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Entlastung der Unikliniken: Experten befürchten Kampf um Pflegekräfte

Montag, 25. Juli 2022

/picture alliance, Bodo Schackow

Essen – Nach dem mühsam ausgehandelten Entlastungstarifvertrag für sechs Universitäts­kliniken in Nord­rhein-Westfalen (NRW) erwarten mehrere Fachleute einen erheblich verschärften Kampf um die raren Pfle­gekräfte.

Essens Uniklinik-Direktor Jochen Werner lobt die erzielte Einigung mit der Gewerkschaft Verdi. Die Vereinba­rung könne „Vorbildcharakter für Krankenhäuser in ganz Deutschland“ besitzen. Allerdings befürchtet er als Konsequenz der nun notwendigen Aufstockung des Personals an den Unikliniken einen „Verdrängungswett­bewerb“ mit Folgen für das gesamte deutsche Gesundheits­wesen.

Unikliniken seien personell schon jetzt vergleichsweise gut aufgestellt. „Die Personalschlüssel werden jetzt noch besser werden. Allerdings wird der Sog dann noch stärker in die Unikliniken gehen“, sagte Werner. „Die Verlierer sind alle anderen Krankenhäuser in den Ebenen darunter.“ Am Ende würden die Pflegekräfte nicht mehr an Unikliniken fehlen, „sondern in den kleineren Kranken­häusern, in der ambulanten Pflege oder der Altenpflege“.

Pflegedirektorin Andrea Schmidt-Rumposch kündigte in der WAZ schon an: „Wir werden aktiv und auf allen Kanälen um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werben, um Personal aufzu­bauen. Durch die Vereinbarung werden wir als Arbeitgeber noch attraktiver.“

Auch Edgar Schömig sieht die NRW-Uniklinken in der „Vorreiterrolle bei den Arbeitsbedingungen in der Patientenversorgung“. Der Chef der Kölner Uniklinik und Verhandlungsführer sagte: „Wer in einer Uniklinik arbeitet, kann sich künftig sicher sein, dass es zumindest national keine besseren Rahmenbedingungen in anderen Krankenhäusern gibt.“

Für die Beschäftigten hatte Verdi sich mit den Unikliniken Bonn, Aachen, Köln, Düsseldorf, Essen und Münster nach massivem Arbeitskampf und elfwöchigen Streiks auf Eckpunkte des soge­nannten Tarifvertrags Entlas­tung (TV-E) verständigt. Formal müssen die Verdi-Mitglieder jetzt noch zustimmen, damit der TV-E am 1. Ja­nuar 2023 in Kraft treten kann. Darin werden Entlastungsmodelle für die Beschäftigten geregelt.

Für die Pflegekräfte und teils auch für andere Klinikbereiche werden schichtgenaue Verhältnisse von Be­schäftigten und Patienten festgelegt. Wird die Personalquote unter­schritten, erhalten die Beschäftigten so­genannte Belastungspunkte, für die es dann eine bestimmte Zahl von freien Tagen gibt. Für Service-, IT- und Technikbereiche sowie Ambulanzen wurden je 30 zusätzliche Vollzeitstellen pro Uniklinik vereinbart. Hinzu kommen Maßnahmen zur Verbesserung der Ausbildungsqualität.

Katharina Wesenick, Verdi-Fachbereichsleiterin Gesundheit in NRW, spricht von einem „großen Etappensieg“. Auch Politiker und die Ärztegewerkschaft Marburger Bund NRW/Rheinland-Pfalz äußerten sich positiv zum erzielten Ergebnis. Der Vorsitzende des Marburger Bundes NRW/RLP, Hans-Albert Gehle, mahnte zugleich tarifliche Verbesserungen für seine Klientel an.

