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Medizin

Wie häufig erkranken Kinder an Long COVID?

Donnerstag, 23. Juni 2022

/krutenyuk, stock.adobe.com

Kopenhagen und Oslo – Kleinkinder leiden nach einem positiven SARS-CoV-2-Test häufiger und länger unter Symptomen als ältere Kinder. Sie benötigen nach den Ergebnissen von Studien aus Dänemark in Lancet Child & Adolescent Health (2022; DOI: 10.1016/S2352-4642(22)00154-7) und Norwegen im britischen Ärzteblatt (BMJ 2022; DOI: 10.1136/bmj-2021-066809) jedoch nur selten fachärztliche Hilfe, und ihre Lebensqualität könnte paradoxerweise sogar besser sein, weil die Angst vor einer Infektion mit unklarem Ausgang entfällt.

Die Häufigkeit von Long COVID lässt sich bei kleinen Kindern nur schwer ermitteln, da Kinder häufig unter unspezifischen Beschwerden leiden. Die ersten Lebensjahre sind eine Lehrzeit für das Immunsystem, in der es immer wieder zu Infektionen kommt. Wenn ein Kind sich nach COVID-19 nur langsam erholt, kann dies im Prinzip auch daran liegen, dass es bereits mit dem nächsten Infekt zu kämpfen hat.

Notwendig ist deshalb ein Vergleich von Kindern, die an COVID-19 erkrankt sind, mit anderen Kindern, deren Test negativ ausfiel. Selina Kikkenborg Berg vom Rigshospitalet in Kopenhagen und Mitarbeiter haben die Eltern oder Betreuer aller 38.152 dänischen Kinder und Jugendlichen im Alter von 0 bis 14 Jahren, die bis Mitte Juli 2021 positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden, per e-Boks kontaktiert (einem elektronischen Briefkasten, den alle Dänen nutzen können).

Die Vergleichsgruppe bestand aus 147.212 Kindern gleichen Alters und Geschlechts, die niemals positiv getestet wurden. Aus beiden Gruppen trafen zusammen 44.013 Antworten ein, wobei der Rücklauf bei Fällen mit 28,8 % etwas größer war als bei den Kontrollen mit 22,4 %.

Die Eltern oder Betreuer wurden nach 23 Symptomen befragt, die zuvor in einer Umfrage („Long COVID Kids Rapid Survey“) am häufigsten als mögliche Long COVID-Symptome bei Kindern genannt wurden. Als Long COVID wurden nach einer Definition der Weltgesundheitsorga­nisation (WHO) alle Symptome gewertet, die länger als 2 Monate nach dem positiven Test noch bestanden beziehungsweise neu aufgetreten waren.

Tatsächlich gaben die mit SARS-CoV-2 infizierten Kinder häufiger Symptome an. In der Altersgruppe der 0- bis 3-Jährigen waren es in der COVID-19-Gruppe 40 % gegenüber 27 % in der Kontrollgruppe. Berg ermittelt eine Odds Ratio (OR) von 1,78, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,55 bis 2,04 signifikant war. Am häufigsten waren Stimmungsschwankungen, Hautausschläge und Bauchschmerzen.

In der Altersgruppe der 4- bis 11-Jährigen war der Unterschied mit 38 % in der COVID-19-Gruppe gegenüber 34 % in der Kontrollgruppe geringer, aber signifikant (OR 1,23; 1,15-1,31). Am häufigsten waren Stimmungs­schwankungen, Gedächtnis- oder Konzentrations­chwierig­keiten und Hautausschläge.

In der Altersgruppe der 12- bis 14-Jährigen wurden mit 46 % versus 41 % von den infizierten Teenagern ebenfalls etwas häufiger anhaltende Symptome angegeben (OR 1,21; 1,11-1,32). Am häufigsten waren Abgeschlagenheit („Fatigue“), Stimmungsschwankungen sowie Erinnerungs- und Konzentrationsstörungen.

Interessanterweise fühlten sich die Kinder in der COVID-19-Gruppe weniger durch die Symptome in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt als die Kontrollgruppe. Im PedsQL-Fragebogen („Pediatric Quality of Life Inventory“) hatte die Altersgruppe von 4 bis 11 Jahren mit median 80 versus 75 Punkten und in der Altersgruppe von 12 bis 14 Jahren mit median 90 versus 85 Punkten die besseren Ergebnisse. Auch im CSSI-24-Fragebogen („Children’s Somatic Symptoms Inventory-24“) war die Lebensqualität etwas besser: Die Unterschiede waren statistisch signifikant, aber klinisch nicht relevant.

