als Epidemie der öffent­lichen Gesundheit. Die US Centers for Disease Control folgten diesem Beispiel und erklärten Rassismus zu einer Bedrohung für die öffentliche Gesundheit.

Der Weltärztebund (WMA) will eine Positionierung zu Rassismus im Gesundheitswesen erarbeiten. Man habe darüber Anfang April bei der Vorstandssitzung gesprochen und eine Resolution für die Generalversammlung in Berlin vorbereitet und verabschiedet, teilte Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des WMA kürzlich dem mit.

Das Ausmaß durch Empfehlungen in Abhängigkeit ethnischer Gruppen und „race“ in Leitlinien medizinischer Fachgesellschaften ist weitestgehend unbekannt. Die Autoren aus Seattle sehen darin einen weiteren Ansatz­punkt, um Rassismus im Gesundheitswesen zu reduzieren.

„Wir hoffen, dass dieser Bericht die Diskussion darüber fortsetzt, wie ‚race‘ in Leitlinien für die klinische Praxis verwendet wird“, sagte Gilliam. Ihrer Meinung nach sei es notwendig, aktuelle Leitlinien zu überprüfen und ein System zu etablieren, dass mehr Gerechtigkeit bei der Erstellung von Leitlinien gewährleiste. Im Fokus der Diskussion sollte die Frage stehen, wie Rassismus die Patientenversorgung beeinflusst.

Die sinnvolle Fragestellung wäre, wie in Zukunft Menschen mit besonderen Bedürfnissen im Sinne einer Individualisierung vor dem Hintergrund des bio-psychosozialen Modells (ICF) identifiziert und berücksichtigt werden könnten. Ina Kopp und Monika Nothacker, AWMF

Eine solche Überprüfung hält die AWMF nicht für zielführend. „Die sinnvolle Fragestellung wäre, wie in Zu­kunft Menschen mit besonderen Bedürfnissen im Sinne einer Individualisierung vor dem Hintergrund des bio-psychosozialen Modells (ICF) identifiziert und berücksichtigt werden könnten“, sagen Ina Kopp, Leiterin des AWMF-Institut für Medizinisches Wissensmanagement und Monika Nothacker, stellvertetende Institutsleiterin der AWMF.

Besondere Bedürfnisse bezögen sich explizit nicht auf eine theoretische „ethnicity“ oder gar auf ein „race“-Framework. Dazu habe die AWMF für die Bundesärztekammer in 2013 eine Expertise erstellt. „Das Grund­problem ist oft die mangelnde Evidenz, die Leitlinienempfehlungen zugrunde gelegt werden kann“, geben Kopp und Nothacker zu Bedenken. Selbst die Genderverteilung in Studienpopulationen sei oft nicht gleich­mäßig oder Subgruppenauswertungen dazu nicht möglich.

„Prospektiv empfehlen wir die Anwendung der GRADE-Methodik – hier werden Aspekte wie ‚equity‘ als ex­pli­zite Kriterien in einem ‚evidence-to-decision‘-framework adressiert“, erläutern die Vertreterinnen der AWMF. Diese Methodik würde die Rationale für eine Empfehlung transparenter begründen (BMJ, 2016; DOI: 10.1136/bmj.i2016). © gie/aerzteblatt.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER