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Medizin

Chronisch-trauma­tische Enzephalopathie bei Soldaten eher Folge ziviler Aktivitäten

Montag, 20. Juni 2022

/Photographee.eu, stock.adobe.com

Bethesda/Maryland – Die posttraumatischen Belastungsstörungen, unter denen viele Soldaten nach einem Kampfeinsatz leiden, sind vermutlich eher selten auf eine chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE) zurückzuführen. Die hirnorganische Störung wurde in einer Autopsieserie des US-Militärs im New England Journal of Medicine (2022; DOI: 10.1056/NEJMoa2203199) selten gefunden.

Alle Personen mit CTE hatten in ihrer Freizeit auch an Kontakt- oder Kampfsportarten mit einem erhöhten CTE-Risiko teilgenommen, bei vielen lagen auch zivile Hirntraumata in der Vorgeschichte vor.

Mehr als 2,7 Mio. US-Soldaten waren in den letzten beiden Jahrzehnten an Auslandseinsätzen beteiligt. Einige waren dabei Explosionen durch Autobomben oder Selbstmordattentaten ausgesetzt, andere erlitten im Kampfeinsatz eine Hirnverletzung. Die Überlebenschancen sind dank der besseren Schutzausrüstung gestiegen. Viele Soldaten klagen nach den Einsätzen jedoch über neuropsychiatrische Symptome, darunter chronische Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Stimmungs- und Verhaltensstörungen, Drogenmissbrauch und Suizidalität, die häufig als posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) diagnostiziert werden.

Ein Team um Daniel Perl von der F. Edward Hébert School of Medicine der US-Armee in Bethesda/Maryland ist in einer Studie zunächst der Frage nachgegangen, ob der PTSD eine chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE) zugrunde liegen könnte. Diese Erkrankung, die zuletzt häufiger bei Teilnehmern von Kontakt- oder Kampfsportarten beobachtet wurde, lässt sich derzeit erst nach dem Tod diagnostizieren.

Die US-Armee hat zu diesem Zweck ein „Brain Tissue Repository“ eingerichtet, das die Gehirne von verstorbenen Soldaten oder Veteranen (mit Zustimmung der Angehörigen) für neuropathologische Untersuchungen sammelt.

Zwischen 2013 und 2021 wurden insgesamt 225 Gehirne untersucht. Anders als befürchtet, wiesen nur wenige Gehirne die typischen Veränderungen einer CTE auf, die vor allem in der Ablagerung von Taufibrillen bestehen. Diese wurden laut Perl nur bei 10 Verstorbenen gefunden, von denen die meisten nur eine einzige Läsion aufwiesen. Eine PTSD wiesen nur 4 der 10 Verstorbenen auf, 2 waren gleichzeitig an Depressionen und 1 an einer Psychose erkrankt. Bei 5 Patienten lag eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit vor, die ebenfalls das Gehirn geschädigt haben könnte (obwohl sie keine Ursache der CTE ist).

Auffällig war, dass alle 10 Verstorbenen mit CTE in ihrer Freizeit Sportarten betrieben hatten, bei denen es zu Kopfverletzungen kommen kann und die mit einer CTE in Verbindung gebracht werden. Dazu gehören neben Wrestling und Boxen auch American Football, in einem Fall auch Fußball. Von den 225 Verstorbenen hatten 60 eine der Sportarten ausgeübt, von denen 10 an einer CTE erkrankten. Keiner der 165 Verstorbenen, die diese Sportarten nicht ausübten, war an einer CTE erkrankt.

Eine Verbindung mit Explosionen war dagegen nicht sicher nachweisbar. Nur 3 der 45 Soldaten, die einer Explosion ausgesetzt waren, wiesen eine CTE auf im Vergleich zu 7 von 180 Gehirnen von Soldaten, die keinen Explosionen ausgesetzt waren. Das relative Risiko von 1,71 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,46 bis 6,37 nicht signifikant.

Bei den Soldaten, die bei Kampfhandlungen ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatten, ließ sich schon eher eine Verbindung herstellen: 3 von 21 Soldaten mit stumpfen Schädel-Hirn-Traumata hatten CTE-Merkmale im Gehirn gegenüber 7 von 204 Soldaten ohne diese Exposition (relatives Risiko 4,16; 1,16 bis 14,91). Von den 44 Verstorbenen, die ein Schädel-Hirn-Trauma im Zivilleben (außerhalb des Sports) erlebt hatten, wiesen 8 CTE-Veränderungen auf gegenüber 2 von 181 Gehirnen ohne diese Exposition im Zivilleben (relatives Risiko 16,45; 3,62 bis 74,79).

Aufgrund der geringen Fallzahlen sind laut Perl noch keine sicheren Aussagen möglich. Es scheint aber, dass eine CTE eher selten die Folge von Kriegsverletzungen ist. Dies passt zu dem vermuteten Pathomechanismus, der die CTE eher auf wiederholte kleinere Hirnverletzungen, als auf ein einzelnes schweres Schädel-Hirn-Trauma zurückführt. © rme/aerzteblatt.de

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