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Gesundheitsreport: Ärzte rechnen mit Verschlechterung der Versorgung

Donnerstag, 30. Juni 2022

/ picture alliance, Keystone, Alessandro Crinari

Berlin – Ärztemangel, lange Wartezeiten und der Kostendruck im Gesundheitswesen setzen den Men­schen in Deutschland immer stärker zu. Noch bewerten Patienten die Qualität der hiesigen Gesundheits­ver­sorgung überwiegend positiv – doch die Ärztinnen und Ärzte fürchten mehrheitlich, dass das Niveau in den kom­men­den Jahren nicht aufrechterhalten werden kann.

Noch bewerten 81 Prozent der Patienten die Gesundheitsversorgung positiv, bei den Ärzten selbst genießt sie demnach zu 89 Prozent hohe Wertschätzung. Zu diesen Ergebnissen kommt eine heute veröffentlichte Befra­gung des Instituts für Demoskopie Allensbach für den Gesundheitsreport 2022 des Wieslocher Finanzdienst­leisters MLP (Rhein-Neckar-Kreis).

Verschlechtert hat sich demnach vor allem die Versorgung gesetzlich Versicherter Patienten. Mit 32 Prozent gab fast jeder Dritte von ihnen an, häufiger schlechte Erfahrungen im Gesundheitswesen zu machen als noch vor wenigen Jahren. Von den PKV-Versicherten haben das nur fünf Prozent an. Für sie handele es sich bei schlechten Erfahrungen „nur um eine Randerscheinung“.

Für die meisten Niedergelassenen sind die Privatversicherten dabei weiterhin unentbehrlich. „Zwei Drittel der Ärzte ziehen die Bilanz, dass Privatpatienten für die wirtschaftliche Basis wichtig oder sehr wichtig sind“, er­klärte Köcher.

Die Ergebnisse würden insgesamt zeigen, „dass sich die Probleme im Gesundheitssystem zuspitzen und sehr schwer zu lösen sind“, erklärte Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach. „Die Pandemie ist eher ein Problem zweiter Ordnung im Vergleich dazu, was sich sonst im Gesundheitswesen tut.“

Laut der Umfrage unter mehr als 400 Ärzten und fast 1.100 Bürgern macht ihnen besonders der Ärztemangel besonders zu schaffen. Die zunehmenden Engpässe nimmt jeder dritte Bürger wahr, in Ostdeutschland mit 53 Prozent sogar mehr als jeder zweite.

Das personelle Fundament des Gesundheitswesens erodiere zunehmend, warnte Köcher. Und mit Blick die Lage sei dramatischer als es auf den ersten Blick aussehe: „Das sieht aus wie ein Trend, der gleichmäßig nach oben geht. De facto geht wer aber nicht gleichmäßig nach oben, sondern er beschleunigt sich.“

Auch die niedergelassenen Ärzte selbst registrieren zu 52 Prozent einen Ärztemangel, 2019 waren es noch 41 Prozent. Die angespannte Personalsituation erhöht die Belastung der verbleibenden Mediziner. Fast drei Vier­tel der Ärzte in Städten und Regionen unter 100.000 Einwohner berichteten von Mehrarbeit, wobei Hausärzte stärker betroffen sind als Fachärzte.

Zugleich steigt laut der Befragung der Anteil der Krankenhausärzte, die für eine Niederlassung infrage kämen, auf 46 Prozent. 2019 waren es noch 37 Prozent gewesen. Doch ein Wechsel von der Klinik in die Praxis würde den Mangel nur verlagern.

Denn auch in den Kliniken verschärft sich das Nachwuchsproblem. Aktuell geben 57 Prozent der Klinikärzte an, dass in ihrem eigenen Haus Ärztemangel herrscht, fast ein Viertel befürchtet ihn in den kommenden Jahren. „Das wird sich auf absehbare Zeit nicht bessern, denn es ist nach wie vor sehr schwer, offene Stellen mit Ärzten zu besetzen“, sagte Köcher.

Ähnlich dramatisch stellt sich die Lage beim Fachpersonal dar. Mehr als jede fünfte Praxis ist der Umfrage zu­folge unterbesetzt; ein Viertel hat offene Stellen. Auch in den Krankenhäusern fehlt es an Pflegekräften und anderem nicht ärztlichen Personal. 89 Prozent der Klinikärzte sagen, dass es schwierig oder sehr schwierig ist, einen Arbeitsplatz zu besetzen.

