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Gesundheit in allen Politikfeldern mitdenken

Freitag, 15. Juli 2022

/picture alliance, Hauke-Christian Dittrich

Hannover – Benachteiligte Bevölkerungsgruppen haben oftmals nur bedingt Zugang zu medizinischer Ver­sorgung und im Vergleich zu anderen Gruppen eine geringere Lebenserwartung. Experten wiesen auf der Jahrestagung der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen (LVG AFS) vorgestern darauf hin, dass Gesundheit deshalb nicht als einzelnes Politikfeld betrachtet werden dürfe, sondern auch in allen anderen Bereichen mitgedacht werden müsse.

Zudem habe die Coronapandemie die Situation von prekären und benachteilig­ten Gruppen nochmal ver­schärft, so die Experten. Der Epidemiologe und Public-Health Professor Michael Marmot vom Institute of Health Equity am University College London erklärte etwa, dass die Lebens­er­wartung der Menschen im Vereinigten Königreich im vergangenen Jahrzehnt insgesamt stagniert sei.

Bis 2010 war sie zuvor jahrelang angestiegen. Allerdings liege dies nicht daran, dass die Lebenserwartung insgesamt stagnieren würde, denn: In anderen Ländern sei die Lebenserwartung auch in den vergangenen Jahren weiter gestiegen, so etwa in Estland, Norwegen oder auch der Slowakei.

Bei benachteiligten Bevölkerungsgruppen sei die Lebenserwartung in den vergangenen Jahren im Vereinigten Königreich aber sogar gesunken, erklärte Marmot. „Menschen, die in ärmeren Nachbarschaften leben, haben eine kürzere Lebenserwartung.“ Die Pandemie habe diese Effekte nochmals verstärkt. Menschen aus benach­teiligten Gruppen verzeichneten etwa die höchsten Todesraten im Zusammen­hang mit COVID-19.

Marmot kritisierte dabei deutlich die Politik und politische Kultur Großbri­tanniens, die eher auf Steuersen­kungen und der Reduktion von öffentlichen Ausgaben setzen würde. Damit habe sich in den vergangenen Jahren die soziale und ökonomische Ungleichheit vergrößert, konstatierte Marmot.

England war mit dieser Sparpolitik demnach schlecht auf die Pandemie vorbereitet. Marmot kritisierte aber nicht nur die Regierung in Großbritannien, sondern auch die Politik in Deutschland. Die vormalige deutsche Bundes­regierung habe sich zu lange auf Sparmaß­nahmen und die schwarze Null konzentriert, so Marmot. Auch das habe Deutschland in Bezug auf die Pandemie schlecht vorbereitet.

Wenn es nach Marmot ginge, müsste Gesundheit der zentrale Angelpunkt aller politischen Entscheidungen sein. Er fordert dabei konkret, die fortlaufende Reduzierung von öffentlichen Ausgaben etwa im Vereinigten Königreich zu stoppen.

Finnland und Neuseeland hätten etwa „well being budgets“, die dafür sorgen, dass Gesundheitsprävention im Mittelpunkt der Regierungsarbeit steht. „Wir brauchen eine ganz andere politische Diskussion darüber, was Politik tun soll“, so Marmot.

Marmot nannte dabei klare Ziele für eine faire Gesellschaft und gesunde Lebensweise. Jedes Kind sollte den besten Start ins Leben ermöglicht bekom­men. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sollten zudem die Kontrolle über ihr eigenes Leben haben.

Weiter sei faire und gute Arbeit nötig, gesunde Lebensstandards für alle sowie die Schaffung von gesunden und nachhaltigen Plätzen und Communities. Wichtig sei außerdem, die Rolle und Einfluss von Gesundheitsprävention zu stärken.

Gerechte Steuer- und Bildungspolitik führt auch zu besserer Gesundheit

Thomas Altgeld, Geschäftsführer der Landesvereinigung Gesundheit, forderte ebenfalls, dass Gesundheit in allen Politikbereichen mitgedacht werden muss, statt Gesundheit nur als einen Bereich der politischen Arbeit zu sehen.

