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Politik

„PPR 2.0 bietet als Interimslösung durchaus eine Chance“

Dienstag, 19. Juli 2022

Berlin – Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will die Pflegepersonalregelung 2.0 (PPR 2.0) zur Be­mes­sung des Pflegebedarfs im Krankenhaus einführen, die eine Überforderung der Pflegenden unterbinden soll. Krankenhäuser, die nicht genug Pflegende einstellen können, sollen ab 2025 Strafen zahlen.

Das Deutsche Ärzteblatt sprach mit Katja Rosenthal-Schleicher, Vorstandsmitglied des Deutschen Evangelisches Krankenhausverbands, Fachbereichsleitung Pflege, Fachbereich Neurologie, Evangelisches Klinikum Bethel / Krankenhaus Mara über Sinn und Zweck einer Pflegebedarfsbemessung.

Fünf Fragen an Katja Rosenthal-Schleicher, Vorstandsmitglied des Deutschen Evangelisches Krankenhausverbands

DÄ: Frau Rosenthal-Schleiche, inwiefern könnte aus Ihrer Sicht die Einführung eines Pflegepersonalbedarfsbemessungsinstruments die Arbeitsbedingungen von Pflegenden im Krankenhaus verbessern?
Katja Rosenthal-Schleicher: Die Zeit ist überreif für die regelhafte Einführung eines wissenschaftlich validierten Pflegepersonalbedarfs­bemessungsinstruments in den deutschen Krankenhäusern. Daher finde ich die Gesetzesinitiative PPR 2.0 der Ampelregierung einen Schritt in die richtige Richtung.

Generell liefert eine systematische Pflegepersonalbedarfsbemessung Hinweise auf die Pflegeintensität des Patientenkollektivs im Kranken­haus. Erfolgt sie stationsbezogen bietet dies die Chance, die Pflegein­tensität von Patienteninnen und Patienten in bestimmten Versor­gungs­settings abzubilden.

Es bedeutet aber nur, dass damit die Einschätzungen bezogen auf den Bedarf konkreter werden. Eine bloße Anwendung des Pflegebe­darfs­­be­messungsinstruments hat keine unmittelbare Auswirkung auf die Arbeitsbedingungen.

Diese Anpassungen erfolgen mittelbar und nach­laufend: Bessere Arbeitsbedingungen werden dann ge­schaf­fen, wenn die konkreten Ergebnisse der Pfle­gepersonalbedarfsbemessung zur Steuerungsgrundlage für Perso­nalplanung werden und verbindlich sind. Konkret: Der Personalbedarf muss konsequent am Pflegebedarf ausgerichtet sein.

DÄ: Wie müsste es ausgestaltet sein, um einerseits die Bedarfe realistisch darzustellen, andererseits aber keine weiteren Dokumentationspflichten einzuführen?
Rosenthal-Schleicher: Die Bemessung muss direkt aus der Routine-Pflege-Pflegedokumentation ausleitbar sein. Voraussetzung dafür ist die Pflegedokumentation umfassend zu digitalisieren. Dabei wäre es hilfreich durch den Einsatz von Assessmentinstrumenten den Pflegebedarf automatisch abzuleiten. Solange eine zu­sätzliche Einschätzung des Bedarfs zur Leistung erfolgen soll, wird es eine zusätzliche Dokumentation für die Pflegenden geben.

DÄ: Wie bewerten Sie die Einführung der PPR 2.0 als Interimslösung?
Rosenthal-Schleicher: Die PPR 2.0 bietet als Interimslösung durchaus eine Chance, genauer die Bedarfe und Pflegeintensität abzubilden. Die Systematik der PPR 2.0 gibt jedoch für zukünftige Bedarfe keine ausreichen­den Weiterentwicklungsmöglichkeiten her.

Aus heutiger Sicht bietet sie auch keine Möglichkeiten für Qualitätsanreize in der pflegerischen Versorgung. Weder der nächtliche Pflegepersonalbedarf noch jener der Intensivstationen wird abgebildet. Beides sind kritische Phasen für die pflegerische Versorgung.

Außerdem: Die Implementierung darf bei einem Interimsinstrument für wenige Jahre nicht zu aufwendig sein. Daher unterstütze ich besonders, dass der Schulungs- und Dokumentationsaufwand von PPR 2.0 vor der flä­chendeckenden Einführung überprüft werden soll, so wie es die BMG Eckpunkten zur PPR 2.0 vom 7. Juli 2022 vorsehen.

DÄ: Wenn das Pflegepersonalbedarfsbemessungsinstrument einen Pflegeschlüssel ergibt, der die Arbeitsbe­din­­gun­gen der Pflegenden verbessert, heißt es im Umkehrschluss – gerade in Zeiten des demografischen Wandels –, dass weniger Patienten im Krankenhaus behandelt werden können. Wie kann man dieses Dilemma aus Ihrer Sicht lösen?
Rosenthal-Schleicher: Aus meiner Sicht ist dieses Dilemma nur mit einer absoluten Stärkung der nicht akut-stationären Sektoren möglich. Damit würde eine Veränderung der Behandlungsnotwendigkeit im Akutkran­kenhaus einhergehen.

Weniger Patientinnen und Patienten mit Bedarf für eine Krankenhausbehandlung bedeuten, dass sich die Pflegenden intensiver den verbleibenden Patientinnen und Patienten mit komplexem Pflegbedarf zuwenden können. Erreicht werden kann das durch eine größere Durchlässigkeit und intensivere Zusammenarbeit über die Sektorengrenzen hinweg, neue Versorgungsformen und das Ausschöpfen von Telemedizin.

Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Qualifizierung und Gewinnung von Fachkräften durch eine Stärkung von Pfle­geausbildung und Pflegestudium sowie die berufsbegleitende Anpassungsqualifizierung für Hilfskräfte zur Pflegefachassistenz oder Pflegefachkraft.

DÄ: Wie ist aus Ihrer Sicht die Stimmung bei den Pflegenden: Wünschen sie sich – trotz der zu erwartenden höheren Dokumentationsanforderungen – Bedarfsbemessungsinstrumente?
Rosenthal-Schleicher: Es geht den Pflegenden primär um eine gute Versorgung der Patientinnen und Patien­ten. Das ist ihre Profession, das macht sie zufrieden. Pflegende wünschen sich insbesondere die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen.

Wenn die PPR 2.0 dazu führt, dass ein Qualifikationsmix für bestimmte Stationen eingeführt wird, kann das sehr hilfreich sein. Mit der genaueren Darstellung des Pflegepersonalbedarfs auf den einzelnen Stationen sollte das Vorantreiben förderlicher Arbeitsbedingungen konkret in Aussicht gestellt werden, um die Moti­vation für eine Dokumentation in PPR 2.0 zu stärken. © fos/aerzteblatt.de

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