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Politik

Medizininformatik­initiative zeigt erste Erfolge

Dienstag, 28. Juni 2022

/leowolfert, stockadobecom

Berlin – Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist um einige entscheidende Schritte vorangekommen. Dieses Fazit zieht der zweite Kongress des SMITH-Konsortiums unter dem Motto „New Solutions in Digital Health“, der heute und morgen in Berlin stattfindet.

SMITH steht für Smart Medical Information Technology for Healthcare und verfolgt als eines von vier seit 2018 durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Konsortien der Medizinin­formatikinitiative (MII) das Ziel, Patien­tendaten, die während eines Klinikaufenthaltes entstehen, standort­übergrei­fend digital zu vernetzen und der Forschung zugänglich zu machen.

Wesentliche Abläufe, Strukturen und Bedingungen für einen zentralen Zugang und die einheitliche Nutzung von Patientendaten und Biomaterialien konnten in den vergangenen Jahren aufgebaut werden, betonte Markus Löffler von der Universität Leipzig, Leiter des SMITH-Konsortiums. Datenintegrationszentren seien mittlerweile an sieben universitätsmedizinischen Standorten aufgebaut worden, konkret in Aachen, Bonn, Essen, Halle(Saale), Hamburg, Jena und Leipzig.

Derzeit bereiteten zudem die Netzwerkpartner Bochum, Düsseldorf und Rostock den Aufbau von Dateninte­grationszentren für die nächste Förderperiode ab 2023 vor. „Das Haus steht. Jetzt ist Richtfest“, sagte Löffler. Dennoch bleibe noch viel zu tun. Jetzt ginge es quasi darum, das Haus einzurichten und einzuziehen. Mit dem SMITH-Kongress wolle man nicht nur das Erreichte präsentieren, sondern gezielt in die Zukunft blicken und dabei die Grenzen der Universitätsmedizin verlassen.

„Bedarf und Nachfrage sind groß“, so Löffler. Auf dem Gebiet der medizininforma­tischen Lehre hätte SMITH deshalb als „flankierende Maßnahme“ sechs neue Professuren für Medizininformatik, vier Nachwuchsforscher­gruppen und drei neue Studiengänge sowie Trainingsbildungsangebote etabliert.

„Was bis jetzt geleistet wurde, war wichtige und grundlegende Infrastrukturarbeit“, erläuterte Sebastian C. Semler, Geschäftsführer der Technologie- und Methoden­platt­form für die vernetzte medizinische Forschung (TMF), heute in Berlin.

Semler, der mit der Koordination aller vier Konsortien betraut ist, betonte, dass die Aufbauarbeit Zeit und einen langen Atem brauche. „Diesen müssen wir einfordern“, sagte er. Erfolge gebe es bereits. „Die MII wird als Ansprechpartner bereits von Dritten wahrgenommen.“ Dies sei besonders wichtig: „Medizinische Forschung und Versorgung sollten zukünftig nicht mehr getrennt gedacht werden. Sie müssen auch strukturell stärker vernetzt werden.“

Erfolge diesbezüglich weisen bereits die in SMITH integrierten klinischen Use Cases ASIC (Algorithmische Überwachung in der Intensivversorgung) und HELP (Zielgerichtete Antibiotikatherapie in der Infektionsme­dizin) auf, die die Funktionsfähigkeit der Datenintegrationszentren zeigen sollen. Sie beginnen bereits, die Versorgung in den Bereichen der Intensiv- und Infektionsmedizin zu verbessern. Dazu integrieren sie an den beteiligten Standorten mobile Anwendungen (Apps) in den Klinikalltag.

Bei ASIC will das SMITH-Konsortium medizinisches Personal darin unterstützen, die Diagnoserate von Akutem Lungenversagen (ARDS) zu erhöhen, die Therapie zu verbessern und das Auftreten von lebensbedrohlichen Komplikationen zu reduzieren.

Federführend durch das Universitätsklinikum Aachen wird dazu in Zusammenarbeit mit sieben weiteren Uni­versitätsklinika eine App implementiert, die eine kontinuierliche ARDS-Überwachung von Intensivpatientin­nen und -patienten sowie die Darstellung von Behandlungsleitlinien gewährleistet.

Es habe gezeigt, dass der Einsatz der ASIC-App durch frühzeitige ARDS-Diagnose und Therapie die Versorgung von COVID-19-Patientinnen und Patienten optimieren kann, erklärte Gernot Marx, Universitätsklinikum RWTH Aachen und Leiter des Use Case ASIC.

Komplikationen wie ARDS könnten zum Teil bereits zwei Tage früher vorhergesagt werden. „Ich bin überzeugt, dass die Daten im Use Case ASIC ein riesiges Potential haben, um mit den Mitteln der Künstlichen Intelligenz noch besser helfen und mehr Patienten zurück ins Leben holen zu können“, sagte er.

