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Medizin

Rektumkarzinom: Immuntherapie erzielt bei allen Patienten Remission – ohne Radiochemo und ohne Operation

Donnerstag, 9. Juni 2022

/Anatomy Insider, stock.adobe.com

Chicago – Eine Immuntherapie mit dem PD-1-Inhibitor Dostarlimab hat sich in einer Phase-2-Studie bei Patienten mit einem lokalisierten Rektumkarzinom und einer Mismatch-Reparaturdefizienz als erstaunlich wirksam erwiesen.

Laut der Studie im New England Journal of Medicine (2022; DOI: 10.1056/NEJMoa2201445) kam es bei allen 12 Patienten zu einer kompletten Remission, die bisher über mindestens 6 Monate anhielt. Die Ergebnisse wurden auch auf der Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) vorgestellt.

Bei einer Mismatch-Reparaturdefizienz werden Fehler bei der DNA-Replikation nicht korrigiert. Es kommt zu einer Anhäufung von Mutationen, die die Bildung von veränderten Proteinen zur Folge hat. Auf der Zelloberfläche werden diese veränderten Proteine vom Immunsystem als Neoantigene und fremd eingestuft. Normalerweise würde dies zur raschen Vernichtung der Krebszellen durch aktivierte T-Zellen führen. Einige Malignome schützen sich jedoch durch die Bildung von PD L1/L2 („Programmed Cell Death Ligand 1/2“) auf ihrer Oberfläche. Solche Zellen werden trotz Neoantigenen von den T-Zellen verschont.

PD 1-Inhibitoren wie Dostarlimab heben den Selbstschutz der Krebszellen auf. T-Zellen können die Krebszellen wieder attackieren. Der Angriff fällt bei einer Mismatch-Reparaturdefizienz aufgrund der zahlreichen Neoantigene besonders heftig aus.

Dostarlimab ist seit dem letzten Jahr zur Behandlung von Patientinnen mit einem Endometriumkarzinom zugelassen, bei denen eine Mismatch-Reparaturdefizienz nachgewiesen wurde. Der Antikörper kommt dort nur bei fortgeschrittenen Erkrankungen zum Einsatz, bei denen andere Therapien erfolglos waren.

Ein Team um Andrea Cercek vom Memorial Sloan Kettering Center Institute in New York hat Dostarlimab jetzt an Patienten erprobt, bei denen ein Rektumkarzinom im Stadium 2 oder 3 diagnostiziert wurde. Bei diesen Patienten besteht die Behandlung derzeit in einer Strahlentherapie mit anschließender Chemotherapie mit dem Ziel, den Tumor vor der Operation zu verkleinern. Der Eingriff besteht nach Möglichkeit in einer totalen mesorektalen Resektion, die den Patienten einen künstlichen Darmausgang erspart. Mit der konventionellen Radiochemotherapie wird bei etwa 1/4 der Patienten eine komplette Remission erzielt. Bei diesen Patienten wird manchmal auf eine Operation verzichtet („Organ Preservation of Rectal Adenocarcinoma“).

In der aktuellen Studie wurden die Patienten in den ersten 6 Monaten nur mit Dostarlimab behandelt. Danach sollten sie eine Radiotherapie mit begleitender Chemotherapie (Capecitabin) erhalten. Im Anschluss war eine totale mesorektale Resektion geplant.

Wie Cercek berichtet, ist es bisher bei keinem Patienten zu einer Radiochemotherapie oder einer totalen mesorektalen Resektion gekommen. Denn bei allen 12 Patienten war bei der Abschlussendoskopie kein Tumor mehr im Rektum sichtbar. Auch die Magnetresonanztomografie zeigte keine Raumforderung mehr an, und in der Positronenemissionstomografie war keine gesteigerte Aufnahme des Markers FDG erkennbar. Auch bei 4 folgenden Patienten deutet bisher alles auf einen kompletten Rückgang des Tumors hin.

Die Darmbeschwerden der Patienten gingen schon bald nach Beginn der Therapie zurück. Die Nebenwirkungen der Immuntherapie mit Dostarlimab waren milde. Die häufigsten unerwünschten Ereignisse waren Hautausschlag oder Dermatitis (bei 31 % der Patienten), Juckreiz (bei 25 %), Müdigkeit (bei 25 %) oder Übelkeit (bei 19 %). Bei einem Patienten (6 %) kam es zu Störungen der Schilddrüsenfunktion. Alle Nebenwirkungen waren milde (Grad 1 oder 2).

Bei 4 Patienten dauert die Vollremission mittlerweile seit mehr als 1 Jahr an. Allen Patienten blieben bisher die Folgen der Radiochemotherapie und der Operation erspart. Sie bestehen nicht nur in einer Störung der Darmfunktion durch die totale mesorektale Resektion. Die Strahlentherapie kann auch zu Harninkontinenz und erektilen Dysfunktionen führen.

Eine Heilung können die Ärzte den Patienten nicht versprechen, da Rezidive auch von einzelnen verbliebenen Krebszellen ausgehen können, wobei die Gefahr mit der Zeit jedoch abnehmen dürfte. Die Frage ist jetzt, wie hoch die Evidenz einer kleineren Phase-2-Studie eingestuft werden kann. Dass in einer Krebsstudie bei allen Patienten eine komplette Remission erreicht wird, ist äußerst selten.

Auch erfahrene Krebsexperten dürften sich nicht an ein solches Ereignis einer Studie erinnern. Die Behandlung käme zunächst für die etwa 5 % bis 10 % der Patienten infrage, bei denen eine Mismatch-Reparaturdefizienz besteht. © rme/aerzteblatt.de

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