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Medizin

Adipositas: Gewichtsverlust nach bariatrischer Operation senkt Krebsrisiko

Montag, 20. Juni 2022

/picture alliance, Chinafotopress

Cleveland/Ohio – Adipöse Patienten, die sich an einer US-Klinik einer bariatrischen Operation unterzogen, erkrankten in den Folgejahren zu einem Drittel seltener an einer Gruppe von 13 Krebsarten, die die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) mit einem erhöhten Krebsrisiko in Verbindung bringt.

Nach der im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA, 2022; DOI: 10.1001/jama.2022.9009) publizierten Kohortenstudie ist auch das Krebssterberisiko vermindert.

Die IARC sieht ausreichende Belege („sufficient evidence“) dafür, dass übermäßiges Körperfett die Entwicklung von Krebserkrankungen in Brustdrüse, Endometrium, Ovarien, Ösophagus (Adenokarzinom), Gallenblase, Magen (Kardia), Dickdarm, Nieren, Leber, Bauchspeicheldrüse, Schilddrüse, in den Meningen und im Knochenmark (Multiples Myelom) fördert.

Dafür sprechen nach Einschätzung der WHO-Einrichtung nicht nur zahlreiche epidemiologische Studien, in denen adipöse Menschen häufiger an den 13 Krebsformen erkrankten. Es gebe auch Hinweise aus Tierexperimenten und plausible Pathomechanismen wie eine Erhöhung der zirkulierenden Adipokine, des Insulins und des insulinähnlichen Wachstumsfaktors. Östrogene, entzündliche Zytokine, Veränderungen der Mikrobiota und epigenetische Veränderungen, zu denen es bei adipösen Menschen kommt, könnten ebenfalls das Krebswachstum anregen.

Wenn die Assoziationen kausal sind, dann sollte eine Gewichtsabnahme das Krebsrisiko senken. Mit die stärkste Gewichtsabnahme wird durch eine bariatrische Operation erzielt. Magenverkleinerung und Darmverkürzung können das Körpergewicht innerhalb kurzer Zeit um 25 % bis 30 % senken, und die meisten Patienten halten ihr neues Gewicht über einen längeren Zeitraum.

Ein Team um Ali Aminian von der Cleveland Clinic hat die Auswirkungen der Operation auf das Krebsrisiko bei 5.053 Patienten untersucht, die sich in den Jahren 2004 bis 2017 an einer Klinik des „Cleveland Clinic Health System“ einer bariatrischen Operation (Roux-en-Y-Magenbypass oder Schlauchmagen) unterzogen. In der SPLENDID-Studie („Surgical Procedures and Long-term Effectiveness in Neoplastic Disease Incidence and Death“) wurden die Krankenakten mit 25.265 anderen Patienten mit einem ähnlichen Body-Mass-Index verglichen, die nicht operiert wurden. Die operierten Patienten hatten nach 10 Jahren 24,8 kg abgenommen, was einem Verlust des Körpergewichts um 19,2 % entsprach.

Während einer medianen Nachbeobachtungszeit von 6,1 Jahren erkrankten 96 der operierten Patienten an einer der 13 Krebserkrankungen, die die IARC mit der Adipositas in Verbindung bringt. In der Kontrollgruppe erkrankten 780 Patienten. Aminian ermittelt eine kumulative 10-Jahres-Inzidenz von Adipositas-assoziierten Krebserkrankungen von 2,9 % bei den operierten und von 4,9 % bei den nicht operierten Patienten. Die absolute Risikodifferenz von 2,0 %-Punkten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,2 bis 2,7 %-Punkten signifikant. Die adjustierte Hazard Ratio HR betrug 0,68 (0,53-0,87). Mit anderen Worten: Die Operation hatte das 10-Jahresrisiko um 32 % gesenkt.

Die Operationen können auch die Zahl der Krebstodesfälle verringert haben. Nach der bariatrischen Operation waren 21 Patienten an Krebs gestorben gegenüber 205 Patienten in der nicht-chirurgischen Kontrollgruppe. Die kumulative Inzidenz der krebsbedingten Todesfälle betrug bei den operierten Patienten in den ersten 10 Jahren 0,8 % gegenüber 1,4 % in der Kontrollgruppe. Die absolute Risikodifferenz von 0,6 %-Punkten (0,1 bis 1,0 %-Punkte) war ebenso signifikant wie die adjustierte Hazard Ratio (0,52; 0,31-0,88). Die Operation könnte in nur 10 Jahren fast die Hälfte der Krebstodesfälle verhindert haben.