Dennoch lehnen 84 Prozent der Ärzte den Einstieg von Kapitalinvestoren in das Gesundheitswesen ab; vor allem, weil sie befürchten, dass wirtschaftliche Erwägungen eine zu große Rolle spielen könnten.

Als wichtigste Maßnahme zur Verringerung des Ärztemangels sehen die meisten Ärzte einen Abbau der Büro­kratie: 95 Prozent gaben an, dass sie das als wichtige oder besonders wichtige Maßnahme sehen. 81 Prozent halten es für wichtig oder sehr wichtig, die Arbeitsbelastung zu verringern.

77 Prozent halten es für eine wichtige oder besonders wichtige Maßnahme gegen den Ärztemangel, flexiblere Beschäftigungsmodelle zu ermöglichen, 71 Prozent sagen das über einen vereinfachten Zugang zum Medizin­studium. „Bessere Arbeitsbedingungen werden deutlich höher rangiert als bessere Bezahlung“, fasste Köcher zusammen.

Auch die Therapiefreiheit sieht die Hälfte der Ärzte durch den Kostendruck im Gesundheitswesen infrage gestellt, heißt es im Report. In der Bevölkerung meinen 38 Prozent, aus Kostengründen eine bestimmte Behandlung oder ein bestimmtes Medikament nicht bekommen zu haben.

60 Prozent der Ärzte und fast ebenso viele Bürger sehen das Gesundheitssystem auf dem Weg zur Zwei-Klassen-Medizin. „Die Erwartung einer Zweiklassenmedizin ist stabil immer vorhanden in der Bevölkerung und auch bei den Ärzten“, erklärte Köcher.

Der Blick in die Zukunft fällt bei Bevölkerung und Ärzteschaft düster aus. Knapp zwei Drittel der befragten Mediziner gehen von einer Verschlechterung der Gesundheitsversorgung in den nächsten zehn Jahren aus; in der Bevölkerung liegt der Wert bei einem Drittel.

„Die Bevölkerung ist noch optimistischer. Aber diejenigen, die täglich in diesem System arbeiten, sind schon skeptischer, ob es gelingen wird, die Versorgungsqualität in den nächsten Jahren aufrechtzuerhalten“, sagte Köcher.

Von der Bundesregierung erhoffen sich die meisten nicht viel: „Für ihre bisherige Arbeit kriegt die Regierung kein besonders gutes Zeugnis ausgestellt“, sagte Köcher. Der Gesundheitspolitik erteilen ein Drittel der Bevöl­kerung schlechte Noten. Nur 26 Prozent haben einen guten Eindruck, 41 Prozent geben kein Urteil ab.

Die Ärzte zeigten sich zu 28 Prozent zufrieden, zu 39 Prozent nicht. „Die Ärzteschaft traut der Regierung nicht zu, dass sie die langfristigen Schwierigkeiten angeht“, schlussfolgerte Köcher.

Immerhin: „Im Vergleich zu den Vorjahren ist die Unzufriedenheit spürbar zurückgegangen, allerdings zuguns­ten derer, die sich unentschlossen zeigen“, erläuterte sie. Jeder dritte Arzt und damit deutlich mehr als in den vorangegangenen Untersuchungen wollte die Gesundheitspolitik nicht bewerten.

MLP-Vorstandschef Uwe Schroeder-Wilberg forderte eine ernsthafte Zukunftsvorsorge von der Ampelkoali­tion. Er resümierte: „Dazu gehört auch eine ergebnisoffene Diskussion über die Ausgabenseite, also darüber, was das staatliche Gesundheitswesen in Zukunft noch alles leisten soll und wie diese Leistungen effizient organisiert und erbracht werden.“

So müssten künftig durch verschiedene Formen der Digitalisierung die Effizienz zu erhöhen. Das würden auch viele Leistungserbringer mittlerweile akzeptieren. „Man sieht, dass die Ärzte sich darauf einrichten, dass Telemedizin in Zukunft eine größere Rolle spielt“, sagte Schroeder-Wilberg.

Köcher forderte längst überfällige Strukturreformen endlich anzugehen: „Wir fokussieren uns viel zu stark auf die Pandemie. Das war am Anfang auch verständlich, ist es aber nicht mehr, wenn man die strukturellen Schwierigkeiten sieht.“ © lau/dpa/aerzteblatt.de

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