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Politik

Hohe Ausgaben im Gesundheitssystem führen nicht zu einer besseren Versorgung

Mittwoch, 8. Juni 2022

/ipopba, stock.adobe.com

Wiesbaden – Die Gesundheitsausgaben in Deutschland seien in den vergangenen Jahren stark gestiegen, berichtete Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin beim DGIM-Talk der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) gestern Abend. Die hohen Ausgaben führten zwar dazu, dass es viele Leistungen im ambulanten und stationären Sektor gebe. Diese seien aber im internationalen Vergleich sehr teuer und führten nicht unbedingt zu einer Verbesserung der Gesundheit der Menschen, erklärte Busse in seinem Vortrag.

2020 habe das deutsche Gesundheitssystem 441 Milliarden Euro gekostet; das sei mehr als 13 Prozent des Bruttoinlandprodukts, betonte der Gesundheitsökonom und Mediziner. Für 2021 werde diese Summe erneut ansteigen, prognostizierte er. Das ökonomische, aber vor allem auch das medizinische Dilemma sei dabei, dass Deutschland zu viel für die Gesundheit ausgebe und dafür zu viele Leistungen erbracht würden. Pro Geldeinheit gebe es aber insgesamt zu wenig Gesundheit, so Busse.

Insbesondere im Arzneimittelbereich seien die Nettokosten angewachsen: von 26,3 Milliarden Euro im Jahr 2011 um 75 Prozent auf 46,2 Milliarden Euro im Jahr 2020. Die definierten Tagesdosen (defined daily dose, DDD) seien im gleichen Zeitraum allerdings nur um 25 Prozent angestiegen.

Vor allem im europäischen Vergleich schneidet Deutschland Busse zufolge diesbezüglich nicht gut ab. Sowohl der ambulante als auch der stationäre Sektor kosteten hierzulande rund 20 Prozent mehr als der EU-Durchschnitt, wie Daten der OECD von 2019 zeigten. Im Arzneimittelbereich gibt Deutschland demnach sogar knapp 40 Prozent mehr aus als die anderen EU-Mitgliedsstaaten.

Im stationären und ambulanten Bereich könne das etwa durch vergleichsweise viele Arzt-Patienten-Kontakte erklärt werden, so Busse. In Deutschland gab es vor der Coronapandemie täglich durchschnittlich rund drei Millionen Arzt-Patienten-Kontakte im ambulanten Sektor. Im stationären Bereich wurden durchschnittlich täglich etwa 380.000 Patientinnen und Patienten behandelt; zusätzlich standen rund 120.000 Betten leer.

Im Vergleich zu anderen Ländern der EU verzeichnete Deutschland für das Jahr 2019 damit die meisten Arztbesuche (etwa zehn pro Person) und Klinikaufenthalte (rund 260 Entlassungen pro 1.000 Einwohner), wie Busse erklärte. Lediglich Bulgarien weise laut OECD-Daten eine höhere Inanspruchnahme von stationären Leistungen auf (etwa 320 Entlassungen pro 1.000 Einwohner), allerdings gebe es dort deutlich weniger Arztbesuche im ambulanten Bereich.

Beispiel Dänemark: Sterblichkeitsrate verringert, Kosten aber nur gering gestiegen

Busse nannte insbesondere Dänemark als Beispiel dafür, dass es auch anders gehe. Dort würden sowohl der ambulante als auch der stationäre Bereich nur gering in Anspruch genommen und trotzdem schneide Dänemark hinsichtlich der vermeidbaren Sterblichkeit deutlich besser ab als Deutschland. Die vermeidliche Sterblichkeit zeigt Todesfälle an, die bei angemessener Behandlung und Vorsorge (in bestimmten Altersfenstern) im Prinzip hätten verhindert werden können.

Dänemark und Deutschland lagen im Jahr 2011 hinsichtlich der vermeidbaren Sterblichkeit und der Gesundheitsausgaben pro Kopf noch nah beieinander, betonte Busse. In den darauffolgenden Jahren habe Dänemark allerdings die Sterblichkeitsrate deutlich verringert und dafür etwas mehr Geld für die Gesundheit ausgegeben. Das deutsche Gesundheitssystem ist laut Busse hingegen nur geringfügig besser, dafür aber deutlich teurer geworden.

Ein Grund für die hohen Kosten sei auch, dass es in Deutschland zu viele Krankenhäuser gebe. Andererseits fehle es vielen Häusern an wichtiger Ausstattung. So haben Busse zufolge nur etwa 329 Häuser eine zertifizierte Stroke Unit (23 Prozent aller Kliniken), lediglich 422 Häuser haben mindestens 20 Intensivbetten (29 Prozent) und nur 575 Krankenhäuser verfügen über einen Linksherzkathetermessplatz (39 Prozent). Die Zahlen stammen aus den Jahren 2018/2019.

„Ganz häufig wiegen wir uns in Sicherheit, dass es so viele Krankenhäuser gibt. Die Politiker finden das gut und der Bevölkerung wird nahegelegt, dass sie es gut finden soll“, sagte Busse. Allerdings habe die Auslastung der Krankenhäuser im Jahr 2021 nur bei 66 Prozent gelegen. Damit seien deutlich zu viele Betten frei gewesen. „Wir leisten uns einen riesigen Krankenhaussektor. In vielen Häusern ist aber die Technik gar nicht da und es wird trotzdem Personal gebunden“, so Busse.

Er plädierte dafür, dass die anstehende Krankenhausstrukturreform sinnvoll durchdacht werden muss und es weniger, aber dafür sowohl personell als auch technisch gut ausgestattet Krankenhäuser geben soll. Busse ist Mitglied der Regierungskommission, die die Reform vorbereitet.

Zudem könnten auch Medizinische Versorgungszentren (MVZ) oder Hausarztpraxen einen Beitrag leisten, indem sie einige Betten etwa für pflegebedürftige Personen oder für Patientinnen und Patienten vorhalten, die beobachtet werden müssen. Hier sei Finnland als Beispiel zu nennen. Dort wohnten Menschen im Norden des Landes teils mit einem Abstand von 500 Kilometern zum nächsten Krankenhaus, führte Busse aus. „Dort leben Leute und sie leben gut.“ Hier halten Hausärzte auch teilweise Betten in Gesundheitszentren für Patientinnen und Patienten zur Beobachtung vor. Davon könne man sich viel abschauen. © cmk/aerzteblatt.de

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