Eine mögliche Erklärung für die bessere Lebensqualität ist laut Berg, dass die bereits erfolgte meist leichte Infektion den Kindern die Angst vor einer noch schlimmeren Erkrankung genommen hat. Angesichts der alarmierenden Zahlen zur Pandemie erscheint dies verständlich zu sein.

Der wichtigste Einwand gegen die Studie ergibt sich aus der geringen Rücklaufquote der Befragungen. Es ist möglich und durchaus plausibel, dass Eltern/Betreuer von Kindern mit Long COVID-Symptomen ein größeres Interesse an dem Thema hatten und deshalb den Fragebogen häufiger zurückschickten als Eltern/Betreuer von Kindern, die sich ohne Folgen von der Erkrankung erholt hatten.

Karin Magnusson vom Folkehelseinstituttet in Oslo und Mitarbeiter vermieden einen solchen Selektions-Bias. Das Team hat die Daten aller 10.279 Kinder und Jugendlichen ausgewertet, die zwischen dem 1. August 2020 und dem 1. Februar 2021 in Norwegen positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden.

Als Vergleichsgruppe dienten 275.859 negativ getestete und 420.747 nicht getestete Kinder und Jugendliche. Endpunkt war die Häufigkeit der Besuche beim Allgemeinarzt und der Notfallambulanz. Im 1. Monat waren die Raten deutlich erhöht, weil viele Kinder an COVID-19 erkrankt waren. Magnusson ermittelt einen Anstieg um 339 % für die 1- bis 5-Jährigen, von 471 % für die 6- bis 15-Jährigen und von 401 % für die 16- bis 19-Jährigen.

Auch nach 2 Monaten, der Grenze zum Long COVID, benötigten die jüngeren Altersgruppen noch häufiger eine primärärztliche Versorgung. Für die 1- bis 5-Jährigen war die Zahl der Arztkontakte um 22 % (4-40 %) erhöht.

Bei den 6- bis 15-Jährigen betrug das Plus 14 % (2-26 %). Auch nach 3 Monaten verzeichnete Magnusson noch einen Anstieg um 26 % (7-46 %) bei den 1- bis 5-Jährigen und um 15 % (3-28 %) bei den 6- bis 15-Jährigen.

Bei den älteren Jugendlichen hatten sich die Beschwerden gelegt oder sie waren nicht mehr so stark, dass sie zum Arztbesuch führten. Vermehrte Besuche bei Fachärzten konnte Magnusson nicht ermitteln. Long COVID scheint bei Kindern nur selten zu gravierenden gesundheitlichen Störungen zu führen.

Auch die Studie von Magnusson ist nicht frei von möglichen Verzerrungen. So könnten sich die Eltern von infizierten Kindern bei gesundheitlichen Beschwerden ihrer Kinder häufiger an einen Arzt gewandt haben, weil sie über die Medien von dem Phänomen Long COVID erfahren haben. Ohne eine vorherige Infektion hätten sie bei gleichen Symptomen möglicherweise auf einen Arztbesuch verzichtet. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #966877
Wissensfan
am Sonntag, 26. Juni 2022, 07:42

FIP

Der Hauptmetabolidvon Remdesivir scheint gegen FIP prima zu wirken!
Siehe z. B.:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8621566/
https://www.rvc.ac.uk/small-animal-vet/news/successful-fip-treatment-with-remdesivir

BTW. : FIP hat Parallelen zu PIMS!
Avatar #877176
Scott Nearing
am Donnerstag, 23. Juni 2022, 23:13

Frage(n) eines Tierarztes

Kann man, frau oder ein diverser ausschließen, daß sich das Corona-Virus beim homo sapiens so einnistet, wie das enterale Corona-Virus bei Katzen ?
Zur Info für NICHT-Tiermediziner: Das Virus mutiert in den Katzen Jahre nach der Infektion unter Stress, z.B. unter Massentierhaltungs-Bedingungen und verursacht nicht banales Long-Covid, sondern eine tödliche Erkrankung mit Namen FIP.
Das Corona-Virus wäre ja nicht das erste persistierende Virus und auch nicht das letzte.
2. Frage: Warum hat die Frage Nr. 1 noch nie jemand gestellt ?

Netter Befund am Rande: Remdesivir wird seit 3 Jahren illegalerweise um 2.500 Dollar weltweit angeboten, um FIP bei Katzen zu behandeln. Weiß jemand hier, wo das herkommt ?
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