NewsMedizinProstatakrebs: Strahlentherapie erhöht Risiko eines Zweitmalignoms
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Prostatakrebs: Strahlentherapie erhöht Risiko eines Zweitmalignoms

Mittwoch, 3. August 2022

/SciePro, stock.adobe.com

Palo Alto – Patienten mit einem lokal begrenztem Prostatakrebs, die eine radiotherapeutische Therapie erhielten, hatten ein höheres Risiko, ein Zweitmalignom zu entwickeln, als jene ohne Strahlentherapie. Zu diesem Ergebnis kommt eine retrospektive Kohortenstudie mit fast 145.000 männliche Veteranen ab 18 Jahren in JAMA Open Networks (2022; DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2022.23025). Insgesamt war das Risiko für ein Zweitmalignom jedoch gering.

Bei allen Teilnehmenden im mittleren Alter von 65 Jahren lag keine Krebsvorgeschichte vor und sie hatten die Diagnose eines lokal begrenzten Prostatakarzinoms (Tumorstadien T1-T3). Gut 1/3 erhielt primär eine Strahlentherapie. Zu den Behandlungen ohne Strahlentherapie, die 2/3 erhielten, gehörten chirurgische Eingriffe (34,3 %), aktive Überwachung (65,7 %), medizinische Behandlung (beispielsweise eine Hormontherapie oder andersartige Systemtherapie) oder langfristiges Beobachten.

Bei 4.257 Patienten (3,0 %) trat mehr als 1 Jahr nach der Prostatakrebsdiagnose eine 2. primäre Krebserkrankung auf – darunter 1.955 Patienten (3,7 %) in der Kohorte mit Strahlentherapie und 2.302 Patienten (2,5 %) in der Kohorte ohne Strahlentherapie. Somit hatten Patienten in der Strahlentherapie-Kohorte ein höheres Risiko für ein 2. primäres Karzinom als jene in der Nicht-Strahlentherapie-Kohorte in den Jahren 1 bis 5 nach der Diagnose (Hazard Ratio [HR], 1,24; 95-%-Konfidenzintervall 1,13-1,37; P < 0,001).

Die Definition des strahleninduzierten Krebses ist eine Krebserkrankung, die (1) in einem bestrahlten Bereich auftritt, (2) eine Latenzzeit von mindestens 4 Jahren zwischen dem Abschluss der Strahlentherapie und der Diagnose des neuen Krebses hat, (3) andere histologische Merkmale als der Primärkrebs aufweist und (4) vor der Strahlenbelastung nicht vorhanden war.

Treffen nicht alle 4 Punkte zu, spricht man von einem Zweitmalignom, das bei Patienten diagnostiziert wird, die eine radiotherapeutische Therapie erhalten haben.

Risiko nimmt mit den Jahren zu

Das Risiko für ein Zweitmalignom stieg im Laufe der Zeit weiter an. Während die HR 5-10 Jahre später noch bei 1,50 (95-%-KI 1,36-1,65; P < 0,001) lag, waren es 10-15 Jahre später schon 1,59 (95-%-KI 1,37-1,84; P < 0,001) und 15-20 Jahre später 1,47 (95-%-KI 1,08-2,01, P = 0,02).

Am häufigsten traten Blasenkrebs als Zweitmalignome auf (Kohorte mit versus ohne Strahlentherapie: 1,8 % versus 1,1 %), gefolgt von Leukämie (0,7 % versus 0, 5 %), Lymphomen (0,4 % versus 0,3 %), und Rektumkarzinomen (0,4 % versus 0,3 %).

Diese toxischen Wirkungen der Strahlentherapie treten somit häufig zu einem Zeitpunkt auf, zu dem die Patienten möglicherweise nicht mehr regelmäßig von einem Radioonkologen betreut würden, befürchten die US-Studienautoren. Obwohl die Inzidenz und das Risiko, einen 2. Primärkrebs zu entwickeln, gering waren, sei es wichtig, das Risiko mit den Patienten zu besprechen und Behandlungsoptionen aufzuzeigen, schlussfolgern die Forschenden.

In der Studie war das Auftreten von Zweitmalignomen mit 3,7 versus 2,5 % insgesamt gering. Christian Gratzke, Universitätsklinikum Freiburg

Auch der Direktor der Urologischen Klinik am Universitätsklinikum Freiburg, Christian Gratzke, empfiehlt, diesen Aspekt mit Prostatakrebspatienten zu besprechen. „In der Studie war das Auftreten von Zweitmalignomen mit 3,7 versus 2,5 % insgesamt gering“, ergänzte Gratzke. Auch diese Aspekt müsste den Patienten erläutert werden. „Die Aufklärung sollte idealerweise von Urologen und Strahlentherapeuten gemeinsam durchgeführt werden“, sagte Constantinos Zamboglou von der Klinik für Strahlenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg. Sie erfolge idealerweise zunächst rein deskriptiv und anschließend entscheide aber primär der Wunsch des Patienten.

Die S3-Leitlinie zum Prostatakarzinom empfiehlt die perkutane Strahlentherapie neben der radikalen Prostatektomie als Behandlungsmöglichkeit für das lokal begrenzte Prostatakarzinom aller Risikogruppen. Zum Risiko für Zweitkarzinome heißt es hier: „Eine für radiotherapeutische Verfahren spezifische Nebenwirkung ist das Auftreten von Zweitmalignomen. Das Risiko ist nach Studien zur perkutanen Strahlentherapie signifikant erhöht. Für die LDR-Brachytherapie ergab sich in einer Arbeit im Vergleich ein geringeres Risiko, der Unterschied zur perkutanen Strahlentherapie war jedoch nicht statistisch signifikant.“ Gratzke hält es für sinnvoll, das Risiko eines Zweitkarzinoms auch in der Patientenleitlinie analog zur S3-Leitlinie zu thematisieren.

Bei der Strahlentherapie der Prostata werden die Blase, das Rektum und andere nahe gelegene Strukturen, einschließlich des Knochenmarks, hohen Strahlendosen ausgesetzt; die Daten über Zweitkarzinome in diesen Organen sind jedoch widersprüchlich. Zum einen gibt es Studien, die bei Patienten mit Prostatakrebs, die eine Strahlentherapie erhalten haben, ein erhöhtes Risiko für Blasenkrebs und Rektumkarzinome festgestellt haben (1997, DOI: 10.1002/(sici)1097-0142(19970415)79:8<1600::aid-cncr24>3.0.co;2-0, 9; 2005: DOI: 10.1053/j.gastro.2004.12.038). Aktuellere Daten deuten hingegen darauf hin, dass dieses Risiko nicht höher ist als in der Allgemeinbevölkerung (2006, DOI: 10.1016/j.ijrobp.2005.11.013). © gie/aerzteblatt.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
VG WortLNS LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER