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Psychosoziale Folgen der Coronapandemie erfordern dringendes Gegensteuern

Freitag, 17. Juni 2022

/Jeerasak, stock.adobe.com

Berlin – Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) hat auf die „besorgniserregenden Folgen“ der Coronapandemie und insbesondere der Lockdownmaßnahmen für die Gesundheit von Kindern und Jugendli­chen hingewiesen.

„Sie wirkten und wirken immer noch als Verstärker bereits zuvor bestehender Ungleichheiten und Entwick­lungs­risiken. Wir wissen nicht, ob die Resilienz der Kinder reicht, ihre Störungen und Defizite zu überwinden“, sagte Thomas Fischbach, Präsident des BVKJ, heute bei der Pressekonferenz anlässlich des 51. Kinder- und Jugendärztetag in Berlin.

Der Kinderarzt wies in diesem Zusammenhang auf einen Gesundheitsreport der DAK Gesundheit hin, an dem er selbst beteiligt gewesen sei. Danach ist die Zahl der Einweisungen von Jugendlichen (12 bis 18 Jahre) in Klini­ken aufgrund einer emotionalen Störung 2021 gegenüber 2020 um 42 Prozent gestiegen.

Depressive Episoden haben im selben Zeitraum bei Jugendlichen um 28 Prozent zugenommen, bei Schulkindern um 27 Prozent. 17 Prozent mehr Jugendliche und 21 Prozent mehr Schulkinder wurden wegen Essstörungen sta­tionär behandelt. 3 Prozent mehr Jugendliche und 25 Prozent mehr Schulkinder wurden wegen einer Angst­störung stationär behandelt.

Besonders dramatisch sind nach Ansicht des BVKJ-Vorsitzenden die Zunahme der stationären Behandlungen um 36 Prozent bei sehr jungen Kinder (5 bis 9 Jahre) aufgrund von Störungen sozialer Funktionen.

Aus der Praxis berichtete auch Tanja Brunnert, niedergelassene Kinder- und Jugendärztin aus Göttingen und stell­vertretende Bundespressesprecherin des BVKJ, von einem „immensen Anstieg an funktionellen Beschwer­den“. Die Inanspruchnahme der Kinderarztpraxen sei sehr hoch und lasse nicht nach. „Wir haben extrem viel zu tun“, sagte sie.

Viele Kinder und Jugendliche, die bereits vor der Pandemie soziale Probleme in Schule oder Freundeskreis hatten, hätten sich in der Zeit der Schulschließungen „in ihrem ‚Homeoffice‘ gut einrichten können“, berichtete Brunnert.

„Doch viele dieser Kinder finden nicht mehr allein in die Normalität zurück – sie brauchen Hilfe. Doch die War­te­listen bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten seien zu lang. „Es ist sehr schwierig einen Therapie­platz zu finden und wir Kinderärzte können das nicht auffangen“, mahnte sie.

Jacob Maske, niedergelassener Kinder- und Jugendarzt in Berlin und Bundespressesprecher des BVKJ, wies da­rauf hin, dass die Praxen mit der eigentlichen Krankheit COVID-19 gar nicht viel zu tun hätten, dass aber neben den funktionellen Störungen, Bewegungsmangel, Adipositas, schlechte Ernährung und überhöhter Medienkon­sum bei den jungen Patienten pandemiebedingt häufig seien. Besonders relevant sei dies bei Kindern und Jugendlichen aus sozioökonomisch schwachen Verhältnissen.

„Sorgen bereiten uns die über 200.000 Schulabbrecher in 2021 bundesweit – doppelt so viele wie vor der Pan­demie“, sagte Maske. Diese Jugendlichen kämen in Ausbildung oder Studium nicht an, hingen im schlimmsten Fall im Kinderzimmer vor dem Computer. „Wenn man nicht gegensteuert sind diese jungen Menschen als funk­tionale Mitglieder der Gesellschaft verloren“, mahnte er.

„Politik und Gesellschaft haben die Kinder und ihre Familien während der Pandemie im Stich gelassen – die Fol­gen sind gravierend“, kritisierte BVKJ-Präsident Fischbach. Dabei habe sein Verband bereits seit Frühjahr 2020 immer wieder auf die möglichen Folgen hingewiesen und ein gegensteuern gefordert. „Wir wurden nicht gehört“, sagte er.

Sollten die Coronazahlen im kommenden Herbst und Winter wieder ansteigen, müssten die Schulen nach An­sicht des BVKJ mit den geeigneten Schutzmaßnahmen unbedingt geöffnet bleiben. Das hatte auch im Mai der 126. Deutsche Ärztetag gefordert.

Zudem sei eine nachhaltige Sprachförderung durch den Ausbau und die Integration von Sprachförderpro­gram­men in den Kitaalltag notwendig. Es brauche auch zusätzliche Förderinstrumente in den Grundschulen, damit leistungsschwächere und sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler Rückstände in den Kernfächern aufholen könnten.

Weiter fordern die Kinder- und Jugendärzte tägliche Bewegungs- und Sportangebote in Kitas und Schulen und umfassende Programme zur Förderung eines gesunden Lebensstils. Erzieherinnen und Erzieher sollten ebenso wie Grundschullehrerinnen und –lehrer sollten für auftretende psychische Probleme sensibilisiert werden. Und auch die Schulsozialarbeit sollte ausgebaut werden. © PB/aerzteblatt.de

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