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„Die nächste globale Gesundheitskrise ist bereits da“

Dienstag, 2. August 2022

Berlin – Die Coronapandemie belastet zusätzlich zu den direkt durch den Erreger SARS-CoV-2 verur­sachten gesundheitlichen Auswirkungen auch die weltweiten Bemühungen, Infektionskrankheiten wie HIV, Tuber­kulose oder Malaria zu bekämpfen. Das Deutsche Ärzteblatt sprach mit Peter Sands vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria über bislang erzielte Erfolge, deren Gefährdung durch die Coro­napandemie und notwendige Maßnahmen.

Fünf Fragen an Peter Sands, Exekutivdirektor beim Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria (engl. The Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria, kurz GFATM)

DÄ: Der Global Fund nahm den Kampf gegen Malaria, Tuberkulose und HIV auf. Welche Fortschritte wurden bisher erzielt?
Peter Sands: Im Jahr 2002 kam die Welt in einem Akt außerordent­licher globaler Solidarität und Führung zusammen, um den Globalen Fonds zur Bekämpfung der damals tödlichsten Pandemien der Menschheit zu gründen: HIV und AIDS, Tuberkulose (TB) und Malaria.

In den folgenden 20 Jahren hat diese einzigartige Partnerschaft in den Ländern, in denen der Global Fund investiert, 44 Millionen Leben gerettet und die kombinierte Sterblichkeitsrate durch die drei Krank­heiten um mehr als die Hälfte gesenkt.

Hinter diesen riesigen Zahlen verbergen sich eine Vielzahl indivi­du­eller menschlicher Geschichten. Zu den 44 Millionen Menschen, deren Leben gerettet wurden, gehören Eltern, die sich um ihre Kinder küm­mern, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die florierende Volkswirt­schaf­ten aufbauen, Nachbarn und Freunde, die zu ihren Gemeinden beitragen.

Es sind Kinder, die Malaria überstanden haben oder vor HIV geschützt wurden und jetzt junge Erwachsene sind. Sie sind Gemeindevorsteher, die jeden Tag danach streben, das Leben der Menschen in ihren Gemeinden besser, gesünder und länger zu machen. Jedes gerettete Leben und jede abgewendete Infektion hat einen Multiplikatoreffekt.

DÄ: Wie hat sich die Coronapandemie auf die Bemühungen des GFATM ausgewirkt?
Sands: Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie waren verheerend. Im Jahr 2020 verzeichneten wir zum ersten Mal in der Geschichte des Global Fund in den Ländern, in denen wir investieren, eine Verschlechterung der Schlüsselergebnisse bei allen drei Krankheiten.

HIV-Tests gingen um 22 Prozent und Präventionsdienste um elf Prozent zurück. Während sich die HIV-Be­hand­lungsdienste als widerstandsfähiger und anpassungsfähiger erwiesen haben, ist die Zahl der Neuanmeldun­gen für lebensrettende antiretrovirale Therapien – Medikamente, die Menschen mit HIV ein gesundes Leben ermöglichen und verhindern, dass sie die Krankheit auf andere übertragen – zurückge­gangen.

Die Zahl der TB-Todesfälle hat zugenommen – auch angeheizt durch einen Anstieg der Zahl nicht diagnos­tizierter und unbehandelter Fälle. Die Zahl der wegen arzneimittelresistenter TB behandelten Personen ging um 19 Prozent zurück, während die Behandlung von Personen mit weitgehend arzneimittelresistenter TB um 37 Prozent zurückging. Insgesamt ging die Zahl der Menschen, die wegen Tuberkulose behandelt wurden, um über eine Million zurück.

Auch Malaria-Todesfälle und -Fälle haben im Jahr 2020 erheblich zugenommen, hauptsächlich aufgrund von Beeinträchtigungen durch COVID-19. Neue Schätzungen deuten darauf hin, dass fast jede Minute ein Kind an diesem von Mücken übertragenen Parasiten stirbt. Die Malariatests gingen um vier Prozent zurück. Anstatt den Kampf gegen die drei Krankheiten intensivieren zu können, mussten wir kämpfen, um hart erkämpfte Errun­gen­schaften zu schützen.

