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Medizin

Betablocker und ASS könnten an heißen Tagen das Herzinfarktrisiko erhöhen

Donnerstag, 4. August 2022

/thebigland45, stock.adobe.com

München und New Haven/Connecticut – Betablocker und Thrombozytenaggregationshemmer wie Acetyl­salicyl­säure (ASS) sind für Patienten mit koronarer Herzkrankheit und solchen, die bereits einen Herzinfarkt erlitten haben, unverzichtbare Medikamente.

An heißen Sommertagen könnten die Mittel jedoch das Risiko auf einen Herzinfarkt erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse des Augsburger Herzinfarktregisters in Nature Cardiovascular Research (2022; DOI: 10.1038/s44161-022-00102-z). Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Patienten an heißen Tagen auf die Einnahme der Medikamente verzichten dürfen.

Menschen mit Herzerkrankungen bekommt eine allzu große Hitze nicht, für einige kann sie sogar tödlich sein. In einer früheren Studie im European Heart Journal (2019; DOI: 10.1093/eurheartj/ehz116) hatten Kai Chen vom Helmholtz Zentrum München und Mitarbeiter an den Daten des Augsburger Herzinfarktregisters zeigen können, dass es zwischen 1987 und 2014 zu einem Anstieg der Herzinfarkte an heißen Tagen gekommen ist. Betroffen waren damals vor allem Menschen in ländlichen Gebieten sowie Patienten mit Diabetes mellitus oder Hyperlipidämie.

In der aktuellen Studie hat Chen, der jetzt an der Yale Universität in New Haven/Connecticut tätig ist, den Einfluss der Medikamente auf das hitzebedingte Herzinfarkt-Risiko untersucht. Da Patienten, die am Herzin­farkt gestorben waren, nicht nach ihrer Medikamenteneinnahme befragt werden konnten, wurde die Analyse auf Patienten beschränkt, die den Herzinfarkt überlebt hatten.

Die Analyse beruht auf 2.494 Fällen, die in den Jahren 2001 bis 2014 in den Monaten Mai bis September aufgetreten waren. Die Forscher untersuchten, ob die Einnahme von Medikamenten einen Einfluss auf das Herzinfarkt-Risiko hatte. Um Verzerrungen zu vermeiden, die sich beim Vergleich unterschiedlicher Perso­nengruppen ergeben können, verglich das Team die Witterung an den Tagen, in denen einzelne Patienten den Herzinfarkt erlitten hatten, mit anderen gleichen Wochentagen des Monats (also etwa dem ersten Montag im August mit den anderen Montagen im August).

Dabei stellte sich heraus, dass die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarkts bei den Patienten, die Betablocker oder Thrombozytenaggregationshemmer wie ASS eingenommen hatten, an den heißesten Tagen zugenom­men hatte. Bei den Anwendern der Plättchenhemmer stieg das Risiko um 63 % und bei den Anwendern der Betablocker um 65 %.

Für Patienten, die beide Mittel eingenommen hatten, ermittelt Chen einen Anstieg um 75 %. Bei Nichtanwen­dern dieser Medikamente war die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarkts an heißen Tagen nicht erhöht. Interessanterweise war der Effekt der Medikamenteneinnahme in der jüngeren Altersgruppe (25-59 Jahre) stärker als bei älteren Patienten (60-74 Jahre), obwohl letztere häufiger bereits zugrunde liegende koronare Herzerkrankungen aufwiesen.

Eine mögliche Erklärung ist, dass die Medikamente die Thermoregulation im Körper stören. Für Betablocker wäre dies plausibel, weil eine Vasokonstriktion der Hautgefäße zu den möglichen Nebenwirkungen zählt. Bei ASS ist ein Zusammenhang schwerer vorstellbar. Eine Auswirkung auf die Hautdurchblutung ist nicht sicher nachgewiesen.

Wie immer bei epidemiologischen Studien ist die Beweisführung lückenhaft. Schon die fehlende Berücksich­tigung der tödlichen Herzinfarkte kann zu einer Fehleinschätzung führen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Einnahme von Betablockern und Plättchenhemmern die Zahl der tödlichen Infarkte gesenkt hat. Diese geretteten Patienten würden dann die Zahl der Anwender unter den nicht-tödlichen Infarkten in der Studie künstlich ansteigen lassen.

Denkbar ist auch ein „Confounding by indication“. Danach wäre die Grunderkrankung, deretwegen die Medikamente eingenommen werden, für den Anstieg der Herzinfarkte verantwortlich. Gegen diese Erklärung spricht zum einen, dass der beobachtete Risikoanstieg durch die Medikamenteneinnahme bei jüngeren und vermutlich gesünderen Patienten besonders deutlich war. Zum anderen war die Assoziation bei anderen Medikamenten, die häufig von Herzpatienten eingenommen werden, nicht nachweisbar.

Sollten die Assoziationen kausal sein, bleibt offen, wie stark die Gefährdung ist. Die Studie macht keine Angaben zum absoluten Risiko. Völlig unklar bleibt, welche Risiken sich aus dem Absetzen der Medikamente ergeben würden. Für Patienten mit einem Stent, einer häufigen Indikation für Antithrombozyten-Mittel, könnte das Absetzen lebensgefährlich sein, da die Mittel die Patienten vor einer Stentthrombose schützen.

Auch bei anderen Indikationen, etwa der Sekundärprävention mit ASS und Betablockern, könnte die Gefahr eines akuten koronaren Ereignisses ansteigen. Der Schaden könnte auch bei einem kurzfristigen Absetzen größer sein als der Nutzen.

Tatsache ist allerdings, dass Herzpatienten bei Hitzeperioden akut gefährdet sind. Diese sollten sich möglichst an kühlen Orten aufhalten und vermutlich weiter ihre Medikamente einnehmen. Darin waren sich die Experten einig, die die Ergebnisse gegenüber dem Londoner Science Media Center kommentierten. © rme/aerzteblatt.de

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