NewsPolitikGroße Nachfrage nach Impfungen gegen Affenpocken
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Große Nachfrage nach Impfungen gegen Affenpocken

Freitag, 29. Juli 2022

/picture alliance, CHROMORANGE, Christian Ohde

Berlin – Impfstoff gegen Affenpocken ist derzeit ein knappes Gut. Zwar laufen die Impfungen bereits seit eini­gen Wochen, allerdings zeigt sich: Vielerorts ist die Nachfrage deutlich größer als die vorhandenen Impfstoffdosen.

Die Bundesländer sind hinsichtlich der Ausbreitung der Affenpocken in unterschiedlichem Ausmaß betroffen und haben zwar anhand der Fallzahlen entsprechende Impfstoffkontingente erhalten.

Ein kurzfristiger Län­der­austausch von Impfstoff, der an einer Stelle derzeit kaum benötigt wird, an anderer aber schon, ist aber nicht angedacht. Der Ruf nach mehr Impfstoff hingegen wird von vielen Seiten laut.

Für die Immunisierung gegen Affenpocken steht derzeit der Impfstoff Imvanex (Bavarian Nordic A/S) zur Ver­fügung, der seit einigen Tagen auch offiziell gegen Affenpocken zugelassen ist. Zuvor war der Impfstoff auf EU-Ebene eigentlich nur zum Schutz von Erwachsenen gegen Menschenpocken zugelassen, aufgrund der hohen Zahl von Fällen mit Affenpocken gab es allerdings Ausnahmeregelungen.

Insgesamt stehen bundesweit seit Anfang Juli etwas mehr als 45.000 Dosen zur Verfügung, ein Großteil wurde je nach Betroffenheit an die Bundesländer ausgeliefert. Vor allem Berlin und Nordrhein-Westfalen haben auf­grund des Bedarfs auch einen Großteil der ersten Lieferung erhalten.

In Berlin ist die Zahl der Affenpockenfälle mit 1.329 laut Senatsverwaltung Gesundheit besonders hoch (Stand: 28. Juli). In Nordrhein-Westfalen gibt es nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) derzeit 527 der bundesweit 2.595 Fällen (Stand 29. Juli). Betroffen sind derzeit vor allem Männer, die Sex mit Männern haben.

Wie viele Personen benötigen die Impfung?

Dabei werden viel mehr Impfdosen benötigt. Die Affenpockenimpfung ist mit zwei Einzeldosen im Abstand von mindestens vier Wochen vorgesehen. Laut Schätzungen des RKI haben etwa 130.000 Menschen in Deutschland eine Indikation für eine Impfung gegen Affenpocken, also bräuchte es nach dieser Schätzung etwa 260.000 Impfdosen.

Die Deutsche Aidshilfe schätzt allerdings einen noch größeren Bedarf. Einer aktuellen Pressemitteilung zu­folge bezieht sich die Aidshilfe dabei auf den Epidemiologen und Arzt Axel Jeremias Schmidt, Referent für Medizin und Gesundheitspolitik der Deutschen Aidshilfe. Er betont, dass die Zahl der homo- und bisexuellen Männer, die Sex mit wechselnden Partnern haben, auf Basis der EMIS-Studie (Europäischer MSM Internet Survey) von 2017 hierzulande bei mehr als 500.000 liege.

„Nicht alle werden eine Impfung wollen. Aber hinzu kommen nicht wenige Menschen, die sich nur zeitweilig hier aufhalten. Außerdem ist nicht auszuschließen, dass das Affenpockenvirus demnächst auch andere Be­völkerungsgruppen betrifft“, heißt es dazu weiter von der Aidshilfe.

Schmidt schlussfolgert: „Wir brauchen in Deutschland rund eine Million Impfdosen, um einer hal­ben Million Menschen einen dauerhaften Impfschutz zu bieten. Es darf nicht dazu kommen, dass impfmoti­vier­ten schwulen Männern die Impfung verweigert wird.

Auch Recherchen des Deutschen Ärzteblattes (DÄ) zeigen: Die ausgelieferten Impfdosen sind insbesondere in Berlin nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Dort verimpfen seit Mitte Juli 30 Schwerpunktpraxen und Impf­stellen den Affenpockenimpfstoff.