Die letzten zwei Jahre waren eine anschauliche Demonstration, wie alte und neue Pandemien interagieren. COVID-19 war eine Katastrophe für diejenigen, die am stärksten von HIV, TB und Malaria betroffen sind. Wieder einmal haben wir gesehen, wie Pandemien weiter gedeihen und Ungleichheiten verschärfen.

In vielen Teilen der Welt hat die COVID-19-Krise menschenrechtsbezogene Barrieren beim Zugang zu Gesundheitsdiensten verschlimmert, geschlechtsspezifische Ungleichheiten vertieft und zu einem Anstieg geschlechtsspezifischer Gewalt geführt. Wir haben jedoch auch eine außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit und Innovationen erlebt – wenn Länder sich anpassen, innovativ sind und die Synergien zwischen bestehen­den Investitionen zur Bekämpfung von HIV, TB und Malaria und neuen Interventionen zur Bekämpfung von COVID-19 nutzen.

Für viele Länder waren die Labors, Netzwerke von Gesundheitspersonal, Lieferketten und Krankheitsüber­wachungssysteme, die zur Bekämpfung der früheren Pandemien eingerichtet wurden, die Grundlage ihrer COVID-19-Reaktionen.

DÄ: Was muss getan werden, um die Ziele trotz Coronapandemie zu erreichen?
Sands: Im Jahr 2022 brauchen wir eine nachhaltige Bewegung globaler Solidarität. COVID-19 verursacht weiterhin große Verluste an Menschenleben, menschliches Leid sowie wirtschaftliche und soziale Störungen auf der ganzen Welt. Hart erkämpfte Errungenschaften gegen HIV, Tuberkulose und Malaria werden zunichte gemacht, mit verheerenden Folgen für die ärmsten und am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen.

Die COVID-19-Pandemie ist noch lange nicht vorbei, aber die nächste globale Gesundheitskrise bereits da. Im Gegensatz zu COVID-19 ist die Ursache diesmal kein tödlicher Krankheitserreger, sondern die Auswirkungen von Konflikten und Klimawandel auf die Versorgung mit Lebensmitteln und Energie. Doch wie COVID-19 wird diese Krise auf der ganzen Welt Leben kosten und Lebensgrundlagen zerstören.

Der Krieg in der Ukraine führt weltweit zu Lebensmittel- und Treibstoffknappheit sowie zu Preissteigerungen und bringt die ärmsten und am stärksten gefährdeten Gemeinden an den Abgrund. Konflikte in anderen Gebieten wie Afghanistan und Tigray in Äthiopien haben bereits Millionen von Menschen Hunger und schlechter Gesundheitsversorgung ausgesetzt. Der Klimawandel hat am Horn von Afrika zu Missernten geführt. Millionen sind akut von Ernährungsunsicherheit betroffen.

In einer Zeit, in der diese Konflikte und durch den Klimawandel verursachte Krisen zusammenfallen, riskieren wir, dass hart erkämpfte Errungenschaften im Kampf gegen Armut, Ungleichheiten und Krankheiten rückgän­gig gemacht werden. Zehn Millionen Menschen könnten vom Hungertod bedroht sein. Dutzende oder Hunderte Millionen Menschen könnten anfälliger für Infektionskrankheiten wie HIV, TB und Malaria werden.

Schlecht ernährte Menschen haben weniger Abwehrkräfte gegen Krankheiten. Bereits etwa 20 Prozent der TB-Fälle werden durch Unterernährung verursacht, welche die Aktivierung der Krankheit aus ihrer latenten Form heraus auslöst. Zudem sterben mehr Kinder an Malaria, wenn sie unterernährt sind. COVID-19 hat uns im Kampf gegen HIV, TB und Malaria zurückgeworfen. Diese neue Krise könnte uns noch weiter zurück­drängen.

Dies ist der Moment, in dem sich die globale Gemeinschaft dazu verpflichten sollte, alle Menschen vor den tödlichsten Infektionskrankheiten zu schützen. Das bedeutet, Menschen auf der ganzen Welt, wer auch immer sie sind und wo immer sie leben, vor den Pandemien zu schützen, die wir noch besiegen müssen – HIV, TB und Malaria sowie die derzeit grassierende COVID-19-Pandemie – und auch auf zukünftige Pandemien, von welchen wir wissen, dass sie kommen werden, vorbereitet zu sein.

