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Psychosomatische Auswirkungen der Pandemie: Jüngere und Frauen besonders betroffen

Donnerstag, 23. Juni 2022

/panitan, stock.adobe.com

Berlin – Zwei Jahre wiederkehrende Lockdowns haben ihre Spuren hinterlassen – auf vielen Ebenen und ge­rade auch hinsichtlich psychischer Belastungen. Erst nach und nach zeigt sich, welche Personengruppen be­sonders betroffen sind und wie nachhaltig die psychischen und somatischen Auswirkungen der Coronakrise sind. Unter dem Titel „integrativ denken. kooperativ handeln“ stehen diese Auswirkungen im Zentrum des diesjährigen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

„Grundsätzlich rufen belastende Ereignisse wie Angst vor Ansteckung und Tod, finanzielle Sorgen, soziale Iso­lation und Überforderung, zum Beispiel durch Parallelität von Beruf und Kinderbetreuung während der Schul­schließungen, psychische Reaktionen hervor – das ist erstmal normal und kein Zeichen einer psychischen Störung“, so der Präsident des Deutsches Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM) und Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikums Bochum Stephan Herpertz.

So mehrten sich aktuell die Hinweise, dass die Dynamik der psychischen Reaktionen unmittelbar dem infek­ti­onsepidemiologischen Geschehen zu folgen scheint – also mit abnehmenden Fallzahlen auch die psychischen Belastungen zurückgehen.

Waren zu Beginn der Pandemie noch überwiegend Ältere psychisch mit den Folgen der Pandemie belastet, so hat sich dieses Verhältnis mittlerweile hin zu den jüngeren Altersgruppen verschoben. Auch waren Frauen stärker belastet als Männer. Beides zeigen verschiedene Studien und Erhebungen. Einem Gesundheitsreport der DAK Gesundheit zufolge ist die Zahl der Einweisungen von Jugendlichen (12 bis 18 Jahre) in Kliniken aufgrund einer emotionalen Störung 2021 gegenüber 2020 um 42 Prozent gestiegen.

Besonders vulnerabel zeigten sich laut Herperts jene Personen, die bereits vor Ausbruch der Coronapandemie mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen hatten. Laut einer kanadischen Übersichtsarbeit mit 53 Studien und 36.485 Betroffenen mit Essstörungen sind Angstzustände und Depressionen stark gestiegen und haben sich die Essstörungen verschlechtert.

Die Krankenhauseinweisungen für alle Essstörungsentitäten sind dem Review zufolge gegenüber Vor-Corona­zeiten im Durchschnitt um 48 Prozent angewachsen. Dafür sei laut Stephan Herperts, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikum, Ruhr-Universität Bochum, vor allem die Trias aus Verlust der Tagesstruktur, Rückgang sozialer Beziehungen und der häufig kompensatorisch gesteigerte Konsum von digitalen Medien verantwortlich.

Herperts beschreibt, wie sich die Pandemie auf Essstörungen gerade junger Menschen auswirken kann: Wer bei­spielsweise zum Studium in eine neue Stadt gegangen sei, habe sich plötzlich im Zuge der pandemiebe­ding­ten Isolation und Lockdowns mit Einsamkeit konfrontiert gesehen – es habe keine Möglichkeit gegeben, Peerkontakte aufzubauen und zu pflegen.

Daten einer Ende 2020 veröffentlichten Studie zeigen laut Herperts, dass der Internetkonsum während dieser Zeit von drei auf acht Prozent gestiegen ist. Dieser Internetkonsum stelle eine Art Realitätsersatz dar – die fehlenden sozialen Kontakte werden durch den Konsum digitaler Medien ersetzt. Gleichzeitig steige in dieser Zeit die Kalorienzufuhr.

Gerade in der Risikogruppe der jungen Frauen setze ein kompensatorisches Verhalten ein: Komme ihnen die Gewichtszunahme zu Bewusstsein, entstehe oftmals der Druck, wieder abzunehmen – das restriktive Essver­halten könne zu einer Essstörung führen.

Herperts mahnte an, im Falle einer erneuten Welle die Maßnahmen genau zu prüfen. „Wir müssen uns im universitären Bereich und bei den Schulen die Frage stellen, ob wir sofort in einen absoluten Lockdown, alle Vorlesungen absagen und Schulen schließen müssen.“ Denn das habe als Kollateralschaden Einsamkeit zur Folge und Einsamkeit sei ein Risikofaktor für die Entwicklung von psychischen Störungen.

Gleichzeitig betonte er, dass es wichtig sei, auch die Chancen zu nutzen, die die Pandemie hinsichtlich der Tele­medizin geschaffen habe. Digitale therapeutische Angebote würden genau so angenommen wie Präsenzange­bote. Damit könne einem weiteren, lange bestehenden Problem begegnet werden – nämlich der Unterversor­gung und langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz.

Wichtig für die Aufarbeitung und den Umgang mit den psychischen Folgen der Pandemie ist Expertinnen und Experten zufolge, herauszufinden, welche psychischen Belastungen oder Erkrankungen sich unter welchen Umständen verstetigen, wie man dies verhindern und den Betroffenen am besten helfen könne.

Dass beispielsweise das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) das Thema Einsamkeit aufgegriffen hat und es mittlerweile ein Kompetenznetz zum Kampf gegen Einsamkeit gibt wertete Hans-Christoph Friederich, Vor­sit­zender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM), als Erfolg.

Eine Chance sieht er auch im Social Prescribing – also von Einsamkeit betroffenen Menschen soziale Kontakte zu verschreiben beziehungswiese sie darin zu unterstützen und zu begleiten, wieder soziale Kontakte aufzu­nehmen.

Mit dem Versorgungskonzept der Behandlungsassistenz stellte Christian Albus, Direktor der Klinik und Poli­klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Köln, eine weitere Möglichkeit vor, un­terschiedliche Fachdisziplinen zu einem Versorgungsnetzwerk zusammenzubringen.

Bei dem in den USA bereits erprobten Modell halten speziell trainierte Gesundheits- und Krankenpflegekräfte regelmäßig Kontakt zu den Patientinnen und Patienten und unterstützen gesundheitsförderndes Verhalten.

Sie ergänzten die Behandlung durch die Hausärztinnen und Hausärzte und vermittelten bei Bedarf weitere fachärztliche oder psychotherapeutische Expertise, erläutert der Experte. Die Wirksamkeit dieses integrierten, kooperativen Versorgungsmodells wird derzeit auch in Deutschland in Studien untersucht, die das Bundes­minis­terium für Bildung Forschung und die Europäischen Union fördern. © kk/aerzteblatt.de

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