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Medizin

ADHS-Medikamente könnten Potenzial für Alzheimerbehandlung haben

Mittwoch, 6. Juli 2022

/Anatomy Insider, stock.adobe.com

London – Noradrenerge Medikamente, wie sie zur Behandlung von ADHS (Aufmerksam­keitsdefizit- / Hyperak­tivitätssyndrom), Depressionen oder Bluthochdruck eingesetzt werden, könnten möglicherweise auch be­stimmte Schlüsselsymptome der Alzheimerkrankheit verbessern. Zu diesem Ergebnis kommt eine gepoolte Analyse von Daten, die online im Journal of Neurology Neurosurgery & Psychiatry veröffentlicht wurde (JNNP 2022; DOI: 10.1136/jnnp-2022-329136).

„Es gibt gute Evidenz dafür, dass Medikamente mit in erster Linie noradrenerger Wirkung erfolgreich darin sein könnten, bei Patienten mit der Alzheimerkrankheit kognitive Symptome und Apathie zu lindern“, schrei­ben die Autoren um Michael David vom Imperial College London und seine Kollegen.

Noradrenerge Medikamente erhöhen die synaptische Verfügbarkeit des Neurotransmitter Noradrenalin, der von einem Netzwerk spezialisierter noradrenerger Neuronen freigesetzt wird. Dieses Netzwerk ist entschei­dend für Arousal und viele kognitive Prozesse wie Aufmerksamkeit, Lernen, Gedächtnis, Handlungsbereit­schaft und Unterdrückung unangemessener Verhaltensweisen.

Noradrenerges System als neues Target für die Therapie

Bei der Alzheimerkrankheit kommt es schon früh im Verlauf zu einer noradrenergen Störung, die zu den kog­ni­­tiven und neuropsychiatrischen Symptomen beiträgt, die die Krankheit auszeichnen. Dies spricht dafür, dass das noradrenerge System ein gutes Target für eine medikamentöse Therapie wäre.

David und seine Kollegen suchten aus den üblichen medizinischen Datenbanken klinische Studien heraus, die zwischen 1980 und 2021 publiziert wurden und in denen noradrenerge Substanzen wie Atomoxetin, Methyl­phenidat und Guanfacin verwendet wurden, um kognitive und/oder neuropsychiatrische Symptome bei Menschen mit neurodegenerativen Erkrankungen zu verbessern.

Gepoolte Analyse von 19 randomisiert-kontrollierten Studien

Letztlich schlossen sie 19 randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 1.811 Patienten in ihre Analyse ein, die sich auf Alzheimer und leichte kognitive Einschränkungen fokussierten. Bei 6 der Studien stuften sie die Qualität als „gut“ ein, bei 7 als „ordentlich“ und bei 6 als „schlecht“.

Die Ergebnisse von 10 dieser Studien – mit insgesamt 1.300 Patienten – poolten sie, um den Effekt auf die globale Kognition beurteilen zu können: Orientierung/Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprechflüssigkeit, Sprache und visuell-räumliche Fähigkeiten.

Kleiner Effekt auf Kognition, großer Effekt auf Apathie

Die Analyse ergab einen kleinen, aber statistisch signifikanten positiven Effekt noradrenerger Medikamente auf die globale Kognition – gemessen mit der Minimental State Examination oder der Unterskala Kognition der Alzheimer’s Disease Assessment Scale.

Die standardisierte mittlere Differenz (SMD) betrug 0,14 (95-%-KI 0,03-0,25; p=0,01). Bei der Aufmerksamkeit war kein signifikanter Effekt zu beobachten (SMD 0,01 [95-%-KI -0,17 bis 0,19]; p=0,91).

Um einen möglichen Effekt auf Verhalten und neuropsychiatrische Symptome sowie Agitiertheit und Apathie beurteilen zu können, poolten sie die Ergebnisse von 8 klinischen Studien mit insgesamt 425 Patienten.

Diese Analyse ergab einen großen positiven Effekt der noradrenergen Medikamente auf Apathie, selbst nach Ausschluss von Ausreißern, um Unterschiede in Studiendesign und intendierten Endpunkten zu berücksichtigen (SMD 0,45 [95-%-KI 0,16-0,73]; p=0,002).

Mögliches Repurposing etablierter Medikamente sollte untersucht werden

„Eine Repurposing etablierter noradrenerger Medikamente könnte eine wirksame Behandlungsoption für die bei Alzheimer auftretenden kognitiven Einschränkungen sowie Apathie darstellen“, schlussfolgert die Forschungsgruppe. Die Analyse liefere eine Rationale für weitere, gezielte klinische Studien, in denen noradrenerge Medikamente zur Behandlung der Alzheimerkrankheit erprobt würden.

Allerdings sollten beim Design künftiger Studien mehrere Faktoren berücksichtigt werden, so David und seine Kollegen. So sollten für die Studien geeignete Subgruppen von Patienten ausgewählt werden. Entscheidend sei außerdem die Dosiseffekte der individuellen Medikamente sowie ihre Interaktionen mit anderen Therapeutika zu verstehen. Nur so ließen sich die Risiken minimieren und die therapeutischen Effekte maximieren. © nec/aerzteblatt.de

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