NewsMedizinReizdarmsyndrom: Histamin-­produzierende Darmbakterien als möglicher Auslöser
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Reizdarmsyndrom: Histamin-­produzierende Darmbakterien als möglicher Auslöser

Montag, 1. August 2022

/Aliaksandr Marko, stock.adobe.com

Hamilton/Ontario – Die Schmerzattacken, unter denen Patienten mit Reizdarmsyndrom leiden, könnten zumindest in einigen Fällen auf eine vermehrte Produktion von Histamin durch Darmbakterien zurückzuführen sein. Dies zeigen tierexperimentelle Studien in Science Translational Medicine (2022; DOI: 10.1126/scitranslmed.abj1895), die die Wirkung bestimmter Diäten erklären und auf neue Behandlungsmöglichkeiten hinweisen.

Die Ursachen des Reizdarmsyndroms, an dem etwa 10 bis 20 % der erwachsenen Bevölkerung leiden, sind nicht bekannt. Möglicherweise liegen der Störung mehrere Ursachen zugrunde. Eine könnte mit der vermehrten Ausscheidung von Histamin über den Urin zusammenhängen, die bei einigen Patienten beobachtet wird.

Bisher war unklar, woher das biogene Amin stammt und ob es an der Pathogenese beteiligt ist. Die Ergebnisse einer klinischen Studie lieferten vor einigen Jahren einen ersten Hinweis. Ein Team um Stephen Vanner vom General Hospital in Kingston/Ontario hatte herausgefunden, dass es unter einer FODMAP-Diät, die die Zufuhr von fermentierbaren Kohlenhydraten beschränkt, nicht nur zu einer Linderung der Symptome kam. Auch die Histamin­konzentration im Urin nahm um den Faktor 8 ab (Gut 2017; DOI: 10.1136/gutjnl-2015-311339corr1).

In einer Serie von tierexperimentellen Studien ist ein Team um Premysl Bercik vom Farmcombe Institute an der McMaster University in Hamilton/Ontario jetzt dem Phänomen auf den Grund gegangen. Zunächst übertrugen die Forscher die Darmbakterien von Patienten mit Reizdarmsyndrom und einer hohen Histaminausscheidung auf keimfrei aufgewachsene Mäuse.

Die Mäuse entwickelten nach der Stuhltransplantation eine vermehrte Schmerzempfindlichkeit im Darm. Die Forscher schließen aus den vermehrten Signalen, die sie in einem sensiblen Darmnerven feststellten. Unter einer FODMAP-Diät kam es bei den Tieren zu einer Besserung.

Die Wirkung der FODMAP-Diät wird derzeit auf die Vermeidung einer Gasbildung im Darm zurückgeführt, zu der es bei Reizdarm-Patienten kommt und die durch eine Dehnung der Darmwand den Schmerzreiz auslösen soll. Tat­säch­lich führte die Stuhltransplantation bei den Mäusen zu einer deutlichen Vergrößerung des Blinddarms, wo die Gärung vor allem stattfindet. Eine andere Erklärung ist die Bildung von kurzkettigen Fettsäuren durch die Darm­bak­terien, die die Nervenzellen in den Darmwänden schädigen. Dies konnte laut Bercik in den Experimenten nicht bestätigt werden.

Die Forscher suchten in den Experimenten nach einer anderen Erklärung. Sie inkubierten die Stuhlproben mit Histidin, das ein Substrat für die Histamin-Bildung ist. Bei den Tieren, die eine Stuhltransplantation von Patienten mit hoher Histaminausscheidung erhalten hatten, stellten die Darmbakterien im Brutschrank 38 mal mehr Hista­min her als die Stuhlproben der Tiere, die eine Stuhltransplantation von Patienten mit niedriger Histaminaus­scheidung erhalten hatten.

Offenbar gab es in der 1. Gruppe in den Stuhlproben Bakterien, die Histamin produzieren können. Die nähere Analyse zeigte, dass es sich dabei um Klebsiella aerogenes handelt. Es besitzt das Enzym Histidin-Decarboxylase und kann damit 100 Mal mehr Histamin produzieren als andere Bakterien. Die Aktivität des Enzyms ist pH-abhängig. Bei einem niedrigen Wert, also in einer sauren Umgebung, produzierten die Darmbakterien nur wenig Histamin.

In weiteren Experimenten haben die Forscher die mögliche Pathogenese untersucht. Sie können zeigen, das eine hohe Histamin-Konzentration Mastzellen aus dem Knochenmark in den Darm lockt. Die Migration der Mastzellen wurde über den H4-Rezeptor vermittelt. Eine Behandlung der Mäuse mit dem H4-Rezeptor-Antagonisten JNJ-7777120 verhinderte ein Einwandern der Mastzellen.

H4-Rezeptor-Antagonisten könnten nach Ansicht von Bercik beim Reizdarm-Syndrom wirksam sein. Es ist aller­dings derzeit kein H4-Rezeptor-Antagonist als Medikament zugelassen. Die klinische Entwicklung von JNJ-7777120 musste wegen zu starker Nebenwirkungen auf die Nebennieren gestoppt werden. Ein weiterer H4-Rezeptor-Antagonist (Toreforant, JNJ 38518168) wird derzeit klinisch getestet. Ein anderer Therapieansatz wären Probiotika, die den pH-Wert im Darm senken. Ob sie beim Reizdarmsyndrom wirksam wären, müsste jedoch erst noch in klinischen Studien untersucht werden. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER