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Politik

Psychotherapie: Streit um Gründe für lange Wartezeiten

Donnerstag, 23. Juni 2022

/Khunatorn, stock.adobe.com

Berlin – In allen Arztgruppen, Psychotherapeuten eingeschlossen, fehlt es immer wieder an Interessenten, die sich in strukturschwachen Regionen niederlassen wollen. Und zu kurze Praxisöffnungszeiten sind Teil des Ver­sorgungsproblems.

Das hat Ann Marini, Leiterin der Presse- und Öffent­lichkeitsarbeit des Gemeinsamen Bun­des­ausschusses (G-BA), dem rbb24 in einem Gespräch zum Thema Bedarfsplanung gesagt. Die Äußerungen sind bei Psychothera­peuten auf erhebliche Kritik gestoßen.

Marini hatte unter anderem erläutert, dass es neben der Frage, ob Sitze durch Ärzte besetzt werden könnten, auch weitere Aspekte gibt, die ein Instrument der Bedarfsplanung nicht beeinflussen kann. Sie nannte bei­spielhaft die Öffnungs­zeiten von Praxen.

„Für einen ganzen Arzt- oder Therapeutensitz muss die Praxis mindestens 25 Stunden in der Woche geöffnet sein. Ein normaler Arbeitnehmer wird aber in der Regel 37 bis 40 Stunden in der Woche arbeiten“, sagte sie dem rbb24.

Selbst wenn man also bedenke, dass neben der Praxiszeit noch Verwaltung, das Schreiben von Gutachten und ähnliches anfielen oder Therapeuten teils sehr schwere Fälle behandelten, wirke das auf sie so als ob „zu kurze Praxisöffnungszeiten Teil des Problems“ seien.

Marini erklärte, von Krankenkassen höre man außerdem immer wieder, dass es Therapeutinnen und Thera­peuten gebe, die einen ganzen Kassensitz hätten, diesen aber nicht voll ausnutzten. „Die machen nebenbei noch Beratung und Coaching. Und das ist für die individuelle Lebensplanung vollkommen in Ordnung – für die Versorgung ist das aber ein Problem“, betonte Marini.

Das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk (DPNW) sieht das ganz anders. „Eine ganze Praxis ist mit durch­schnittlich 30 Sitzungen pro Woche voll ausgelastet“, entgegnete der DPNW-Vorsitzende Dieter Adler. Mehr ist seiner Auffassung nach „nicht zumutbar“, weil es um eine persönlich belastende Tätigkeit gehe, die zu­dem noch Verwaltungsaufwand erfordere. „Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), die für die Aufsicht unserer Ar­beit zuständig sind, schreiben 25 Sitzungen als Soll vor. Bei einer halben Praxis sind es 15 Sitzungen, als Soll 12,5 Sitzungen“, sagte er.

Adler stellte zudem klar, dass die KVen zudem die Auslastung psychotherapeutischer Praxen kontinuierlich über­prüfen würden. „Dies erfolgt über die Anzahl abgerechneter Sitzungen. Im Falle einer dauerhaft zu ge­ringen Auslas­tung kann die Niederlassung an einen anderen Psychotherapeuten übergeben werden.“

Adler warf dem G-BA vor, die Probleme in der Bedarfsplanung zu verschleiern. „Das Ganze ist eine Mangelver­schleierung des G-BA. Psychotherapeuten werden als faul verteufelt, um zu kaschieren, dass wir einfach zu wenig Niederlassungen haben“, erklärte er. Angesichts der Flutkatastrophe im Ahrtal und Erftkreis, der Coro­napandemie und des Ukrainekrieges sei die Anzahl der psychischen Erkrankungen angestiegen, nicht aber die Faulheit der Psychotherapeuten.

Adler kritisierte auch, dass die Definition für eine ausreichende Versorgung mit Niederlassungen pro Gebiet aus dem Jahr 1999 stamme und weiterhin als Richtlinie zugrunde gelegt werde. Seither hätten die psychi­schen Erkrankungen deutlich in Anzahl und Dauer zugenommen. Marini hielt dem entgegen, dass der G-BA die Verhältniszahlen von Einwohnern pro Praxen regelmäßig anpasse. Es handele sich „keinesfalls“ um dieselben Zahlen wie seit den 1990-er Jahren.

Streitpunkt ist auch die Frage, wie viele Sitze fehlen, um die Versorgung zu verbessern. Das DPNW geht nach eigenen Angaben von weit mehr als 6.000 fehlenden Kassensitzen für Psychotherapeuten aus. Eine genaue Zahl sei schwer zu ermitteln, da der G-BA Behandlungen außerhalb des Kassensystems bei Privatpraxen im Kosten­erstattungsverfahren nicht veröffentliche, hieß es.

Ein Gutachten der Universität München hatte im Jahr 2018 festgehalten, dass 2.400 neue Sitz für Psy­cho­the­ra­peuten fehlen. Dem rbb-Bericht zufolge sind rund 800 neue geschaffen worden. Marini erläuterte, dass Teile des Gutachtens aber auch eine Umverteilung vorgesehen hätten. So werde ein Abbau von 2.527 Sitzen in überversorgten Regionen bei einem Versorgungsgrad von 140 Prozent thematisiert. Diese Zahl müsse man den 2.400 gegenüberstellen.

Hintergrund des Gesprächs zwischen Marini und dem rbb24 war eine Recherche unter anderem zu langen War­te­zeiten in der Psychotherapie. Unter anderem berichtete der rbb, dass Wartezeiten im Schnitt zwölf Wochen und länger seien. Darüber hinaus gab es ein starkes Stadt-Land-Gefälle in der Versorgung. © may/aerzteblatt.de

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