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Medizinischer Fakultätentag: Universitätsmedizin als Koordinator im Gesundheitssystem

Donnerstag, 16. Juni 2022

MFT-Präsident Matthias Frosch /MFT

Essen – Die Universitätsmedizin will die zentrale und koordinierende Institution im deutschen Gesundheits­system werden. Dazu sollte sie nach Ansicht der Medizinischen Fakultäten neben ihren drei klassischen Säulen Forschung, Lehre und Krankenversorgung noch eine vierte Säule erhalten: die Koordination.

Auch der Koalitionsvertrag der Ampelregierung erkenne die besondere Rolle der Universitätsmedizin an, kons­tatierten die Fakultäten heute bei ihrem jährlichen Treffen, dem Medizinischen Fakultätentag, der in diesem Jahr heute und morgen in Essen stattfindet.

Universitätskliniken seien als Koordinator im Gesundheitssystem zu betrachten, sagte Matthias Frosch, Präsi­dent des Medizinischen Fakultätentag (MFT), zur Eröffnung des 83. Ordentlichen Medizinischen Fakultätenta­ges (oMFT). Dies hätte die Pandemie, zu deren Bewältigung die Universitätsmedizin viel beigetragen habe, eindrucksvoll gezeigt.

„Die Pandemie hat in bisher einzigartiger Weise die Universitätsmedizin als den Leistungsträger des Gesund­heitssystems und als Innovationszentrum erkennbar gemacht, dessen Aufgaben über die Trias von Versorgung, Forschung und Lehre hinausgehen“, sagte Frosch, selbst auch Dekan der Medizinischen Fakultät Würzburg. Die­se Erfahrungen müssten nun in die Wissenschafts- und Gesund­heitspolitik eingebracht werden.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) konnte der Einladung der Fakultäten nach Essen heute nicht folgen. Mit einer zu den Teilnehmenden des oMFT übertragenen Videobotschaft dankte er jedoch den Vertrete­rinnen und Vertretern der Hochschulmedizin für ihren Einsatz in der Pandemie.

Er würdigte insbesondere ihr Engagement, mit dem wissenschaftliche Erkenntnisse sofort in die Versorgung ein­gebracht werden konnten. „In der Pandemie ist die Bedeutung der Wissenschaft schlagartig deutlich gewor­den“, betonte er. Bereits in der Ausbildung der Medizinstudierenden müssten die entsprechen Grundlagen ge­legt werden. Die Reform der Ärztlichen Approbationsordnung sehe dies vor und er wolle diese voranbringen, sagte er – ohne jedoch konkret zu werden.

Gemeinsam mit dem 1. Vorsitzender des Verbands der Universitätsklinika (VUD), Jens Scholz, verdeutlichte MFT-Präsident Frosch in einer sich anschließenden Diskussionsrunde das Spektrum der Aufgaben der Hochschul­medizin und das „enge und sich gegenseitig verstärkende Zusammenspiel“ von Forschung, Lehre und Kranken­versorgung auf höchstem Niveau. Der Koalitionsvertrag enthalte nach Ansicht von MFT und VUD gute und wichtige Signale für die Hochschulmedizin, die jetzt umgesetzt werden müssten.

Während der pandemischen Situation in den vergangenen Monaten habe die Universitätsmedizin neben ihren Aufgaben in Forschung, Lehre und Krankenversorgung an den meisten Standorten jedoch auch zentrale Steuerungs- und Koordinierungsaufgaben sowie die Beratung von Behörden und Politik übernommen und im Versorgungsalltag beste­hende Sektorengrenzen überwunden, erklärte der MFT-Präsident.

Dabei verwies er auf ein vom Wissenschaftsrat im vergangenen Sommer verabschiedetes Positionspapier, in dem dieser Empfehlungen zur künf­ti­gen Rolle der Universitätsmedizin im Wissenschafts- und Gesundheits­sys­tem formuliert hatte. Er hatte darin auch an die Politik appelliert, das große Potenzial der Hochschulmedizin, das sich speziell in der Pandemie gezeigt habe, besser zu nutzen – konkret durch die Schaffung einer vierten Säule.

