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Medizin

Antibiotikaresis­tente Typhuserreger breiten sich weiter aus

Mittwoch, 22. Juni 2022

/picture alliance, Armin Weigel

Stanford – Eine Analyse von mehr als 7.500 bakteriellen Genomen zeigt, dass Typhuserreger offenbar zunehmend resistent gegen die wichtigsten Antibiotika werden. Die in The Lancet Microbe veröffentlichte, bislang größte Genomanalyse von Salmonella enterica Serovar Typhi (S. Typhi) ergab außerdem, dass resistente Stämme sich seit 1990 fast 200-mal vorwiegend von Südasien auf andere Länder ausgebreitet haben (Lancet 2022; DOI: 10.1016/S2666-5247(22)00093-3).

Typhus ist hierzulande sehr selten geworden. In diesem Jahr wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) bis KW 19 insgesamt 13 Fälle von Typhus abdominalis gemeldet. Die meisten der in Deutschland gemeldeten Fälle werden aus überwiegend asiatischen Ländern importiert.

Südasien trägt mit etwa 70 % die Hauptlast der geschätzt 11 bis 21 Millionen Typhuserkrankungen und 128.000 bis 161.000 typhusbedingten Todesfälle weltweit. Aber auch in Sub-Sahara-Afrika, Südostasien und Ozeanien hat die Erkrankung noch erhebliche Signifikanz.

Neuere Proben aus Südasien und ältere Proben aus 70 Ländern

Zwar lässt sich Typhus mit Antibiotika erfolgreich behandeln, allerdings treten immer häufiger resistente Stämme von S. Typhi auf. Die Autoren um Kesia Esther da Silva von der Division of Infectious Diseases and Geographic Medicine an der Stanford University unterzogen 3489 S. Typhi-Isolate einem Whole-Genome-Sequencing.

Die Isolate stammten aus Blutproben, die zwischen 2014 und 2019 von Typhus-Patienten in Bangladesch, Indien, Nepal und Pakistan genommen wurden. Außerdem wurde eine Sammlung von 4169 S. Typhi-Proben sequenziert und analysiert, die zwischen 1905 und 2018 in mehr als 70 Ländern entnommen worden waren.

Überprüfung auf Resistenzen gegen wichtige Antibiotika

Die Gene, die Antibiotikaresistenzen vermitteln, identifizierten die Forschenden anhand von Gendaten­banken. Als multiresistent galten Stämme, wenn sie Resistenzgene gegen die klassischen Frontline-Antibiotika Ampicillin, Chloramphenicol und Trimethoprim/Sulfamethoxazol aufwiesen. Darüber hinaus wurde aber auch auf das Vorhandensein von Resistenzgenen gegen Makrolid- und Chinolon-Antibiotika untersucht.

Die meisten Ursprungsländer liegen in Südasien

Die Analyse ergab, dass sich resistente S. Typhi-Stämme seit 1990 mindestens 197-mal von einem Ursprungsland auf andere Länder ausgebreitet haben. Die meisten dieser Stämme traten in Südasien aus und verbreiteten sich von dort aus nach Südostasien, Ost- und Südafrika. Es gab aber auch Berichte über Fälle im Vereinigten Königreich, in den USA und Kanada.

Multiresistente Stämme gehen zurück, werden aber durch andere resistente Stämme ersetzt

Da Silva und ihre Kollegen berichten, dass multiresistente S. Typhi-Stämme in Bangladesch und Indien seit dem Jahr 2000 stetig abgenommen hätten. In Nepal seien sie mit einem Anteil von rund 5 % an allen zirkulierenden S. Typhi-Stämmen auf einem gleichbleibend niedrigen Niveau geblieben. In Pakisten habe der Anteil an resistenten Stämmen leicht zugenommen. Allerdings würden die multiresistenten S. Typhi durch Stämme ersetzt, die gegen andere Antibiotika resistent seien.

Südasien: Hoher Anteil an S. Typhi-Stämmen, die resistent gegen Chinolone sind

Genmutationen, die den Bakterien Resistenz gegenüber Chinolon-Antibiotika verleihen, haben sich seit 1990 mindestens 94-mal gebildet und ausgebreitet, wobei fast alle dieser Stämme (97 %) ihren Ursprung in Südasien hatten. Gegen Chinolon-Antibiotika resistente Stämme machten in den frühen 2000ern mehr als 85 % der in Bangladesch zirkulierenden S. Typhi-Stämme aus. In Indien, Pakistan und Nepal stieg der Anteil bis 2010 auf 95 % an.

Rapide Verbreitung von S. Typhi mit Resistenzen gegen Cephalosporine der 3. Generation

Mutationen, die Resistenz gegen das Makrolid-Antibiotikum Azithromycin verleihen, sind in den letzten 20 Jahren mindestens 7-mal aufgetreten. In Bangladesch traten Stämme, die über diese Mutationen verfügen, um 2013 auf. Seither hat sich ihre Populationsgröße stetig erweitert. Die Ergebnisse der Genomanalyse stützen jüngste Evidenz, die für ein rasches Auftreten und die rapide Verbreitung von S. Typhi-Stämmen spricht, die resistent gegenüber Cephalosporinen der 3. Generation sind.

Sequenzierte Genome sind nicht repräsentativ

Die Autoren um da Silva merken an, dass ihre Ergebnisse einigen Einschränkungen unterliegen: so seien S. Typhi-Sequenzen aus mehreren Regionen in der Analyse unterrepräsentiert, speziell aus Ländern in Sub-Sahara-Afrika und Ozeanien, wo Typhus ebenfalls endemisch ist.

Und selbst in Ländern mit einer größeren Probenzahl stammten die meisten Isolate von einer kleinen Zahl von Überwachungseinrichtungen und seien möglicherweise nicht repräsentativ für die Verbreitung der zirkulierenden Stämme.

Ausbreitung der resistenten Typhuserreger wahrscheinlich unterschätzt

Die sequenzierten S. Typhi-Genome machen nur einen Bruchteil der weltweiten Typhusfälle aus. Deshalb gehen die Stanford-Wissenschaftler davon aus, dass ihre Schätzungen zu resistenzverursachenden Mutationen und zur internationalen Verbreitung mit hoher Wahrscheinlichkeit zu niedrig angesetzt sind. Sie betonen, dass die genomische Surveillance dringend ausgeweitet werden müsse, um einen besseren Überblick über das Auftreten und die Verbreitung antibiotikaresistenter Stämm zu erhalten.

Typhus und Antibiotikaresistenzen sind ein globales, kein lokales Problem

„Die Geschwindigkeit, mit der hochresistente Stämme von S. Typhi in den letzten Jahren aufgetreten sind und sich verbreitet haben, ist wirklich ein Grund zur Sorge und zeigt noch einmal, dass Präventions­maßnahmen dringend ausgebaut werden müssen, speziell in Ländern mit dem höchsten Risiko“, sagt Seniorautor Jason Andrews, ebenfalls Infektionsmediziner an der Stanford University.

Gleichzeitig unterstreiche die Tatsache, dass resistente Stämme von S. Typhi sich so viele Male international verbreitet haben die Notwendigkeit, die Eindämmung von Typhus und Antibiotikaresistenzen im Allgemeinen als globales und nicht als lokales Problem anzusehen. © nec/aerzteblatt.de

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