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Lange Wartelisten für Patienten mit COVID-19-Spätfolgen in Hessen

Mittwoch, 27. Juli 2022

/picture alliance, Nico Schimmelpfennig

Wiesbaden – Rund 40.000 Menschen in Hessen könnten nach Schätzung der Frankfurter Post-COVID-Ambu­lanz so stark an den Folgen einer Coronainfektion leiden, dass sie medizinische Hilfe suchen. Die Universi­täts­kliniken in Frankfurt und Gießen/Marburg haben spezielle Anlaufstellen für diese Patienten, in Nordhessen gibt es eine eigene Ambulanz für Kinder und Jugendliche, aber die Nachfrage ist groß. Und nicht alle Medizi­ner finden die Spezialambulanzen gut. Die Kassenärztliche Vereinigung hält sie für ein „Geschäftsmodell“.

Besonders in Nordhessen sind Anlaufstellen für Post-COVID-Betroffene rar. Allein das Herz-Kreislauf-Zentrum in Rotenburg an der Fulda (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) bietet einmal im Monat eine Long-COVID-Sprech­­stunde an.

Ein Angebot speziell für Kinder und Jugendliche mit Verdacht auf Post-COVID hat auch das Kinderzentrum am Klinikum Kassel auf den Weg gebracht. Erste Patienten seien bereits in Abklärung und Betreuung, sagte die Direktorin der Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, Michaela Nathrath. Die Nachfrage ist groß: „Termine sind bereits bis Oktober dieses Jahres vergeben“, berichtet sie.

Benötigt wird dazu eine Einweisung des Kinderarztes. In einem ersten Termin werden dann Befunde und Symptome ausführlich aufgenommen und die Patienten untersucht. „Bei anhaltendem Verdacht erfolgt die stationäre Aufnahme mit einer differenzierten Untersuchung und die Hinzuziehung anderer Fachkollegen zum Beispiel aus den Bereichen Neuropädiatrie oder Kinderpsychosomatik“, erläuterte Nathrath.

Die Post-COVID-Ambulanz an der Frankfurter Universitätsklinik wird gerade neu organisiert: Künftig gibt es eine zentrale Stelle für den Erstkontakt, wie die beiden leitenden Professoren berichteten, die Infektiologin Maria Vehreschild und der Pneumologe Gernot Rohde. Dort werden die Patienten befragt und untersucht und frühere Befunde begutachtet. Dieser Erstkontakt sei „extrem aufwendig“, sagt Vehreschild. Im Schnitt dauert die Besprechung rund eine Stunde.

Je nach Schwerpunkt der Beschwerden werden die Betroffenen in spezialisierte Ambulanzen des Klinikums weitervermittelt. Weil Atembeschwerden besonders häufig sind, ist das oft die Pneumologie, aber auch Kardio­logie, Neurologie, Psychiatrie und Rheumatologie sind mit im Boot.

„Der Ansturm der Patienten reißt nicht ab“, sagt Rohde über die lange Warteliste in Frankfurt. „Neue Termine können wir, Stand jetzt, frühestens Ende des Jahres vergeben.“ Er hofft, dass die neue Struktur die Lage ent­spannt. „Ziel ist, dass wir dann mindestens zehn Patienten am Tag sehen können.“ Bisher sind es rund die Hälfte.

Das Problem mit den Post-COVID-Patienten ist, dass die Krankheit so wenig greifbar ist. „Die Liste der Symp­tome ist lang und divers“, sagte Vehreschild: Atemnot, Husten, Kurzatmigkeit liegen bei einem Atemwegsinfekt auf der Hand, aber die Patienten klagen auch über kognitive Einschränkungen, Gelenkschmerzen, psychische Probleme oder Erschöpfung. Auch alle anderen Organe können betroffen sein.

„Womit wir uns schwer tun, sind Patienten mit diffusen Problemen“, gibt Rohde zu. Manchmal gibt es starke Überschneidungen mit dem chronischen Fatiguesyndrom. „Das kann auch frustrierend sein für die Patienten“, ergänzt Vehreschild. Von Post-COVID betroffen sein könne jeder, sagt Rohde. Zwar sähen die Mitarbeiter „eine gewissen Korrelation mit der Schwere der Erkrankung“, aber auch junge, gesunde, sportliche Menschen seien dabei.

Auch das Uniklinikum Gießen und Marburg (UKGM) kümmert sich um Betroffene. In Gießen etwa werden Ter­mine zur Abklärung der Beschwerden für Patienten mit Luftnot oder Belastungseinschränkungen nach einer COVID-19-Erkrankung in der allgemein-pneumologischen und infektiologischen Ambulanz angeboten.

„Außerdem ist es möglich, an einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Studie zur Abklärung der Luftnot/Belastungseinschränkung teilzunehmen, bei der noch etwas weitergehende Un­tersuchungen mit einem Fokus auf die Lungengefäße durchgeführt werden“, erläuterte ein Sprecher.

Die Wartezeit für beides liege derzeit bei etwa zwei bis drei Monaten. Untersuchungen im Rahmen der Studie werden demnach für ein bis zwei Patienten pro Woche angeboten. Für Vorstellungen in der regulären Ambu­lanz stünden den Post-COVID-Patienten alle regulären Termine offen.

„Der Bedarf ist da“, sagte Baden-Württembergs Sozialminister Minister Kai Klose (Grüne) vergangene Woche in Wiesbaden. „Wenn die Nachfrage so bleibt, wie sie ist, kann ich mir vorstellen, dass das Angebot verstetigt wird.“ Für die Finanzierung sei allerdings – da es sich um Universitätsklinika handelt – das Wissenschafts­mi­nis­terium zuständig. Dieses fördert die universitären Post-COVID-Ambulanzen 2022 mit knapp 700.000 Euro.

Die Förderung geht dabei an die Universitäten, nicht an die Kliniken, denn gefördert wird die Erforschung von Post-COVID. Der Ärztliche Direktor des Frankfurter Universitätsklinikums, Jürgen Graf, sieht gegenwärtig keine Chance, das Angebot auszuweiten. Angesichts der hohen Arbeitsbelastung der Mitarbeiter „sehe ich das nicht“, sagt Graf. Es gebe ja nicht nur eine große Nachfrage, „die Patienten brauchen auch danach eine lange Betreu­ung“.

Einer der großen Vorteile für alle Seiten sei, dass die Ambulanz eine Doppelfunktion erfülle, sagte Graf. Sie helfe Patienten, aber auch der Forschung. „Das ist einer der großen Vorteile der Universitätsmedizin: dass die, die behandeln und dabei viele Patienten sehen, gleichzeitig auch wissenschaftlich tätig sind.“ Auch in Kassel gibt es eine enge Verzahnung mit der Forschung: Die Ärztinnen gehören einem Netzwerk von zehn Kinder­kli­ni­ken deutschlandweit an, die sich der Erforschung und Behandlung von Long Covid bei Minderjährigen wid­men.

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen sieht das Angebot kritisch: Auch eine Universitätsklinik koche „nur mit Wasser“, in den Ambulanzen finde „keine kurative Behandlung“ statt, daher stelle sich die Frage, „ob das über­haupt sinnvoll ist: Aus KV-Sicht haben wir es hier eher mit einem Geschäftsmodell der Unikliniken zu tun. Diese profitieren davon, dass gerade medizinische Laien oft glauben, Unikliniken könnten in der Regelver­sorgung irgendetwas besser als die Regelversorger.“ Inzwischen hätten aber auch die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte umfangreiche Erfahrungen mit Long-COVID. © dpa/aerzteblatt.de

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