Die Politik dürfe nicht vergessen, „dass auch die seit Jahren chronisch überlasteten Ärztinnen und Ärzte dringend Verbesserungen bei ihren Arbeitsbedingungen benötigen“. Im ärztlichen Bereich könnten seit Jahren viele Stellen nicht besetzt werden. „Der Ärztemangel belastet die Kolleginnen und Kollegen zusätzlich.“

Spannend wird sein, wie sich andere Krankenhäuser, darunter etliche Unikliniken in kirchlicher Trägerschaft, positionieren. Dirk Albrecht, Geschäftsführer des katholischen Krankenhausträgers Contilia, der im Ruhrgebiet sieben Krankenhäuser betreibt, verwies auf das eigenständige Tarifsystem, den „dritten Weg“.

Christoph Hanefeld, Chef der katholischen Kliniken Bochum (KKB), geht davon aus, dass der Entlastungstarif­vertrag auch Auswirkungen auf die von ihm verantworteten Unikliniken in Bochum, Herne, Hamm, Bad Oeyn­hausen, Herford und Minden-Lübbecke haben wird.

„Es wird zumindest zu Annäherungen kommen“, so Hanefeld in der WAZ mit Blick auf künftige Verhandlungen. Beim „Bochumer Weg“ gelten derzeit Haustarife nach den Richtlinien des Caritasverbandes. Laut Hanefeld dürfe es keine Zwei-Klassen-Gesellschaft geben. Das würde den längst tobenden Verdrängungswettbewerb ums Personal „nochmals verschärfen“.

So oder so werde der TV-E allein die Pflegemisere in Deutschland nicht lösen, sagte Werner. Dazu müssten tiefgreifende und längst überfällige Reformen im Gesundheitswesen endlich angepackt werden, und zwar bundesweit.

„Weil es auch ein bundesweites Problem ist. Und weil dieser Fachkräftemangel – nicht nur in der Pflege, auch in anderen Bereichen – maßgeblich zusammen­hängt mit den unverändert zu vielen Krankenhäusern in Deutschland. Da haben wir den Kern des Problems.“

Im Vergleich zu anderen Ländern leiste man sich laut Werner hierzulande „durchschnittlich deutlich mehr Krankenhausbetten auf die Bevölkerung gerechnet, bei vergleichbaren Pflege­personalzahlen, aber verteilt auf deutlich mehr Krankenhäuser“. Hinzu komme die „desolate Digitalisierungssituation seit über 30 Jahren“.

Werner: „Wenn wir jetzt nicht anfangen, geplant – und nicht durch die Hintertür, weil immer mehr Kranken­häuser in wirtschaftliche Not kommen – eine bundesweite Strategie zu entwickeln, werden wir nicht weiter­kommen.“ © dpa/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #88767
fjmvw
am Montag, 25. Juli 2022, 21:28

.... und die ambulante Versorgung zahlt dafür einen hohen Preis

Die Unikliniken saugen auf Grund besserer Arbeitsbedingungen Pflegepersonal von kleineren Krankenhäusern ab. Diese wiederum saugen als Ersatz Pflegepersonal dann von den Praxen der Niedergelassenen ab.

Da die Niedergelassenen schon vorher die stark steigenden Kosten nicht refinanziert bekamen, eine Steigerung des Orientierungspunktwertes um 1,x% ist bei einer Inflationsrate von über 8% so mies, dass man alle Hoffnungen auf Besserung fahren lassen sollte, können sie mit keinem anderen Arbeitgeber (Pflege, Krankenhaus, ....) um MFA konkurrieren. Sie sind schlicht nicht konkurrenzfähig.

Die Folge für die Praxen wird und muss sein:
1. Sprechstunde reduzieren (ohne Personal keine Sprechstunde)
2. Die wirtschaftlich attraktiveren Patienten werden noch einen Termin bekommen, der Rest schaut in die Röhre.

Viele Praxen der Niedergelassen werden unterm Strich noch mit einem blauen Auge davonkommen, falls sie sich an die oben genannten Punkte halten. Weniger Patienten und mehr Umsatz pro Patient, das könnte hinkommen.

Die Patienten, die keinen Termin mehr bekommen, werden die eigentlichen Verlierer sein.
LNS
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