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Politik

Ärzte sollten Patientengespräche zum Klimaschutz abrechnen können

Mittwoch, 22. Juni 2022

/dpa

Berlin – Ärzte sollten Patientengespräche über die Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit abrechnen können. Das hat die Leiterin des Climate Service Center Germany (Gerics), Daniela Jacob, gestern auf einer Podiumsdiskussion im Robert-Koch-Institut (RKI) zum Thema „Klimawandel und Gesundheit“ angeregt.

In anderen Ländern sei eine solche Abrechnung bereits möglich, sagte Jacob. Das sei etwas, das auch in Deutschland dringend andiskutiert werden sollte. Auch der Präsident des RKI, Lothar Wieler, regte an, dass sich Ärzte stärker im Bereich der Prävention engagieren. „Unser Gesundheitssystem ist heute leider nicht auf Prävention ausgelegt“, sagte er. „Stattdessen incentiviert es in einem hohen Maße die Therapie.“

Dafür würden enorme Summen bereitgestellt. „Es wäre gut, stärkere Anreize für die Prävention zu setzen“, be­tonte Wieler. „In diesem Zusammenhang wäre es auch klug, wenn Ärztinnen und Ärzte mehr präventiv arbei­ten würden.“ Das erfordere allerdings ein „großes Umdenken“ im Gesundheitssystem.

Wieler forderte zudem, dass die Co-Benefits im Gesundheitswesen stärker adressiert werden, also die positi­ven Auswirkungen klimafreundlichen Verhaltens auf die Gesundheit. Dazu zählen zum Beispiel eine weniger fleischlastige Ernährung sowie vermehrtes Fahrradfahren. So könnten Anreize dafür gesetzt werden, dass die Menschen ihr Verhalten ändern, meinte Wieler.

Deutlich wärmere und trockenere Sommer

Daniela Jacob, die auch Mitautorin von Sachstandsberichten des Weltklimarats ist, skizzierte bei der Podiums­diskussion, welche Auswirkungen der Klimawandel auf das Wetter in Deutschland haben wird. „Wir haben in den letzten zehn bis 15 Jahren erlebt, wie sich das Klima in Deutschland bereits verändert hat“, sagte sie.

So werde es in den nächsten Dekaden weitergehen. In Deutschland herrschten heute knapp zwei Grad Celsius mehr als vor dem industriellen Zeitalter. „Wenn es mit der Erderwärmung so weitergeht, werden wir auch glo­bal relativ schnell die 1,5 °C- beziehungsweise die 2 °C-Grenzen reißen“, sagte Jacob.

„Wir werden deutlich wärmere und trockenere Sommer bekommen, in denen bis zu vier oder fünf Grad Celsius mehr herrschen werden als derzeit“, sagte die Leiterin des Gerics. „Die regionale Veränderung wird dabei sehr unterschiedlich sein.“

In jedem Fall seien die Menschen einer höheren Sonnenstrahlung ausgesetzt. Zugleich sei damit zu rechnen, dass es im Herbst und Winter feuchter werde. „Gebäude und Keller trocken dann nicht mehr ab, sodass es ein höheres Risiko für eine Schimmelbildung gibt“, erklärte Jacob.

Sie regte an, dass Deutschland sich stärker als bisher auf die Veränderungen einstellt. „Wir sollten infrage stellen, dass wir in Europa in der Regel von 9 Uhr bis 17 Uhr arbeiten“, sagte sie. Unter den zu erwartenden klimatischen Bedingungen sei es im Sommer besser, in den Mittagsstunden eine Siesta einzuführen.

Der Präsident des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, warb dafür, ein attraktives Zielbild einer Transformation zu mehr Nachhaltigkeit zu zeichnen, um die Bevölkerung zu einer Verhaltensänderung zu motivieren. „Was wir der Bevölkerung im Hinblick auf den Strukturwandel zu mehr Klimaschutz zumuten wollen, ist enorm“, sagte Messner.

Eine Verhaltensänderung nur mit Katastrophenszenarien zu begründen, reiche nicht aus, um die Bevölkerung zu motivieren. Deshalb müsse eine attraktive Zukunftsvision gezeichnet werden, auf die man sich vor dem Hintergrund des Klimawandels zubewegen könne.

Zudem müsse sich der Gesundheitssektor eine Strategie überlegen, wie er seine Treibhausgasemissionen auf null senken wolle. Ein Element dabei seien die ärztlichen Versorgungswerke, betonte Messner. Es sei wichtig, dass sie das von ihnen verwaltete Geld klimafreundlich anlegten.

„Am meisten Kopfschmerzen bereitet mir das unglaublich enge Zeitfenster, in dem wir die Probleme lösen müssen“, sagte Messner. „In den meisten Fällen wissen wir, was wir machen müssten. Wir haben ein profundes Wissen darüber angehäuft, wie wir das Klima schützen können.“

Aber der Zeitraum, der dafür zur Verfügung stehe, sei atemberaubend gering. „Deshalb müssen wir als erstes die Felder adressieren, mit denen wir den größten Effekt erzielen können“, so Messner. © fos/aerzteblatt.de

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