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Ärzteschaft

NPPV-Projekt für schwer psychisch Kranke hat als Blaupause funktioniert

Freitag, 29. Juli 2022

/Pormezz, stock.adobe.com

Düsseldorf – Mehr als 90 Prozent der teilnehmenden Ärzte und Psychotherapeuten würden gerne weiter in dem Netzverbund zur Verbesserung der neurologischen, psychiatrischen und psychotherapeutischen Versor­gung (NPPV) schwer psychisch Kranker arbeiten. Der Anteil sehr zufriedener Patienten ist hoch. Das sind zwei der zentralen Ergebnisse des großen Innovati­ons­fondsprojekts, das nach vier Jahren am 31. Dezember 2021 endete.

Einen Rückblick auf das NPPV-Projekt gaben vorgestern das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (Zi) und die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) in einer gemeinsamen Onlinever­anstaltung. „Der Übergang des NPPV-Projekts in die Regelversorgung scheint sicher, und doch sollte man sich noch einmal mit seinen Ergebnissen beschäftigen“, sagte Dominik Graf von Stillfried, Geschäftsführer des Zi.

Im September 2021 hatte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) mit der Richtlinie über die berufsgrup­pen­übergreifende, koordinierte und strukturierte Versorgung für psychisch kranke Erwachsene mit komple­xem psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlungsbedarf (KSV-Psych-Richtlinie) die Basis dafür gelegt.

Das NPPV-Projekt gilt als Blaupause dafür. Nach Aushandlung der Vergütung kann die ambulante Komplex­versorgung schwer psychisch Kranker ab dem 1. Oktober erbracht und abgerechnet werden –­ wenngleich die Kritik daran hoch ist.

Fester Bezugsarzt oder Bezugspsychotherapeut

Die KV Nordrhein und die Managementgesellschaft IVPNetworks erprobten mit dem NPPV-Projekt eine be­rufs­gruppenübergreifend vernetzte, gestufte und koordinierte Versorgung schwer neurologisch und psychisch kranker Patienten.

IVP übernahm dabei die Koordination innerhalb der Netzwerke und stellte ein digitales Dokumentationssys­tem bereit. Den Patienten wurde jeweils ein fester Bezugsarzt oder -psychotherapeut an die Hand gegeben, der ihre Versorgung bei Bedarf mit den anderen Fachgruppen koordiniert sowie Gruppenangebote, Online-Interventionen und soziale Dienste einbinden konnte.

Mehr als 14.000 Patienten mit schweren Depressionen, Psychosen, Traumafolgestörungen, Demenz, Multipler Sklerose, Morbus Parkinson und Schlaganfall wurden von 2018 bis 2021 an 430 Praxisstandorten im Bereich der KV Nordrhein versorgt, berichtete Karlheinz Großgarten, Projektleiter des NPPV-Projekts und einer der beiden Geschäftsführer der KV Nordrhein.

Die meisten Patienten waren bei der AOK Rheinland-Hamburg versichert. Das Interesse anderer Krankenkas­sen sei aufgrund des hohen Aufwands „gering“ gewesen. Das Fördervolumen des Innovationsfonds betrug über vier Jahre 12,9 Millionen Euro.

Vernetzung als zentrales Element

Rund 700 Leistungserbringer waren in dem Projekt eingeschrieben. „Die Hausärzte haben sich wenig beteiligt, ebenso die Betriebsärzte; die meisten waren Fachärzte (400) und Psychotherapeuten (300)“, berichtete Groß­garten. Den hohen Grad an Vernetzung sieht er als „zentrales Element“ des Projekts. Möglich seien Transpa­renz und Verbindlichkeit durch IT-gestützte und behandlungspfadbasierte Prozesse gewesen.

„Das vernetzte Arbeiten im NPPV-Projekt war für mich ein großer Gewinn, und die Arbeit mit den schwer psy­chisch kranken Patientinnen und Patienten war bereichernd“, resümierte Norbert Hartkamp, der als Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie teilnahm.

Durch das Projekt sei es möglich gewesen, Patienten zu erreichen, die sonst nicht erreicht worden wären. Engagement und Bereitschaft zur Kooperation bezeichnete er als Voraussetzungen für die Arbeit im Projekt. Hierfür sei die zusätzliche Honorierung allerdings „zu gering“ gewesen.