Für die Impfkampagne hat Berlin zunächst 8.000 Impfdosen vom Bund erhalten. In späteren Lieferungen hat die Hauptstadt zudem einen kleinen Nachschub von 1.500 Dosen bekommen, so eine Sprecherin der Senats­verwaltung für Gesundheit auf Nachfrage des .

Wie viele Impfungen bereits erfolgt sind, konnte sie jedoch nicht sagen. Um einen besseren Überblick zu be­kommen, hat das bei allen Impfstellen in Berlin nachgehakt. Etwas mehr als ein Drittel hat sich zurückge­meldet.

Affenpocken-Impfstoff nach zwei Tagen bereits verimpft

Jede Praxis hat vom Land Berlin 300 Impfdosen erhalten und wird derzeit mit Nachfragen nach dem Impfstoff überrannt. In einer Praxis war der Impfstoff etwa nach zwei Tagen bereits vollständig verimpft. Einige hatten nach zehn Tagen bis zwei Wochen keinen Impfstoff mehr zur Hand. Andere Arztpraxen haben bis Mitte dieser Woche bislang rund die Hälfte der 300 Dosen verimpft.

Viele Praxen haben zudem Wartelisten etabliert, auf der bereits zwischen 100 bis 600 Personen stehen, die schnellstmöglich geimpft werden möchten. Allerdings sind manche Impfwillige auch auf mehreren dieser Listen zu finden, heißt es von einer Praxis.

Die Nachfrage ist vor allem bei Männern zwischen 30 bis 39 Jahren sehr groß, berichtet ein Arzt dem . Ein anderer Arzt erklärte, er empfehle seinen Patienten den Versuch, die Impfung in einem anderen Bundesland zu erhalten.

Die allermeisten Impfungen wurden in Berlin zudem laut STIKO-Empfehlungen für Erstimpfungen genutzt. Nur wenige Praxen halten Impfstoff für Zweitimpfungen zurück. Und: Alle Praxen wissen gerade nicht, wann erneut Impfstoff angeliefert wird und können daher nur begrenzt Termine zur Zweitimpfung vereinbaren.

Auch der Berliner Gesundheitsstaatssekretär Thomas Götz (Grüne) forderte vor einigen Tagen mehr Impfstoff: „Wir hatten einen erfolgreichen Impfstart gegen das Affenpockenvirus. Die Impfbereitschaft ist erfreulicher­weise sehr hoch. Allerdings müssen die wenigen vorhandenen Impfdosen sehr stark priorisiert werden, sodass nicht alle Personen aus der Risikogruppe sofort ein Impfangebot erhalten können.“

Er appelliere dringend an den Bund, zusätzlichen Impfstoff zu liefern. „Mehr als die Hälfte der bundesweiten Infektionen wurden in der Hauptstadt registriert, Berlin muss bei der Verteilung priorisiert werden. Wenn der Ausbruch in Berlin eingedämmt werden kann, profitieren davon auch die anderen Bundesländer“, so Götz.

Im Nachbarland Brandenburg ist die Situation überschaubar, dort gibt es aktuell 42 Affenpockenfälle. Brandenburg stehen zunächst 240 Impfdosen zur Verfügung. Davon sind bereits 63 Impfungen erfolgt, weitere 50 sind für heute angedacht, erklärt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Potsdam. „In den Impfstellen gibt es eine kontinuierliche – bislang aber überschaubare – Nachfrage. Im Moment warten wir zudem täglich auf den zugesagten Nachschub vom Bund“, so der Sprecher weiter.

Auch etwa in Hamburg und Nordrhein-Westfalen ist Bedarf groß

Hoch ist die Nachfrage nach der Affenpockenimpfung nicht nur in Berlin, sondern auch in der zweitgrößten Stadt Deutschlands. In Hamburg sind derzeit 109 Affenpockenfälle verzeichnet. Unter anderem das Universi­tätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) impft dort gegen Affenpocken.

Seit dem 4. Juli wurden dort rund 200 Impfungen durchgeführt und die Nachfrage sei weiterhin sehr hoch, erklärte eine UKE-Sprecherin dem . „Derzeit versuchen wir mit dem uns zur Verfügung stehenden Impfstoff möglichst viele Erstimpfungen durchzuführen“, sagte sie. Einem Sprecher der Sozialbehörde zufolge hat Hamburg nach wie vor 2.100 Impfdosen zur Verfügung, eine weitere Lieferung sei noch nicht eingetroffen.