„Wir könnten uns alle Präventionsangebote sparen, wenn wir etwa eine gerechte Steuer- oder Bildungspolitik hätten“, so Altgeld. Auch über Mindest­lohn, sozialen Wohnungsbau oder die Umweltpolitik könnte der größte mittel­bare Gesundheitsgewinn erzielt werden.

Insgesamt sollte mehr in Verhältnis- als in Verhaltensprävention gedacht werden, findet Altgeld. Er empfiehlt zudem, nicht besserwisserisch auf Gruppen zu zielen, sondern den Dialog mit Menschen zu suchen, um Le­benslagen zu erkunden und dringende Probleme zu erkennen. Auch sollten Gesundheits­kompe­tenzen durch das Gesundheitssystem vor Ort gestärkt werden.

Altgeld kritisierte dabei, dass Deutschland dieses Jahr als allerletztes EU-Land ein Werbeverbot für Tabak­pro­dukte im öffentlichen Raum eingeführt hat. Über ein Werbeverbot für Alkohol werde noch nicht einmal disku­tiert. Auch für zuckerhaltige Produkte die sich an kleine Kinder richten, gebe es kein Werbeverbot, kritisierte Altgeld. Stattdessen setze Deutschland immer wieder auf nationale Aktionspläne, die sich auf Selbstverpflich­tung berufen.

Zwar finde er es gut, dass nun der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) gestärkt und mit mehr Personal be­setzt werden soll. Bis Ende 2022 sollen laut ÖGD-Pakt etwa rund 5.000 neue Stellen in den Gesundheitsäm­tern geschaffen werden, der Bund will insgesamt vier Milliarden Euro für Personal, Digitalisierung und moderne Strukturen zur Verfügung stellen. Allerdings vermisst Altgeld die Debatte darüber, wie konkret die künftige Arbeit des ÖGD aussehen soll. Stattdessen werde nur darüber gesprochen, dass neue Stellen geschaffen werden.

Gesundheit werde auch durch gute Aufklärungs- und Informationsangebote gefördert, so Altgeld. Dabei müss­ten aber alle Zielgruppen erreicht werden. Altgeld nannte als Beispiel die Aufklärung bezüglich der COVID-19-Impfungen.

Hier habe die Bundesregierung im Jahr 2021 rund 119 Millionen Euro für den unter 116117 erreichbaren Te­lefonservice ausgegeben, ohne auszuwerten, welche Gruppen dort angerufen haben und welche nicht. Die Zahlen stammen aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke vom 12. Januar 2022.

Weiter seien 64 Millionen Euro für Werbungen in Zeitungen investiert worden, weitere 46 Millionen Euro für Plakatwerbungen im öffentlichen Raum, 15,8 Millionen Euro für TV-Werbung und 12,2 Millionen Euro für Ra­diowerbung.

Allerdings habe die Regierung lediglich 3,6 Millionen Euro für Werbung in den sozialen Medien und 2,9 Mil­lio­nen Euro für Onlinewerbung ausgegeben. Dies zeige, dass hier Millionen Euro in Werbestrategien gegeben wurden, ohne den Nutzen zu hinterfragen und sich Gedanken zu machen, welche Zielgruppe über welche Ka­näle erreicht werden könnten, so Altgeld.

Niederschwellige Aufklärungsangebote wichtig

Projekte aus der Praxis wie etwa die Gesundheitsfachkräfte in Bremer Quartieren oder die Poliklinik im Stadt­teil Veddel in Hamburg zeigen zudem, dass die Gesundheitskompetenzen oder Impfraten von benachteiligten Gruppen verbessert werden kann.

Nötig hierfür sind allerdings vor allem niederschwellige Aufklärungsangebote, am besten von Personen, die bereits in den Stadtteilen wohnen oder dort bekannt sind, erklärte Jonas Fiedler von der Poliklinik Veddel.

Aber auch durch die Zusammenarbeit von verschiedenen Gesundheitsakteuren, also Ärzten, Pflegekräften (Community Health Nursing) oder Sozialarbeitern können soziale Determinanten von Gesundheit besser be­rücksichtigt werden und gerade in Pandemiezeiten coronabedingte gesundheitliche Auswirkungen abmildern. © cmk/aerzteblatt.de

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