Keine uneingeschränkte Empfehlung vom IGES-Institut

In einer begleitenden wissenschaftlichen Evaluation untersuchte das IGES-Institut in Berlin, ob sich die neue Versorgungsform zur Regelversorgung eignete. „Wir konnten keine uneingeschränkte Empfehlung hierfür geben“, sagte Julia Katharina Wolff vom IGES-Institut bei der Online-Veranstaltung. Sie stellte die Ergebnisse auf Basis einer Patientenbefragung und Routinedaten der Krankenkassen vor, die sie selbst allerdings auf­grund verschiedener Faktoren als mit „Limitationen“ versehen bezeichnete.

Danach hatten Patienten im NPPV-Projekt längere und teilweise häufigere Krankenhausaufenthalte als Pa­tien­ten in der Regelversorgung. Die NPPV-Gruppe war zwar seltener krankgeschrieben, hatte aber eine höhere Anzahl an Arbeitsunfähigkeitstagen. Die GKV-Leistungsausgaben waren höher als in der Regelversorgung; erst bei einer Teilnahme ab 18 Monaten relativierte sich dies.

Zu den positiven Ergebnissen der Evaluation gehörte der IGES-Vertreterin zufolge, dass die NPPV-Teilnehmer ihre Behandlungstermine regelmäßiger wahrnahmen. Besser war auch die Behandlungskontinuität. In Krisen­situationen erhielten Teilnehmer der NPPV-Gruppe schneller Termine als diejenigen in der Regelversorgung. Die selbstberichtete Lebensqualität war zudem etwas höher bei den NPPV-Teilnehmenden.

Relativiert werden diese gemischten Evaluationsergebnisse durch die Auswertung des Zentralinstituts. Tho­mas Czihal vom Zi berichtete von einem „hohen Anteil sehr zufriedener und vieler zufriedener Patienten“. Die teilnehmenden Ärzte und Psychotherapeuten berichteten, dass sich die Versorgungsqualität verbessert habe, wenngleich die allgemeine Arbeitsbelastung erhöht war. Den Austausch zwischen den verschiedenen Fach­gruppen bewerteten 64 % der Teilnehmenden als positiv.

„92 % der Teilnehmenden wollen das Projekt auch zukünftig unterstützen und es weiterempfehlen“, sagte Czihal. Werde das Ziel einer intensiveren und bedarfsgerechteren Versorgung angestrebt, könne das NPPV-Projekt für die Regelversorgung empfohlen werden, so sein Fazit.

In der Regelversorgung setze die ambulante psychiatrische und psychotherapeutische ambulante Komplex­versorgung resultierend in der KSV-Psych-Richtlinie „neue Maßstäbe“, betonte Bernhard Gibis von der Kassen­ärztlichen Bundesvereinigung. Das Zusammenwirken von mehreren Gesundheitsberufen, einem hohen Erfah­rungsgrad und anspruchsvoller Kooperation in einem ärztlich oder psychotherapeutisch geleiteten Team sei bislang in der Zulassung und im EBM nicht abgebildet.

„Die KSV-Psych-Richtlinie kann eine Blaupause für andere Krankheiten werden“, sagte Gibis. Die Teilnahmere­striktionen für hälftige Zulassungsaufträge, die in der Richtlinie vorgesehen sind, müssten allerdings „auf den Prüfstand“.

Der Vorsitzende des G-BA, Josef Hecken, zeigte sich von den negativen Befunden der IGES-Evaluation des NPPV-Projekts nicht beeindruckt: „Es schreckt mich nicht, dass die koordinierte vernetzte Versorgung teurer ist, denn die Regelversorgung ist für schwer psychisch Kranke nicht optimal“, sagte er.

Hilfesuchende hätten Probleme beim Zugang, zu wenig Koordination und es gebe zu wenig Fokus auf die Bedarfe der Patienten. „Die Grundidee der KSV-Psych-Richtlinie trägt und die Verbindlichkeit, die sie mitbringt ist wichtig“, sagte Hecken. Kostendämpfungskriterien wolle er nicht in die Richtlinie einbringen. © PB/aerzteblatt.de

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