„Bund und Länder sowie Wissenschafts- und Gesundheitspolitik sind gefordert, ein einheitli­ches Verständnis von Rolle und Aufgaben der Universitätsmedizin zu entwickeln“, heißt es in dem Papier des Rates.

Zu der zu schaffenden vierte Säule der Universitätsmedizin – in dem Papier „System- und Zukunftsaufgaben“ ge­nannt – sollten die Koordinierung, Vernetzung und Steuerung von Versorgung zählen, und zwar sowohl regio­nal als auch überregional und in größeren, aber gerade auch in kleineren medizinischen Fächern. Diesbezüg­liche Strukturänderungen und eine künftige bessere Finanzierung der Krankenhauslandschaft müssten Bund und Länder drin­gend angehen.

Dies unterstrich heute auch Scholz: „Jetzt ist es an der Zeit, die längst überfällige Krankenhausreform auf den Weg zu bringen“, sagte der VUD-Vorsitzende. Die kürzlich als beratendes Gremium eingesetzte Regierungskom­mission sei ein Schritt auf diesem Weg. Dabei hoffe er sehr, dass am Ende eine Krankenhausreform heraus­komme, „die diesen Namen wirklich verdient“.

Erklärtes Ziel der Koalition sei es, die Krankenhauslandschaft in Bezug auf Planung und Versorgung als gestuf­tes System weiterzuentwickeln. Dazu, wie die Ausgestaltung der Versorgungsstufen aussehen könnte, wollten die Universitätsklinika demnächst einen konkreten Vorschlag machen.

Auch Scholz verdeutlichte nochmals die Leistungen der Hochschulmedizin während der vergangenen zwei Jah­re. Die 35 Universitätskliniken hätten die regionale Verantwortung für das Management des Pandemiegesche­hens über­nom­men. Während sonst etwa zehn Prozent der Patienten in den Einrichtungen der Hochschulmedi­zin behandelt würden, seien es in der pandemischen Situation 25 Prozent der SARS-CoV2-Patientinnen und -patienten gewesen sowie etwa 70 Prozent der ECMO-Behandlungen wegen Corona.

„Die Budgets für Krankenversorgung sowie Forschung und Lehre reichen nicht“, bestätigte Ingo Autenrieth, Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Heidelberg. Man brauche erstens eine neue Struktur des Versorgungssystems, konkret eine vierte Säule, um die Resilienz der Versorgungsstabilität zu wahren. „Wir brau­chen ferner eine ehrliche und angemessene Finanzierung“, forderte er weiter. Die „Entität Universitätsklinikum“ müsse anerkannt werden. Drittens müsse in die Hochschulmedizin investiert werden. „Die seit Jahren mangeln­den Investitionen durch Länder machen uns große Sorgen“, erklärte Autenrieth.

„Es gibt eine Scheu vor Veränderungen – gerade jetzt unter den Einwirkungen der Pandemie“, räumte Matthias Mohrmann, Mitglied des Vorstands der AOK Rheinland/Hamburg, ein. Man müsse deshalb jetzt gesellschaftlich zusammenstehen: Bund, Länder, aber auch Krankenkassen, sagte er.

Dass die Politik sich vor Veränderungen „drücken“ wolle, relativierte Andrew Ullmann, Sprecher der FDP-Frak­tion im Gesundheitsausschusses des Bundestages. „Wir wollen an die dicken Bretter ran: Notfallversorgung, intersektorale Versorgung, Digitalisierung“, sagte er.

Die Ampelkoalition hätte allerdings einen schlechten Start mit Corona und Ukrainekrieg gehabt – „das schränkt gestalterische Reserven ein“. Gleichzeitig müssten jedoch auch die Länder Farbe bekennen, was sie wollen und was nicht. „Auch wenn Strukturänderungen schwierig sind: Es gibt Einsparpotenziale im Gesundheitswesen“, erklärte der Arzt und Politiker. „Wir müssen aber mutig sein.“ © ER/aerzteblatt.de

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