Die Welt vor solchen Krisen zu schützen, ist kein unmöglicher Traum. Mit Wissenschaft, ausreichend finanziellen Mitteln und umsichtiger Führung haben wir bewiesen, dass wir selbst die gewaltigsten Bedrohungen durch Infektionskrankheiten bekämpfen und besiegen können. Aber es wird nicht einfach sein.

Da niemand vor Infektionskrankheiten sicher ist, bis alle sicher sind, wird der Schutz von uns allen vor Pandemien eine wirklich globale Anstrengung erfordern. Prävention, Erkennung und Reaktion auf Pandemien erfordert viel umfassendere und effektivere Systeme und Kapazitäten, deshalb müssen wir die Investitionen in die kritischen Komponenten der Gesundheitssysteme erhöhen und Zugangsbarrieren beseitigen.

Die am stärksten von Pandemien betroffenen Gemeinschaften, insbesondere die am stärksten marginali­sierten, müssen im Mittelpunkt stehen, ihre Bedürfnisse äußern und Antworten entwickeln, die wirklich niemanden zurücklassen.

Klimawandel und Umweltschäden machen dies noch dringlicher. Der Klimawandel wird die Epidemiologie bestehender Krankheiten beeinflussen und das Auftreten neuer Krankheiten erleichtern. Änderungen bei Niederschlag, Temperatur und Luftfeuchtigkeit verlagern die Malariaübertragung bereits in neue Gebiete. Der Klimawandel wird auch Tuberkulose und HIV verändern – zum Beispiel durch Zwangsvertreibung oder Migration gefährdeter Bevölkerungsgruppen und zunehmende wirtschaftliche Unsicherheit.

Darüber hinaus werden der Klimawandel und andere Umweltbelastungen auch die Dynamik des zoono­tischen Spillovers verändern, also den Prozess, durch den Krankheiten, die Tiere betreffen, auf den Menschen übergehen. Da drei Viertel aller neuen Krankheitsbedrohungen von Tieren ausgehen, erhöht jede Zunahme zoonotischer Spillover die Wahrscheinlichkeit neuer pandemischer Bedrohungen.

Die siebte Wiederauffüllung des Global Fund ist die Gelegenheit für die Welt, sich der Herausforderung zu stellen und mutige Maßnahmen zu ergreifen. Wir können den Fortschritt im Kampf gegen HIV, Tuberkulose und Malaria vorantreiben, während der Pandemie verlorenes Terrain wieder gut machen und wieder auf Kurs gehen, um diese drei Pandemien bis 2030 endgültig zu beenden.

Wir können auch einen entscheidenden Schritt in der Pandemievorsorge herbeiführen, indem wir die allgemeine Widerstandsfähigkeit von Gesundheitssystemen stärken und in ihre Kapazitäten investieren, um neue Gesundheitsbedrohungen zu verhindern, zu erkennen und darauf zu reagieren. Durch einen integrierten Ansatz zur Verfolgung dieser beiden sich ergänzenden Ziele können wir die Wirkung jedes einzelnen Dollars maximieren.

DÄ: NTDs sind eine weitere Herausforderung für Diagnose und Behandlung. Wie können diese Krankheiten besser erkannt und behandelt werden?
Sands: Der Global Fund konzentriert sich hauptsächlich auf die Infektionskrankheiten, die die meisten Todes­fälle verursachen – HIV, TB und Malaria und natürlich COVID-19. Partner wie die Bill and Melinda Gates Foun­dation und Malaria No More konzentrieren sich direkter auf NTDs.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Investitionen, die wir in die Schlüsselkomponenten von Gesund­heitssystemen tätigen – also Labors, Lieferketten, kommunale Gesundheitshelfer und so weiter – entschei­dende Plattformen für die Bekämpfung von NTDs sind. Insofern erzielen hier alle unterstützenden Investi­tionen Hebelwirkungen.

DÄ: Können bestehende Infektionskontrollstrukturen genutzt werden, um Menschen mit SARS-CoV-2-Infektionen zu helfen? Zum Beispiel bezüglich Tests, Impfungen, Therapien…
Sands: Ja, natürlich. Die Länder nutzten dieselben Labors, Gesundheitspersonal, Einrichtungen und Überwachungssysteme, die zur Bekämpfung von HIV, TB und Malaria geschaffen wurden, als Grundlage für ihre Reaktion auf COVID-19.

