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Medizin

Vitamin-D-Supple­mente schützen gesunde Menschen nicht vor Knochenbrüchen

Montag, 1. August 2022

/irissca, stock.adobe.com

Boston – Die tägliche Einnahme von Vitamin D, die sich auch in Deutschland steigender Beliebtheit erfreut, hat ältere US-Amerikaner in einer großen randomisierten Studie nicht vor Knochenbrüchen geschützt. Die jetzt im New England Journal of Medicine (NEJM 2022; DOI: 10.1056/NEJMoa2202106) vorgestellten Ergebnisse stellen damit auch die verbreiteten Labortests infrage.

Seit das Institute of Medicine (IOM, heute National Academy of Medicine) im Jahr 2011 in einem Report fest­gelegt hat, dass ältere Menschen 600 bis 800 IU Vitamin D pro Tag aufnehmen sollten, um einen Serumspie­gel des 25-Hydroxy-Vitamin-D von 20 ng/ml zu erreichen, ist die Zahl der US-Bürger, die regelmäßig Vitamin D-Tabletten einnehmen, stetig gestiegen.

Derzeit soll jeder 3. Amerikaner über 60 zu Supplementen greifen, um sich vor den Folgen eines vermeint­lichen Vitamin D-Mangels zu schützen.

Dabei hatte das IOM festgestellt, dass der Nutzen einer Supplementierung für gesunde Erwachsene nicht belegt sei. Den Beweis dafür sollte die vom US-National Institute of Arthritis and Musculoskeletal and Skin Diseases im Jahr 2018 begonnene VITAL-Studie („VITamin D and OmegA-3 TriaL“) liefern.

Die Studie randomisierte 25.871 Männer ab 50 Jahren beziehungsweise Frauen ab 55 Jahren auf eine Behandlung mit Cholecalciferol (2.000 IE pro Tag) oder Placebo (in einem 2x2-Design wurde gleichzeitig der Nutzen einer Einnahme von 1 Gramm Omega 3-Fettsäuren untersucht).

Endpunkte waren nicht nur die Rate von Knochenbrüchen, die am häufigsten mit einem Vitamin D-Mangel in Verbindung gebracht werden. Da Vitamin D vielfältige Wirkungen hat (Rezeptoren finden sich in allen Körperzellen), wurden auch die Auswirkungen auf Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersucht.

In keinem Endpunkt konnte bisher ein Nutzen belegt werden. Vitamin D schützte in früheren Analysen der Studie weder vor Krebs noch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Einnahme verhinderte keine Stürze, verbesserte die kognitiven Leistungen nicht, senkte nicht das Erkrankungsrisiko am Vorhofflimmern oder die Zahl der Migräneattacken. Sie schützte auch nicht vor Schlaganfällen, der altersbedingten Makuladegene­ration oder Knieschmerzen.

Jetzt liegen die Ergebnisse zum Einfluss auf das Knochenbruchrisiko vor, wo am ehesten mit einem Vorteil gerechnet wurde. Doch die Analyse von Meryl LeBoff vom Brigham and Women's Hospital in Boston und Mitarbeitern lässt auch hier keinen Nutzen erkennen.

Während der Nachbeobachtungszeit von 5,3 Jahren ist es bei 1.551 der 25.871 Teilnehmer zu insgesamt 1.991 Frakturen gekommen. Davon entfielen 769 auf Vitamin-D-Gruppe und 782 auf die Placebogruppe. LeBoff ermittelt eine Hazard Ratio von 0,98, die bei einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,89 bis 1,08 weitgehend ausschließt, dass ein größerer Nutzen (oder ein höheres Risiko) übersehen wurden.

Dies traf sowohl auf die nicht-vertebralen Frakturen (Hazard Ratio, 0,97; 0,87-1,07) als auch auf die Hüftfrakturen (Hazard Ratio 1,01; 0,70-1,47) zu, den beiden häufigsten osteoporotischen Knochenbrüche.

In den zahlreichen Subgruppenanalysen wurden keine Hinweise auf Personen gefunden, die eventuell durch die Einnahme von Vitamin D vor Knochenbrüchen geschützt werden könnten. Weder Frauen (die stärker als Männer von einer Osteoporose betroffen sind), noch adipöse Menschen (bei denen das fettlösliche Vitamin im Fettgewebe sequestriert werden könnte) oder bereits gebrechliche Menschen (bei denen die Gefahr von Knochenbrüchen wegen der häufigen Stürze am höchsten ist) erlitten seltener Frakturen, wenn sie Vitamin D eingenommen hatten.

Auch die gleichzeitige Einnahme von Kalzium (dessen Resorption im Darm und Einbau in den Knochen von Vitamin D gefördert wird) hat die Wirkung nicht verstärkt. Es gab nicht einmal einen Hinweis, dass Menschen, bei denen die Serumwerte von 25-Hydroxy-Vitamin-D niedrig waren, von einer Substitution profitierten.

Auch wenn die Supplemente von den Teilnehmern gut vertragen wurden und es nicht zu Hyperkalziämien oder Nierensteinen kam, sprechen die Ergebnisse gegen die Verwendung von Vitamin-D-Supplementen bei gesunden Erwachsenen, bei denen kein extremer Mangel besteht oder bereits eine Osteoporose aufgetreten ist, betont LeBoff.

Für Steven Cummings von der Universität von Kalifornien stellen die Ergebnisse auch den Nutzen von jährlich etwa 10 Mio. Labortests infrage, bei denen der Vitamin D-Spiegel bestimmt wird, um das Vitamin dann bei einem vermeintlichen Mangel zu verschreiben. Der Editorialist hält Labortests nur für vertretbar, wenn es einen begründeten Verdacht auf einen schweren Vitamin D-Mangel gebe, etwa bei älteren Pflegeheimbewoh­nern, die ihr Zimmer nicht mehr verlassen können, oder bei Patienten mit einer bekannten Malabsorp­tion. © rme/aerzteblatt.de

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