Der klinische Use Case HELP widmet sich einer verantwortungsvollen Antibiotika­therapie bei Staphylokok­ken-Blutstrominfektionen. Die HELP-App des SMITH-Konsortiums diene Ärztinnen und Ärzten als computer­ba­sierte Entscheidungsunter­stützung bei Patienten mit Nachweis von Staphylokokken in der Blutkultur, er­läuterte André Scherag vom Universitätsklinikum Jena und Leiter des Use Case HELP.

„Leitliniengerecht gibt die App den behandelnden Ärztinnen und Ärzten Informa­tionen zu den nächsten diag­nostischen und therapeutischen Schritten“, sagte er. Neben einer direkten Verbesserung der Patientenversor­gung werde damit auch indirekt zur Vermeidung von antibiotikabedingten Multiresistenzen sowie zur Opti­mie­rung der stationären Beratung durch Infektiologen beigetragen. Die HELP-Studie wird an fünf deutschen Universitätsklinika in Aachen, Essen, Halle, Jena und Leipzig durchgeführt.

Die Universitätsklinika haben dabei allerdings bis heute mit einigen grundlegenden Defiziten zu kämpfen. „Wir haben einen großen Bedarf, Daten zu teilen, und erleben dabei all die bekannten Schwierigkeiten“, erklärte Silke Haferkamp, Leiterin des Geschäftsbereich IT an am Universitätsklinikum RWTH Aachen.

So gebe es eine enge Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Maastricht, sowohl Ärzte als auch Patienten wären in beiden Kliniken. Dadurch würden regelmäßig Schwierigkeiten mit unterschiedlichen Datenformaten entstehen.

Das bestätigte Ronald Cornet vom Amsterdam Public Health Research Institute. Ein Drittel aller Gesundheitssysteme hätten Probleme mit der Interoperabilität, speziell mit Unterschieden in der Semantik. Die medizinische Informatik allgemein müsse in diesem Bereich noch weiter reifen: „Wir müssen bessere Arbeit dabei machen, Daten nicht nur zu sammeln, sondern auch in nützliche Informationen umzuwandeln.“

Initiativen wie der jüngst vorgestellte Europäische Gesundheitsdatenraum, aber auch solche wie die Dateninfrastruktur Gaia-X, die auf den ersten Blick nichts mit dem Gesundheitswesen zu tun haben, müssten dabei einbezogen werden. „Wir müssen und in der Gesundheitsversorgung in Richtung föderierter Systeme bewegen“, forderte Cornet.

Drei konkrete Maßnahmen müssten dabei europaweit angegangen werden: Es müssten zum einen über Landesgrenzen hinweg sowohl technische als auch organisatorische Infrastrukturen für Datenaustausch und -verarbeitung geschaffen werden. Dann müssten Communities von Informatikern und Leistungserbringern entstehen, die gemeinsam Erfahrung und Expertise aufbauen. Und schließlich müsse mehr Mühe in Aus- und Fortbildung im Bereich medizinischer Informatik gesteckt werden.

Gleichzeitig müssten mehr Anreize geschaffen werden, entsprechende Anwendungen aktiv zu nutzen. „Die Leute verkaufen ihre Seele an Facebook und Google, weil sie einen schnellen Nutzen sehen“, erklärte Cornet. „Wenn auch wir einen solchen schnellen Nutzen schaffen können, haben die Anwender eine intrinsische Motivation zur Nutzung.“

Zum Hintergrund: Das Förderprogramm Medizininformatikinitiative ist modular aufgebaut. In der Aufbau- und Vernetzungsphase (2018-2022) fördert das BMBF den Aufbau von Datenintegrationszentren an den Universi­tätskliniken mit mehr als 200 Millionen Euro.

Anhand konkreter Anwendungsfälle demonstrieren die Konsortien dort den Mehrwert ihrer IT- Lösungen in der Praxis. Der Fokus der nun anstehenden Ausbau- und Erweiterungsphase (2023-2026) liegt auf einer er­weiterten Zusammenarbeit zwischen den Universitätskliniken und auf der Kooperation mit neuen Partnern.

Künftig soll die MII noch stärker mit anderen Initiativen vernetzt werden, um die Digitalisierung in der Ge­sundheitsforschung flächendeckend zu erreichen. Ein Beispiel ist heute schon die enge Zusammenarbeit der MII mit dem Netzwerk Universitätsmedizin (NUM). Hier wurde beispielsweise gemeinsam eine Datenplattform aufgebaut, um die Daten der COVID-19-Patienten aller deutschen Unikliniken zu analysieren. © ER/lau/aerzteblatt.de

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