Aminian fand auch eine Dosis-Wirkungsbeziehung: Die kumulative Krebsinzidenz war umso niedriger, je höher der Gewichtsverlust ausgefallen war. Hinzu kommt, dass die SOS-Studie („Swedish Obese Subjects“) und eine Analyse des Gesundheitssystems Kaiser Permanente zu ähnlichen Ergebnissen gekommen waren.

In der SOS-Studie hatten die Patienten nach einer Magenverkleinerung oder einem Magenband, 2 Verfahren die wegen der geringeren Effektivität heute kaum noch durchgeführt werden, ein um 33 % vermindertes Krebsrisiko (Lancet Oncology, 2009; DOI: 10.1016/S1470-2045(09)70159-7)

Unter den Versicherten von Kaiser Permanente kam es nach der Operation bereits nach 3,5 Jahren zu 23 % weniger Krebserkrankungen (HR 0,67; 60-74) und 41 % weniger Adipositas-assoziierten Krebserkrankungen (HR 0,59; 0,51-0,69). Die Ergebnisse waren in den Annals of Surgery (2019; DOI: 10.1097/SLA.0000000000002525) publiziert worden.

All dies beweist nicht mit letzter Sicherheit, dass der Rückgang der Krebserkrankungen auf den Gewichtsverlust durch die Operation zurückzuführen ist. Es bleibt denkbar, dass die Operation die Patienten auch in anderen Bereichen veranlasst hat, gesünder zu leben.

Tatsächlich nahmen die Operierten häufiger an Krebsvorsorgeuntersuchungen teil. Die Forscher haben dies, soweit es in den Krankenakten notiert wurde, berücksichtigt. Es gibt aber immer Verhaltensweisen, etwa körperliche Aktivität oder Ernährung, die das Krebsrisiko beeinflussen, die aber nicht Gegenstand des Arztgesprächs sind und deshalb auch nicht in den Krankenakten notiert werden. Dies ändert allerdings nichts daran, dass die Patienten, die sich für die Operation entschieden haben, nicht nur eine deutliche Gewichtsreduktion erzielten, sondern in der Folge auch vor Krankheiten geschützt waren, zu denen neben einem Typ-2-Diabetes auch eine Reihe von Krebserkrankungen gehören. © rme/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 20. Juni 2022, 20:08

BMI/Körperoberfläche (KOF) nehmen individuell/kollektiv/epidemisch zu

Die letzten 60 Jahren brachten in hochindustrialisierten Ländern durch das Ernährungsüberangebot ansteigende Körpermaße. Body-Mass-Index und KOF nehmen individuell/kollektiv/epidemisch zu. So wie in großen Populationen von Menschen mehr Krankheitsprävalenzen und höherer medizinischer Versorgungsbedarf bestehen als in kleineren Populationen, bestehen große, schwere Patientinnen und Patienten individuell aus mehr Körperzellen, die potenziell entarten/Tumor induzierend wirken könnten.

Der weltweit in hoch industrialisierten Ländern ansteigende durchschnittliche BMI, steigert die Zell- und Substanzmenge der betroffenen Patienten.

BMI-/KOF- Berechnungen werden individuell z. B. nach der Mosteller-Formel über die Uniklinik Jena berechnet:
http://www.idir.uniklinikum-jena.de/bmi_kof.html
Besonders bei Krebserkrankungen der Hautoberfläche (Basaliom, Spinaliom, Karzinom, Melanom etc.) ist die Zunahme der KOF in Abhängigkeit vom BMI von Bedeutung.

45 kg bei 150 cm Größe bedeuten BMI 20 kg/cm² und KOF 1,37 m²
55 kg bei 155 cm Größe bedeuten BMI 22,89 kg/cm² und KOF 1,54 m² -
75 kg bei 160 cm Größe bedeuten BMI 29,3 kg/cm² und KOF 1,83 m² -
100 kg bei 170 cm Größe bedeuten BMI 34,6 kg/cm² und KOF 2,17 m² -
140 kg bei 185 cm Größe bedeuten BMI 40,91 kg/cm² und KOF 2,68 m².

Extreme Adipositas und Größenwachstum lassen gegenüber kleineren, noch normgewichtigen Menschen die Körperoberfläche fast v e r d o p p e l n. Damit steigt das Risiko zumindest bei Tumorerkrankungen der Haut überproportional an.

Die von Bhaskaran, K. et al. publizierte Studie: "Body-mass index and risk of 22 specific cancers: a population-based cohort study of 5,24 million UK adults."
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(14)60892-8/fulltext#
stellt den Zusammenhang von Krebserkrankungen und BMI als populationsbasierte Fall-Kontroll-Kohorten-Studie dar.

Die vorliegende, aktuelle Studie scheint dies zu bestätigen.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Th. G. Schätzler, FAfAM
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