Zwanzig Jahre Erfahrung im Kampf gegen die tödlichsten Infektionskrankheiten haben uns gelehrt, dass Investitionen in die kritischen Komponenten von Gesundheitssystemen wie Labornetzwerke, geschultes Gesundheitspersonal und Lieferketten eine wesentliche Ergänzung zu krankheitsspezifischen Interventionen – wie mit Insektiziden behandelte Mückennetze gegen Malaria oder antiretrovirale Therapien gegen HIV – darstellen.

Investitionen zur Stärkung formeller Gesundheitssysteme und kommunaler Gesundheitsnetzwerke machen bereits fast ein Drittel der Zuschüsse des Global Fund aus.

Wir investieren jährlich über eine Milliarde US-Dollar in den Aufbau belastbarer und nachhaltiger Gesundheitssysteme, was den Global Fund zum größten multilateralen Geber von Zuschüssen für diesen Zweck macht.

Durch diese Investitionen haben wir Länder dabei unterstützt, Kapazitäten aufzubauen, nicht nur zur Bekämpfung von HIV, TB und Malaria, sondern auch zur Bekämpfung von COVID-19 und zur Erkennung und Reaktion auf zukünftige Pandemien. Durch die Aufrechterhaltung und Stärkung des Zugangs zu lebens­rettenden Diensten, einschließlich durch direkte Unterstützung von gemeindegeführten Maßnahmen, haben wir dazu beigetragen, die Zusammenarbeit und das Vertrauen zwischen Gemeinden, der Zivilgesellschaft, dem Privatsektor und Regierungen zu stärken.

Bei der Beschreibung von Gesundheitssystemen ist es verlockend, sich auf die Technologie und Infrastruktur zu konzentrieren, wie zum Beispiel Krankheitsüberwachungssysteme, Gesundheitseinrichtungen, molekulardiagnostische Geräte oder Gensequenzierungswerkzeuge.

All dies ist von entscheidender Bedeutung, doch der Mensch ist das Herzstück eines jeden Gesundheitssys­tems. Geschultes, ausgestattetes, angemessen bezahltes und geschütztes Gesundheitspersonal, ob Ärzte, Krankenschwestern, Labortechniker oder Gemeindegesundheitspersonal, sind die unersetzlichen Bestandteile eines effektiven und belastbaren Gesundheitssystems.

Bei Investitionen in Gesundheits- und Gemeinschaftssysteme und insbesondere im Rahmen der Pandemie­vorsorge geht es vor allem darum, intelligente und nachhaltige Investitionen in Menschen zu tätigen.

COVID-19 hat die wichtige Rolle, die kommunale Netzwerke und Systeme, einschließlich kommunaler Gesundheitshelfer, als Mitverantwortliche für die Gesundheit spielen, deutlich in den Fokus gerückt. Wie wir im Kampf gegen HIV, TB und Malaria gelernt haben, können wir nur durch die Stärkung der am stärksten gefährdeten Gemeinschaften sicherstellen, dass lebensrettende Dienste die Schwächsten erreichen – einschließlich derjenigen, die durch Armut, Stigmatisierung, Diskriminierung oder Kriminalisierung an den Rand gedrängt werden.

Darüber hinaus hilft es, das Vertrauen darin aufzubauen, das die entscheidende (und allzu oft fehlende) Grundlage für jede Reaktion auf eine Pandemie ist, Menschen und Gemeinschaften in den Mittelpunkt zu stellen. Um HIV, TB, Malaria sowie COVID-19 zu besiegen und eine stärkere Abwehr gegen zukünftige Gesundheitsbedrohungen aufzubauen, brauchen wir einen beschleunigten und gerechten Einsatz der wirksamsten krankheitsspezifischen Instrumente und Interventionen für bestehende Krankheiten.

Zudem brauchen wir widerstandsfähigere, nachhaltigere und integrativere Maßnahmen bezüglich der öffentlichen Gesundheitssysteme, um Bedrohungen durch Infektionskrankheiten zu verhindern, zu erkennen und wirksam darauf zu reagieren, wann und wo immer sie auftreten. Wir brauchen beides: Das eine ohne das andere kann nicht die Wirkung erzielen, die wir brauchen. © aha/aerzteblatt.de

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