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Politik

Ethikrat diskutiert über gerechte Arzneimittel­preisbildung

Montag, 27. Juni 2022

/dpa

Berlin – In den vergangenen Jahren sind die Preise neu auf den Markt gekommener Arzneimittel teils deutlich angestiegen. Vor dem Hintergrund des zeitgleich fortschreitenden demografischen Wandels hat sich der Deutsche Ethikrat auf seiner Jahrestagung mit der Frage beschäftigt: „Hohe Preise – Gute Besserung? Wege zur gerechten Preisbildung bei teuren Arzneimitteln“.

„Für einige zuvor kaum therapierbare seltene Erkrankungen gibt es inzwischen hochwirksame, aber teils sehr teure Medikamente“, erklärte der Ethikrat. „Preise von zwei Millionen Euro pro einmalig notwendige Dosis oder 275.000 Euro für ein Behandlungsjahr bringen eine Reihe ethischer Probleme mit sich, insbesondere, weil weitere hochpreisige Arzneimittel für die kommenden Jahre erwartet werden.“

Dabei gelte es, die Ansprüche von Versicherten auf bestmögliche Behandlung, aber auch die Ansprüche von forschenden Arzneimittelherstellern auf Refinanzierung ihrer Investitionen gegen das Erfordernis abzuwägen, Gesundheitskosten und insbesondere Krankenkassenbeiträge nicht beliebig ansteigen zu lassen.

Der Bundesvorsitzende des Vereins Mukoviszidose, Stephan Kruip, der zugleich Mitglied des Ethikrats ist, er­klärte die Situation aus Sicht eines Mukoviszidosepatienten. Früher habe die mehrstündige tägliche Therapie Inhalationen, die Einnahme von Antibiotika, Sport und eine Atemtherapie zur Reinigung der Lunge beinhaltet.

Seit das Medikament Kaftrio im August 2020 auf den Markt gekommen sei, habe sich die Therapie grundle­gend geändert. Heute müssten die betroffenen Patienten nur noch drei Tabletten am Tag einnehmen. Dadurch sei die Lebensqualität für deutlich angestiegen.

Wann wird die Solidarität überspannt?

„Für die Patienten ist das ein unbezahlbarer Zusatznutzen“, sagt Kruip. „Unbezahlbar ist aber zugleich auch der Preis des Medikaments.“ Eine Therapie mit Kaftrio koste 21.000 Euro pro Monat. Die Jahrestherapiekosten lä­gen insofern bei 250.000 Euro.

Heuten könnten 80 Prozent der etwa 6.500 Mukoviszidosepatienten in Deutschland das Medikament nehmen. Die Kosten für die gesetzliche Krankenversicherung lägen damit bei mehr als 1,3 Milliarden Euro pro Jahr. Die Produktionskosten für Kaftrio würden hingegen nur auf 450 Euro pro Monat geschätzt. Das entspreche 2,1 Prozent des Verkaufspreises.

„Um einem Patienten dieses Medikament zu finanzieren, müssen 78 völlig gesunde Versicherte ihren monatli­chen Beitrag von durchschnittlich 270 Euro zahlen“, erklärte Kruip und fragte: „Wann wird die Solidarität der Gemeinschaft überspannt?“

Keine Mittel verschwenden

Markus Zimmermann von der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin der Schweiz er­klärte, dass jede Gesellschaft in der Gesundheitsversorgung Grenze setze. Fair seien diese Grenzen, wenn die Ansprüche „Gleichbehandlung aller“ und „Nutzenmaximierung“ integriert würden. „Einerseits geht es darum, dass niemand diskriminiert werden darf“, sagte Zimmermann. „Andererseits dürfen aber auch keine Mittel verschwendet werden.“

Dabei könnten die Verteilungskriterien entweder von einem Expertengremium erarbeitet werden oder inner­halb eines öffentlichen Diskurses. Das britische National Institute for Health and Care Excellence (NICE) habe zum Beispiel einen Citizen Council gebildet, der entschieden habe, eine Ungleichbehandlung in Kauf zu neh­men, um eine Verschwendung der Mittel zu verhindern.

„Diese Entscheidung war fatal“

Zimmermann berichtete von dem Wirkstoff Sofosbuvir, der 2014 zur Behandlung von Patienten mit Hepatitis C auf den Markt kam. „Sofosbuvir ist ein sehr effizientes Arzneimittel, mit dem man Hepatitis C heilen kann“, sagte er. „Es ist aber auch sehr teuer.“

Bei der großen Anzahl der behandlungsbedürftigen Patienten hätte ein sofortiger Zugang des Medikaments für alle Patienten dazu geführt, dass die Gesundheitsausgaben in der Schweiz um zwei Milliarden Franken angestiegen wären. In der Folge hätten auch die Versicherungsbeiträge ansteigen müssen.

Mehr Menschen in der Schweiz hätten sich die Beiträge dann nicht mehr leisten können und wären auf eine Schwarze Liste geraten. Denn hätten sie nur noch bei Notfällen behandelt werden können.

„In der Schweiz hat man sich dazu entschieden, nur Patienten mit starken Krankheitssymptomen Sofosbuvir zu geben“, sagte Zimmermann. Dadurch seien die Beiträge nicht angestiegen. Für viele Patienten mit Hepatitis C, die von einer Behandlung mit Sofosbuvir profitiert hätten, sei diese Entscheidung jedoch fatal gewesen.

Zimmermann sprach sich dafür aus, teure Arzneimittel, die eine Krankheit heilen können – wie zum Beispiel Sofosbuvir – in einem Hochlohnland auch allen betroffenen Patienten zur Verfügung zu stellen.

Wenn der Zusatznutzen nur gering ist, sollte man einen hohen Preis jedoch nicht bezahlen. In jedem Fall lasse sich das Rad immer höherer Preise für neue Arzneimittel nicht immer weiterdrehen. „Deshalb ist es unumgänglich, hart mit der Industrie zu verhandeln“, meinte Zimmermann.

Das größte Problem stellten allerdings die Behandlungen von seltenen Erkrankungen dar. Denn da nur weni­ge Patientinnen und Patienten behandelt werden könnten, müssten die Preise berechtigterweise hoch sein.

„Hier benötigt man Sonderregelungen, um Ungerechtigkeiten zu vermeiden“, so Zimmermann. „Mit der heuti­gen Präzisionsmedizin in der onkologischen Spezialbehandlung kann mittlerweile jede Person anders – und meist off-label – behandelt werden.“ Das sei eine komplett neue Herausforderung, für die es zurzeit noch keine Antwort gebe. © fos/aerzteblatt.de

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