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Medizin

Sport und soziale Aktivitäten senken, hochverarbeitete Lebensmittel erhöhen Demenzrisiko

Dienstag, 2. August 2022

/Zerbor, stock.adobe.com

Tianjin und Chengdu – Demenzen sind kein unvermeidbares Schicksal. 2 Analysen der UK Biobank in Neuro­logy (2022; DOI: 10.1212/WNL.0000000000200701 und DOI: 10.1212/WNL.0000000000200871) zeigen, dass Menschen durch ihr Verhalten und ihre Ernährung das Erkrankungsrisiko beeinflussen können.

Die UK Biobank, an der seit 2006 eine halbe Million Menschen in Großbritannien teilgenommen hat, ent­wickelt sich zu einer wichtigen Quelle für die epidemiologische Forschung. Die bei der Erstuntersuchung durchgeführten Befragungen und Tests lassen sich mit späteren Erkrankungen in Beziehung setzen. 2 For­scher­teams haben jetzt untersucht, wie sich körperliche und soziale Aktivitäten sowie die Ernährung auf das Demenzrisiko auswirken.

Ein Team um Huan Song von der Sichuan Universität in Chengdu hat die Angaben zu sportlichen und sozialen Aktivitäten ausgewertet. Von den zu Beginn 56,3 Jahre alten 501.376 Teilnehmern sind in einer Nachbeob­achtungszeit von 10,7 Jahren 5.161 an einer Demenz erkrankt: Bei 803 wurde eine vaskuläre Demenz und bei 1.561 ein Morbus Alzheimer diagnostiziert, bei den übrigen 2.697 lagen andere Demenzen vor oder die Ursache konnte nicht geklärt werden.

Song konnte die bereits von anderen Forschern gemachte Beobachtung bestätigen, nach der sportlich aktive Menschen seltener an einer Demenz erkranken. In der am meisten aktiven Gruppe kam es zu 35 % seltener zu Demenzen (Hazard Ratio HR 0,65; 95-%-Konfidenzintervall 0,59-0,71). Aber auch Menschen, die im eigenen Haushalt aktiv sind, erkrankten zu 21 % seltener (HR 0,79; 0,72-0,85) als Personen, die sich wenig bewegten.

Eine epidemiologische Studie kann nicht beweisen, dass die körperliche Aktivität die Demenz verhindert hat. Denkbar bleibt, dass Patienten in der Frühphase der Erkrankung das Interesse an Sport verlieren und sich weniger in Haus und Garten betätigen.

Die Forscher versuchen, diese Fehlerquelle auszuschließen, indem sie die Aktivitäten im Jahr der Diagnose nicht berücksichtigten. Ob dies angesichts der langen Latenz von Demenzen ausreicht, bleibt fraglich. Weitere Analysen der UK Biobank könnten hier aufschlussreich sein.

Neben den körperlichen könnten auch die sozialen Aktivitäten eine Schutzwirkung haben, weil sie mit mentalen Leistungen verbunden sind, die die kognitiven Reserven steigern. Menschen, die häufig Freunde und Verwandte besuchten, erkrankten zu 34 % seltener an einer Demenz (HR 0,66; 0,56-0,77), und auch andere Gruppen-Aktivitäten (Verein, Kurse) waren mit einem um 9 % verminderten Erkrankungsrisiko verbunden (HR 0,91; 0,85-0,98).

Auch hier gilt sicherlich der Einwand, dass ein fehlendes Interesse an seinen Mitmenschen ein erstes Zeichen einer Demenz sein kann, die ganz andere Ursachen haben kann. Menschen, die gerne den Pub oder andere Lokale besuchten, hatten übrigens ein tendenziell gesteigertes Demenzrisiko (HR 1,09; 0,99-1,15). Bei Menschen, die ihre Freizeit vor dem Fernseher verbringen, war die Assoziation signifikant (HR 1,07; 1,05-1,09).

Huiping Li von der Medizinischen Universität in Tianjin und Mitarbeiter haben anhand der UK Biobank-Daten den Einfluss der Ernährung untersucht. Anlass dürfte die auch in China zunehmende Verbreitung von hoch­ver­arbeiteten Nahrungsmitteln sein. Diese Produkte enthalten eine Vielzahl von Konservierungsmitteln und Emulgatoren, und der Geschmack wird durch Salz, Fetten und Zucker verbessert.

Li beschränkte die Analyse auf 72.083 Teilnehmer der UK Biobank, die nach der Erstuntersuchung, wo sie bereits einen Ernährungsfragebogen ausgefüllt hatten, an mindestens einer weiteren webbasierten Umfrage zur Ernährung teilgenommen hatten. Der Anteil der hochverarbeiteten Nahrungsmittel schwankte deutlich von 9 % oder 225 Gramm am Tag im untersten Quartil bis 28 % oder 814 Gramm am Tag im obersten Quartil.

Im Quartil mit dem höchsten Anteil erkrankten 150 Teilnehmer an einer Demenz, im Viertel mit dem niedrig­sten Anteil waren es nur 105. Nach Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, Demenzerkrankungen in der Familie, Herzerkrankungen und anderen Faktoren, ermittelt Li ein um 25 % erhöhtes Demenzrisiko für das Quartil mit dem höchsten Verzehr an hochverarbeiteten Nahrungsmitteln (HR 1,25; 1,14-1,37), wobei der Einfluss auf die vaskuläre Demenz (HR 1,28; 1,06-1,55) höher war als beim Morbus Alzheimer (HR 1,14; 1,00-1,30).

Dies erscheint plausibel, weil die vaskuläre Demenz Folge einer beschleunigten Atherosklerose in den Hirnarterien ist, auf die Bestandteile der Nahrung nach der Resorption einen direkten Einfluss haben könnten. Der Morbus Alzheimer ist Folge einer vermehrten Ablagerung von Amyloiden, die eine starke genetische Komponente hat.

Wenn den Assoziationen eine Kausalität zugrunde liegen sollte, was sich in einer epidemiologischen Studie nie sicher beweisen lässt, dann könnten sich bereits geringe Änderungen des Essverhaltens günstig auf das Demenzrisiko auswirken: 50 Gramm mehr unverarbeitete Nahrungsmittel am Tag, das wäre ein halber Apfel, eine Portion Mais oder eine Schüssel Müsli statt einem Schokoriegel oder einer Portion Fischstäbchen, könnten das Demenzrisiko bereits um 3 % senken, schreibt Li. © rme/aerzteblatt.de

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