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Medizin

Polioviren in Londoner Klärwerk aufgetaucht

Donnerstag, 23. Juni 2022

/Yabusaka, stock.adobe.com

London – Die britischen Behörden haben in den vergangenen Monaten in einem Londoner Klärwerk wieder­holt impfstoffabgeleitete Polioviren vom Typ 2 (VDPV2) nachgewiesen. Genetische Untersuchungen ergaben, dass es sich um identische Viren handelt, was auf eine lokale Ausbreitung in der Bevölkerung (oder einen Langzeitausscheider) hindeutet.

Erkrankungen sind bisher nicht beobachtet worden. Eine größere Epidemie wird bei einer Impfquote von 86,6 % nicht erwartet. Die Viren waren zwischen Februar und März in den Abwässern von „Beckton Sewage Treat­ment Works“ entdeckt worden, dem größten Klärwerk Europas, das die Abwässer aus dem Norden, Osten und dem Zentrum Londons aufbereitet.

Laut der „UK Health Security Agency“ (UKHSA) ist es normal, dass im Rahmen der routinemäßigen Überwa­chung 1 bis 3 Mal pro Jahr „impfstoffähnliche“ Polioviren in Abwasserproben des Landes nachgewiesen wer­den.

Sie stammen in der Regel von Personen, die im Ausland mit dem oralen Polio-Lebendimpfstoff (OPV) geimpft wurden und danach nach Großbritannien gereist sind. Dort scheiden sie die Viren dann über kurze Zeit mit dem Kot aus. In der Regel sind dann die nächsten Proben im Klärwerk wieder negativ.

Im Londoner Klärwerk war dies nicht der Fall. Die anhaltend positiven Nachweise haben die UKHSA zu einer genaueren genetischen Analyse der Viren bewogen. Dabei stellte sich heraus, dass die Viren aus den verschie­denen Proben identisch waren. Sie gehören zu den impfstoffabgeleiteten Polioviren vom Typ 2 (VDPV2), die in den vergangenen Jahren in Afrika immer wieder zu Ausbrüchen geführt haben.

Es ist deshalb möglich, dass die Viren von dort importiert wurden und sich dann lokal ausgebreitet haben. Die Alternative wären ein oder mehrere Langzeitaus­scheider. Dies könnten Personen mit Abwehrschwächen sein, deren Immunsystem nicht in der Lage ist, die Infektion zu beenden, auch wenn es nicht zu einer Erkrankung kommt.

Neurologen gehen davon aus, dass nur jede 100. bis 200. Infektion mit dem Poliovirus zu einer akuten schlaf­fen Lähmung (AFP) führt, der klassischen Poliomyelitis oder Kinderlähmung. Die Mehrzahl der Infektionen verläuft asymptomatisch oder geht mit leichten, unspezifischen, teils grippeähnlichen Symptomen einher.

VDPV2 haben sich zu einem Problem entwickelt, seit der Typ 2 des Poliovirus im April 2016 aus dem oralen Impfstoff entfernt wurde (der seither nur noch die Typen 1 und 3 enthält). Der Verzicht auf das Impfstoffvirus vom Typ 2 erschien möglich, weil es in den Jahren zuvor weltweit keine Ausbrüche mehr mit dem Wildtyp 2 gegeben hatte.

Es gab jedoch keine Garantie, dass dies so bleiben würde. Denn die Lebendviren im Impfstoff können sich durch Mutationen wieder in ein pathogenes Virus verwandeln, das dann eine AFP auslösen kann.

Dazu ist es in den folgenden Jahren immer wieder gekommen. Mittlerweile werden mehr AFP durch VDPV2 ausgelöst als durch den Wildtyp, der nur noch in Afghanistan und Pakistan endemisch ist. Die Weltgesund­heitsorganisation (WHO) verzeichnete im Jahr 2020 mit 1.078 VDPV2-Fällen einen Höhepunkt. Im vergangenen Jahr kam es zu einem Rückgang, doch das Problem besteht vor allem in Afrika weiter. Auch der Typ 1 tritt dort mittlerweile als impfstoffabgeleitetes Poliovirus (VDPV1) auf.

Die WHO reagiert auf die Ausbrüche mit Impfkampagnen, bei denen dann vorübergehend wieder ein oraler Impfstoff eingesetzt werden muss – aus dem dann neue VDPV2 entstehen können. Der Rückgriff auf den oralen Impfstoff ist notwenig, weil der inaktivierte Impfstoff (IPV), der ihn langfristig ersetzen soll, keine ausreichende Darmimmunität erzeugt. Die vom Impfstoff abgeleiteten Polioviren können sich auch im Darm von IPV-Geimpften vermehren. Das Ziel, die Polioviren komplett zu eradizieren, lässt sich auf diese Weise nicht erreichen.

In Großbritannien wird wie auch in Deutschland nur noch der IPV eingesetzt. Die hohe Impfquote dürfte verhindern, dass es zu einer größeren Epidemie mit vielen Erkrankungen kommt. Gefährdet sind jedoch die Kinder, die während der derzeitigen Pandemie noch nicht geimpft wurden, etwa weil die Eltern Angst vor einem Arztkontakt hatten.

Die UKHSA hat deshalb die Bevölkerung aufgefordert, die Impflücken zu schließen. Bisher ist es zu keinen Er­krankungen gekommen. Es ist jedoch denkbar, dass sich die VDPV2 unentdeckt in der Londoner Bevölkerung ausgebreitet haben. Falls es doch zu Erkrankungen kommen sollte, müsste die UKHSA über Impfkampagnen mit einem oralen Impfstoff nachdenken.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin hält übrigens ein Auftreten von VDPV2 auch in Deutschland nicht für ausgeschlossen. Die Viren könnten nicht nur aus Afrika, sondern auch aus Europa importiert werden. Im Epidemiologischen Bulletin (2022; 15: 21-23) wurde kürzlich darauf hingewiesen, dass in der Westukraine im Oktober und Dezember 2021 bei 2 ungeimpften Kindern mit AFP und bei 18 ungeimpften Kontaktpersonen VDPV2 nachgewiesen wurde.

Die Impfquote ist in der Ukraine niedrig, in der Westukraine lag sie zuletzt bei unter 50 %. Auch in den Kriegsgebieten dürften die Impfungen derzeit vernachlässigt werden. © rme/aerzteblatt.de

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