In Nordrhein-Westfalen werden nach und nach 7.300 Impfdosen verimpft. Die meisten wurden bislang in den Regierungsbezirk Köln geliefert, erklärte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums in Düsseldorf. Der Affenpockenimpfstoff werde sehr gut angenommen und es bestünde eine hohe Nachfrage, so die Sprecherin.

Nordrhein-Westfalen hat sich zudem dazu entschieden jede Woche einen Teil der vorhandenen Dosen heraus­zugeben. „Die Obergrenze liegt aktuell bei 100 Impfstoffdosen pro Impfstelle pro Woche. Das verfügbare Wo­chenkontingent wird durch die meisten Impfstellen beinahe vollständig abgerufen“, erklärte die Sprecherin dem .

In Hessen wurden von den 2.000 Impfdosen bereits der Großteil an die verimpfenden Stellen ausgeliefert. Diese Woche waren noch 360 Dosen übrig, erkläre das Pressereferat des Sozialministeriums dem . In Hes­sen liegt die Fallzahl aktuell bei 106.

Baden-Württemberg verzeichnet eine ähnlich hohe Anzahl an Affenpockenfällen (102 Fälle) und hat zunächst 2.980 Impfdosen zur Verfügung. Auch dort sei die Nachfrage nach der Impfung sehr hoch und die Anzahl der Personen, die in der STIKO-Empfehlung gelistet werden, übersteige die gelieferten Impfdosen, erklärte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Stuttgart. „Somit kann eine Umverteilung zwischen den Ländern aktuell nicht vorgenommen werden. Jetzt ist der Bund am Zug, mehr Impfstoff zu liefern“, sagte er dem .

In Bayern übersteigt die Nachfrage den derzeitigen Impfstoffbestand nicht, so ein Pressesprecher des Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege. Überlegungen, den Impfstoff an andere, stärkere betroffe­ne Bundesländer wie etwa Berlin abzugeben, bestünden derzeit aber nicht, sagte der Sprecher dem . Bay­ern hat derzeit rund 4.400 Impfdosen zur Verfügung, zum Stand 22. Juli waren noch 3.500 Dosen auf Lager. Die Affenpockenfallzahl liegt dort aktuell bei 182.

Bund müsste noch Impfstoff liefern können

Trotz Impfstoffknappheit kann der Bund nach wie vor nicht genau sagen, wann es neuen Impfstoff geben wird. Auf Nachfrage des beim Bundesgesundheitsministerium (BMG) heißt es von dort, dass der Bund insgesamt 240.000 Dosen des Impfstoffs bestellt hat und in einer ersten Tranche 40.000 angekommen sind.

„Die restlichen 200.000 Impfstoffdosen gegen Affenpocken aus nationaler Beschaffung werden im Verlauf des Jahres 2022 erwartet.“ Anfang Juli erklärte das BMG dem allerdings noch, die geplante Ankunft der restli­chen Lieferung solle im dritten Quartal 2022 (also bis Ende September) erfolgen.

Auch die Ankunft der Impfstoffdosen, die über die Beschaffung der Europäischen Kommission ankommen sollen ist weiterhin unklar. Zwar wurden Anfang Juli hiervon bereits 5.300 Dosen geliefert. Derzeit sei aber seitens des Herstellers noch nicht konkret kommuniziert, in welchen Tranchen und zu welchem Zeitpunkt weiterer Impfstoff an den Bund ausgeliefert werde, so der BMG-Sprecher.

Zudem hat der Bund offenbar noch nicht alle Impfstoffdosen der bereits erhaltenen 45.300 Dosen an die Bun­desländer ausgeliefert. Nach Recherchen des müsste der Bund noch ungefähr 10.000 Dosen in zentralen Lagern haben.

Zur Frage, warum diese noch nicht ausgeliefert worden sind, hieß es Anfang Juli auf Nachfrage des , dass die Bundesländer entsprechend ihrer „Aufnahmefähigkeit“ Impfstofflieferungen erhalten werden.

Auf erneute Nachfrage sagte ein BMG-Sprecher jetzt dazu: „Die weiteren Lieferungen an die Länder werden zurzeit geplant.“ Weshalb diese verbleibenden Impfdosen immer noch nicht ausgeliefert worden sind, ließ das BMG bislang unbeantwortet. © cmk/aerzteblatt.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER