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Politik

Klimawandel: Neuer Thinktank will Politik bei der gesellschaftlichen Transformation beraten

Freitag, 17. Juni 2022

/high_resolution, stock.adobe.com

Berlin – Das neu gegründete Centre for Planetary Health Policy (CPHP) empfiehlt, bei der Transformation des Gesundheitswesens zur Klimaneutralität die sogenannten Co-Benefits stärker in den Fokus zu rücken: also die gesundheitlichen Vorteile, die ein klimafreundliches Leben mit sich bringt.

Die Nutzung erneuerbarer Energie­träger sei zum Beispiel nicht nur gut für das Klima, sondern sie verspreche auch einen Mehrwert für die Bevölkerungsgesundheit, heißt es in einem ersten Policy Brief des CPHP.

„Relevant für eine zukünftige Präventionspolitik wird es daher sein, Co-Benefit-Politiken gezielt zu entwickeln und Auswirkungen und Kosten anderer Politikbereiche zu Lasten der Gesundheit einzupreisen. In der Verkehrs­politik könnte beispielsweise eine Einprei­sung der gesundheitlichen Folgekosten von Umwelt­ und Luftver­schmutzung, Lärmbe­lastung sowie Treibhausgasemissionen die Transformation dieses Sektors beschleunigen.“

In dem Policy Brief wird zudem umrissen, worum es bei der Arbeit des CPHP gehen wird. „Um die Transforma­tion des deutschen Gesundheits­systems voranzubringen, ist der Umbau wei­terer Bereiche, insbesondere des Energie­systems, unabdingbar“, heißt es. „Die Transformation des Energiesystems hätte weitreichende positive Kaskaden­effekte in andere Politik­bereiche und würde gleichzeitig zu einer signifikanten Reduktion der Krankheitslast, beispielsweise durch Luftverschmutzung, beitragen.“

Als neuer Thinktank hat das Centre for Planetary Health Policy am Mittwoch seine Arbeit aufgenommen. „Das Ziel von CPHP ist, die Debatte rund um die Themen Klima und Gesundheit zu starten, offene Fragen in diesem Bereich zu sammeln und mit diesen in den aktiven Austausch mit der Gesundheitspolitik zu gehen“, erklärte CPHP-Geschäftsführerin Maike Voss bei der Eröffnung des Thinktanks in Berlin.

Das CPHP wurde von der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (Klug) mit Förderung der Stiftung Mercator gegründet. Es bestehe aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich mit den Themen Public Health und den Herausforderungen durch die Klimakrise in Deutschland beschäftigen, aber auch die internatio­nale Ebene im Blick behalten, erklärte Voss. Das Ziel sei es, vorhandenes Wissen in konkrete Handlungsem­pfehlungen umwandeln.

Der Mensch gefährdet seine Lebensgrundlagen

Der Ökologe und Klimaforscher Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut erklärte den globalen Hinter­grund, vor dem das CPHP gegründet wurde. Der Mensch habe den Punkt erreicht, bei dem er das Gefüge des Planeten derart aushebele, dass er seine Lebensgrundlage gefährde, sagte Pörtner, der als Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe II den sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarates Anfang dieses Jahres mitveröffentlicht hat.

Seiner Ansicht nach müssten im Durchschnitt 30 bis 50 Prozent der Ökosysteme auf der Erde sich selbst über­lassen werden, um ihnen eine gesunde Funktion zu gestatten. „Dann wird es uns und den anderen Lebewesen gut gehen“, sagte Pörtner.

Die Berliner Gesundheitssenatorin Ulrike Grote (Die Grünen) betonte, das Thema Planetary Health sei für sie keine Kür, sondern Pflicht. Es sei fatal, dass die Klimakrise aufgrund anderer Krisen derzeit in den Hintergrund trete, denn es würden schon jetzt viele Menschen auch in Deutschland etwa durch Hitzewellen sterben.

Akteure des Gesundheitswesens sind Schlüsselfiguren

„Wir kennen hier bereits die Symptome und haben auch Diagnosen und Therapiemöglichkeiten“, erklärte die gelernte Geo-Ökologin. Sie blicke diesbezüglich auch in ihren Verantwortungsbereich nach Berlin. Künftig will sie stärker ressortübergreifend etwa mit den Grünämtern oder der Stadt- und Verkehrsplanung in den verschie­denen Stadtteilen die Belastungsfaktoren Hitze oder auch Lärm begutachten und mit sozialen Faktoren ver­knüpfen. Das ergebe ein gutes Bild, wo Belastung entsteht.

Die Aufgabe der Politik sei, hier die Resilienz zu verstärken, so Grote. Ziel sei es, dass die Menschen in den Kiezen künftig gesund leben können. Man dürfe sich aber nicht in „Einzelmaßnahmen verzetteln“. Wichtiger sei es, ver­stärkt positive Anreize zu setzen und etwa zu vermitteln, wie gut eine Ernährung auf Pflanzenbasis sein könne, anstatt mit Verboten und Verzichten zu arbeiten, meinte die Gesundheitssenatorin, die seit Ende 2021 im Amt ist. Akteure im Gesundheitswesen seien Schlüsselfiguren im Bereich Planetary Health. Sie würden als Multiplikato­ren fungieren und könnten stärker präventiv agieren.

Bei einem Notfall nicht fortlaufen

Der Vorsitzende von Klug, Martin Herrmann, betonte, dass die Auswirkungen des Klimawandels in der Öffentlich­keit zunehmend verstanden würden. „Über die letzten Jahre ist deutlich hervorgegangen, dass es ein viel stärke­res Verständnis dafür gibt, dass wir die Bewohnbarkeit unseres wunderbaren Planeten stören oder zerstören.“ Die Folge sei eine planetare Notlage, die auch eine planetare Behandlung, eine planetare Gesundheitspolitik benötige.

Die Rolle des Gesundheitssektors sei dabei, durch das Verständnis von Gesundheit und Krankheit die Existen­zia­lität klar zu machen, um die es gehe. „Wenn wir die existenzielle Notlage verstehen, werden wir auch existenziell handeln“, sagte Herrmann. „Das kann der Gesundheitssektor so gut vermitteln wie kein anderer.“ Es gehe aber nicht alleine um den Gesundheitssektor, sondern um ein größeres Verständnis von politischem Handeln.

Die Aufgabe des CPHP sieht Herrmann darin, einen Funken zu entfachen und die großen Zusammenhänge an konkreten Beispielen zu verdeutlichen. „Wir wissen, dass positive Ansteckungen möglich sind“, so Herrmann. „Dafür braucht es Mut, ein Verständnis für die Existenzialität, Kreativität und Begeisterung. Wir können das nicht machen, was wir vor uns haben, wenn wir nur betroffen sind.“

Es sei dabei eine medizinische Tugend, bei einem Notfall nicht fortzulaufen, sondern gerade dorthin zu gehen, wo eine schwere Behandlung vorgenommen werden müsse. „Das CPHP ist der erste Thinktank in dieser Richtung“, sagte Herrmann. „Es wird nicht der letzte sein.“ © cmk/fos/aerzteblatt.de

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