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Medizin

Phagentherapie: US-Mediziner berichten über Erfolge bei multiresistenten Mykobakterien

Mittwoch, 15. Juni 2022

Bakteriophagen infizieren Bakterium. /Matthieu, stock.adobe.com

Pittsburgh – Viren, die gezielt Bakterien angreifen und zerstören, könnten zur Behandlung von Infektionen mit multiresistenten Keimen eingesetzt werden.

Ein US-Team berichtet in Clinical Infectious Diseases (2022; DOI: 10.1093/cid/ciac453) über Erfolge der Phagentherapie bei nicht-tuberkulösen Mykobakterien.

Die Phagentherapie, die in einigen Ländern des ehemaligen Ostblocks seit längerem angeboten wird, stößt angesichts zunehmender Antibiotikaresistenzen auch in westlichen Ländern auf Interesse.

Das Prinzip ist einfach: Bakteriophagen sind auf Bakterien spezialisierte Viren, die menschliche Zellen nicht infizieren. Resistenzen sind bisher nicht bekannt. Die Umsetzung ist jedoch schwierig. Jede Phagenart infiziert nur bestimmte Bakterien. Für die Behandlung muss zunächst die Bakterienart bestimmt werden, die den Patienten infiziert hat. Im Labor wird dann untersucht, ob es eine für das Bakterium passende Phagenspezies gibt.

Nicht immer werden passende Phagen gefunden. Ein Team um Graham Hatfull von der Universität Pittsburgh, das auf Phagen von nicht-tuberkulösen Mykobakterien spezialisiert ist, hat seit Mai 2019 etwa 200 Anfragen erhalten. Nur in 55 Fällen wurden eine oder mehrere Phagen gefunden, die die Bakterien der Patienten in Kulturen zerstörten. In 20 Fällen wurde ein Behandlungsversuch unternommen, für den in den USA eine Sondergenehmigung („emergency Investigational New Drug“) der Zulassungsbehörde FDA erforderlich ist.

Die meisten Patienten litten an einer Zystischen Fibrose, bei der es infolge einer genetischen Störung zur Bildung zäher Atemwegssekrete kommt, die ein Nährboden für Bakterien sind. Die Infektionen können zunächst erfolgreich mit Antibiotika behandelt werden. Bei den meisten Patienten kommt es jedoch früher oder später zu Resistenzen. Probleme bereiten häufig nicht-tuberkulöse Mykobakterien, mit denen alle 20 Patienten infiziert waren.

Nachdem passende Phagen gefunden wurden und in ausreichender Menge zur Verfügung standen, erhielten die Patienten 2 Mal täglich eine intravenöse Infusion. Bei einigen Patienten wurden die Phagen zusätzlich als Aerosol appliziert. Die Behandlung wird so lange fortgesetzt, bis keine Bakterien mehr nachweisbar sind. In der Regel dauert dies mehrere Monate. Ein Patient wurde über 3,5 Jahre behandelt.

Bei 11 der 20 Patienten kam es laut Hatfull zumindest zu einer partiellen Verbesserung, bei 5 weiteren war die Wirkung unklar und bei 4 Patienten wurden keine günstigen Effekte beobachtet.

Die klinische Wirkung bestand zumeist in negativen Bakterienkulturen, teilweise kam es aber auch zu einer klinischen Verbesserung, etwa der Lungenfunktion (Anstieg der FEV1) oder zu einem Rückgang der Läsionen in Lungen und Leber. Bei 1 Patienten besserte sich die Situation so sehr, dass er als Kandidat für eine Lungentransplantation akzeptiert wurde, die inzwischen erfolgreich durchgeführt wurde, 3 andere Patienten sind dagegen trotz der zunächst erfolgreichen Behandlung inzwischen an ihrem Grundleiden gestorben.

Die Behandlung wurde von den Patienten laut Hatfull gut vertragen – was nicht selbstverständlich ist. Die Phagen müssen nach der Vermehrung in Bakterienkulturen sorgfältig von Verunreinigungen befreit werden. Um Schockreaktionen zu vermeiden, wurde zur Produktion der Phagen ein Bakterienstamm verwendet, der keine Lipopolysaccharide bildet.

Zu einem möglichen Problem könnte das Immunsystem der Patienten werden, das die Bakteriophagen angreift. Bei 8 Patienten kam es tatsächlich zu einer Immunreaktion, die teilweise die Wirksamkeit der Behandlung beeinträchtigt hat.

Eine Fallserie kann die Nutzen einer Therapie nicht sicher beweisen. Einmal lässt sich ohne Kontrollgruppe der natürliche Verlauf der Infektion schwer abschätzen. Bei allen Patienten seien jedoch die bisherigen Therapien ausgereizt worden, schreibt Hatfull.

Zum anderen besteht bei Fallserien die Gefahr, dass die Mediziner nur die Kasuistiken auswählen, in denen die Behandlung erfolgreich war. Laut Hatfull umfasst die Serie jedoch alle Patienten, bei denen ein Behandlungsversuch unternommen wurde.

An der Phagentherapie wird auch in Deutschland geforscht. Die Medizinische Hochschule Hannover hat ein Nationales Phagenzentrum eingerichtet. Laut der Website wurden inzwischen 27 Patienten erfolgreich behandelt.

In Antibiotics (2020; DOI: 10.3390/antibiotics9050232 ) wurden 8 Fälle vorgestellt, von denen 7 erfolgreich waren. Alle Patienten wurden allerdings parallel mit Antibiotika behandelt. © rme/aerzteblatt.de

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