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Politik

Bundesfamilien­ministerium will evidenzbasierte Strukturen gegen Einsamkeit schaffen

Mittwoch, 15. Juni 2022

/agenturfotografin, stock.adobe.com

Berlin – Das Bundesfamilienministerium hat gestern den Startschuss für eine „Strategie gegen Einsamkeit“ gegeben. „Einsamkeit betrifft häufig die Älteren, deren Partner oder Partnerin gestorben ist, deren Freundes­kreis kleiner wird oder die nicht mehr mobil genug sind, um das Haus zu verlassen“, sagte Lisa Paus, Bundes­ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, gestern bei der Konferenz „Gemeinsam aus der Einsam­keit“ in Berlin.

Sie betonte zugleich, dass auch viele jüngere Menschen das Gefühl der Einsamkeit kennen und darunter lei­den würden, wie sich gerade während der Coronapandemie gezeigt habe. Rund acht Millionen Menschen in Deutschland sind nach ihren Angaben von Einsamkeit betroffen.

Paus will „evidenzbasierte Strukturen“ schaffen, die erarbeitet werden müssten. Das Thema solle politisch und wissenschaftlich genauer betrachtet werden. Es gehe darum, wie Einsamkeit vorgebeugt und bekämpft werden könne.

Das Vorhaben solle bis Ende der Legislaturperiode erarbeitet und umgesetzt werden. Beteiligt sind das vor kurzem gegründete Kompetenznetz Einsamkeit (KNE). „Wir sind in einer Suchbewegung. Noch ist nicht klar, wie man am besten gegen Einsamkeit vorgehen kann, welche Maßnahmen helfen“, erklärte Benjamin Landes, Direktor des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS), von dem das Projekt KNE durchgeführt wird.

Dem COVSocial Projekt des Max-Planck-Instituts zufolge ist die Einsamkeitsrate über die verschiedenen Phasen des Lockdowns hinweg angestiegen, berichtete Mazda Adli, Leiter des Forschungsbereichs „Affektive Störungen“ an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité – Universitätsmedizin Berlin am Campus Berlin Mitte.

Frauen und jüngere Erwachsene von bis etwa 30 Jahren leiden demzufolge eher unter Einsamkeit als Männer und ältere Erwachsene. Bei Menschen ab 70 Jahren steigt das Einsamkeitsrisiko aber wieder an. Während der Coronapandemie besonders von Einsamkeit betroffen waren dem Psychiater zufolge Singles, die zumeist in Großstädten leben.

Geschätzte 16 Millionen Singlehaushalte gebe es in Deutschland. Allein in Berlin lebe hinter jeder zweiten Haustür ein Mensch allein. Der durchschnittliche Single sei darüber hinaus arm oder von Armut gefährdet – ein weiterer Risikofaktor für Einsamkeit, ebenso wie Migration und LGBTQ-Zugehörigkeit.

„Einsamkeit ist eine Unterform von sozialem Stress – und damit der stärkste Stressor, den wir kennen“, erklärte Adli. In seiner brutalsten Form werde Isolation als Foltermethode eingesetzt. Der Mangel an Menschen, die Zu­neigung oder Hilfe anbieten, führe zu einem „Seelenschmerz“, bei dem dieselben Hirnregionen aktiviert würden wie bei körperlichen Schmerz.

Dabei braucht es Adli zufolge andere Menschen, um sich einsam zu fühlen. Entscheidend sei das sich ausge­schlossen fühlen von der Gemeinschaft. Selbstgewähltes Alleinsein, etwa bei einem Spaziergang oder einer Reise, sei nicht mit Einsamkeit gleichzusetzen, sondern in Ordnung und oft sogar ein Privileg. Einsamkeit ist dem Psychiater zufolge auch ein Tabuthema. Nur wenige würden zugeben, einsam zu sein, selbst nicht gegen­über einem Psychiater oder Psychotherapeuten.

Die Gesundheitsrelevanz von Einsamkeit ist hoch. Einer Studie von Holt-Lunstad et al, 2015, zufolge, steigt die Sterblichkeit chronisch einsamer Menschen um 26 Prozent an; bei Isolation sogar um 29 Prozent und um 32 Prozent bei Alleinlebenden. Soziale Isolation ist der Studie nach stärker für Sterblichkeit verantwortlich als Rauchen oder Alkoholkonsum.

Bei der Konferenz berichtete Wimke Schuurmanns-Oosterom vom niederländischen Ministerium für Gesund­heit, Gemeinwohl und Sport, dass es in den Niederlanden bereits seit 2018 ein Aktionsprogramm „Vereint gegen Einsamkeit“ gebe.

„Der damalige Ministerpräsident hat das Thema auf die politische Bühne gehoben, nachdem eine Frau erst zehn Jahre nach ihrem Tod in ihrer Wohnung gefunden wurde. Das hat damals bei uns für Entsetzen gesorgt“, berichtete sie. Seitdem beteiligen sich 116 Organisationen, unter anderen die Post und Kirchen, sowie zwei Drittel der Gemeinden an dem Aktionsprogramm in dem Nachbarland.

Der Vertreter der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Christopher Mikton, kündigte an, dass die WHO Anfang 2023 eine eigene Kommission zu dem Thema Einsamkeit gründe wolle, „um die politische Sichtbarkeit zu stärken“. Zunächst müsse aber die Evidenz zu geeigneten Präventionsmaßnahmen zusammengetragen werden; außerdem erarbeite man gerade eine „Richtlinie gegen soziale Isolation“.

Strategien oder Strategiepapiere, wie sie Bundesfamilienministerin Paus angekündigt hat, dienen der Bun­desr­­egierung als Grundlage für spätere Gesetzesvorhaben oder andere Maßnahmen wie etwa die Förderung von Forschungsprojekten. Beteiligt werde solle auch das Bundesgesundheitsministerium. „Mit Bundesge­sundheitsminister Karl Lauterbach bin ich hierüber im Gespräch“, sagte Paus bei der Konferenz. © PB/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #113003
Claus-F-Dieterle
am Mittwoch, 15. Juni 2022, 22:03

Ein sinnvolles Ziel im Leben!

Immer wieder stelle ich fest, wenn ich mit meinen Patienten ein sinnvolles Ziel für ihr Leben erarbeitet habe, überwinden sie die Einsamkeit.

Gebt mir eine große Idee, damit ich an ihr gesunde.
Johann Gottfried von Herder

Die wahre Freude am Leben ist, für ein Ziel gebraucht zu werden,
das man selbst als wichtig anerkennt.
George Bernard Shaw

Wenn du ein glückliches Leben willst, verbinde es mit einem Ziel,
nicht aber mit Menschen oder Dingen.
Albert Einstein

Für Christen ergeben sich zum Beispiel folgende Ziele aus der Bibel:
Matthäus 25,40 und 1. Timotheus 2,4.
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