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Politik

Studie zeigt erstmals kausale Effekte des DRG-Systems auf die Versorgung

Dienstag, 13. September 2022

/picture alliance, Jens Büttner

Hamburg – Die Einführung des Systems der diagnosebezogenen Fallpauschalen (DRG) in Deutschland hat zu einer Erhöhung der Fallzahlen in den Krankenhäusern geführt – allerdings nicht zu einer Reduzierung der Ver­weildauer. Das geht aus einer Studie der Universität Hamburg von den Autoren Messerle und Schreyögg hervor.

Die Studie betrachtet die Entwicklung des stationären Sektors vor und nach der Einführung des DRG-Systems von 1995 bis zum Jahr 2015 und vergleicht sie mit der Entwicklung in anderen OECD-Staaten. Demnach ha­ben sich die Fallzahlen in Deutschland in dem betrachteten Zeitraum um 20 Prozent erhöht.

„Das sind etwa zwei Prozent pro Jahr“, sagt Jonas Schreyögg, einer der Autoren des Gutachtens, dem Deutschen Ärzteblatt. „Das ist wirklich viel.“ Ein stärkeren Rückgang der Verweildauer als in den anderen OECD-Staaten habe es hingegen nicht gegeben.

„Natürlich gab es in absoluten Zahlen einen Rückgang der Verweildauer“, betont Schreyögg, der auch Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen ist. „Aber den gab es den anderen Ländern auch.

Das bedeutet: Für den Rückgang der Verweildauer ist nicht das DRG-System verantwortlich, sondern insbe­son­dere Prozessinnovationen im Bereich der medizinischen Versorgung, wie minimalinvasive Verfahren.“

Neuer methodischer Ansatz

Schreyögg erklärt, dass das vorgelegte Gutachten das erste sei, das die Effekte des DRG-Systems auf die Ver­sor­gung nach kausalen Gesichtspunkten betrachtet. „Bislang gab es solche Analysen nicht, weil bei der Ein­führung des Systems keine Kontrollgruppe von Krankenhäusern gebildet wurde, in denen die Abrechnung nach Fallpauschalen noch nicht eingeführt wurde“, sagt Schreyögg.

Deshalb gebe es im öffentlichen Diskurs vielfach Behauptungen über die Auswirkungen des DRG-Systems auf die Versorgung, zum Beispiel, dass es für den Rückgang der Verweildauer in den Krankenhäusern verantwort­lich sei. Die Studie zeige, dass das nicht stimme.

Die Autoren haben bei ihrer Analyse erstmals einen neuen methodischen Ansatz angewandt. Sie haben aus den Daten zahlreicher OECD-Staaten, die keine DRG oder diese nicht zur gleichen Zeit eingeführt haben, mehrere Kontrollgruppen gebildet, mit denen sie das deutsche System verglichen haben.

„Das ist eine Methodik, die mittlerweile in vielen Bereichen verwendet wird und die sehr belastbare Ergeb­nisse erzeugt“, erklärt Schreyögg. „Im Gesundheitswesen wird sie bislang allerdings wenig eingesetzt.“

„Warum incentivieren wir nicht die Qualität?“

„Gerne hätten wir in unserem Gutachten natürlich auch untersucht, welche Auswirkungen das DRG-System auf die Qualität der Patientenversorgung hat“, sagt Schreyögg. „Leider hatten wir dazu aus den anderen Län­dern nicht genügend Daten.“ Klar sei jedoch, dass in Deutschland Fallzahlen incentiviert würden und nicht die Qualität der Behandlung.

„Die zentrale Frage ist deshalb: Warum incentivieren wir nicht die Qualität?“, fragt Schreyögg. Am einfachsten sei dies möglich, indem man Zuschläge für die Einhaltung bestimmter Strukturvorgaben zahle. Und Kranken­häuser, die entsprechende Vorgaben nicht erfüllten, müssten Abschläge hinnehmen oder erhalten keine Ver­gütung für die entsprechenden Fälle.

Mit der verpflichtenden Einführung von Strukturprüfungen durch die Medizinischen Dienste habe sich die Bundesregierung in der vergangenen Legislaturperiode bereits in die richtige Richtung bewegt. „Was jetzt noch fehlt, sind finanzielle Anreize für die Einhaltung von zusätzliche Strukturmerkmalen und Prozessen in diesem Bereich“, betont Schreyögg.

Anreize für mehr Ambulantisierung setzen

Zudem fordert der Gesundheitsökonom die Regierung auf, die Ambulantisierung zu stärken: „Das deutsche DRG-System setzt deutliche Anreize für eine stationäre Versorgung der Patienten.“ In anderen Ländern gehe der Trend seit Jahren in die entgegengesetzte Richtung: in Richtung einer ausgeweiteten Ambulantisierung.

„Es wird auch in Deutschland höchste Zeit, mehr Anreize für eine Ausweitung der Ambulantisierung zu setzen“, fordert Schreyögg. „Denn ambulante Eingriffe erfordern deutlich weniger Personal, ohne dass sich die Qualität der Versorgung reduzieren würde.“

Ein guter Anreiz für mehr Ambulantisierung sei eine sektorengleiche Vergütung – so wie sie auch unter dem Namen „Hybrid-DRGs“ im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vorgesehen ist.

Kostenstrukturen der Krankenhäuser berücksichtigen

Bei der ebenfalls vorgesehenen Reform des DRG-Systems müsse die Regierung die Kostenstrukturen der Kran­kenhäuser berücksichtigen. „Heute ist es so, dass Grund- und Maximalversorger identisch vergütet werden, obwohl sie völlig unterschiedliche Kostenstrukturen haben“, sagt Schreyögg. „So etwas gibt es in anderen Ländern nicht. Es setzt auch die Versorgungsstrukturen unnötig unter Druck und führt zu einer Wettbewerbsverzerrung.“

Sinnvoller sei es, Maximalversorger in einem Multiplikatorenansatz höher zu vergüten. „Ein wenig in diese Richtung ist der Gesetzgeber ja bereits gegangen, als er die Zentrenzuschläge eingeführt hat“, erklärt Schrey­ögg. „Doch er ist auf halbem Weg stehengeblieben. Denn die Zuschläge sind viel zu niedrig – ebenso wie die Sicherstellungszuschläge für kleine, bedarfsnotwendige Krankenhäuser.“

Gerade auf dem Land müssten viele kleine Krankenhäuser – die heute zum Teil eine Auslastung von oft deut­​lich unter 50 Prozent haben – in regionale Gesundheitszentren umgebaut werden.

„Auf dem Land brauchen wir künftig ambulante Operationszentren mit Beobachtungsstationen, Zentren mit 15 bis 20 Betten, in die vor allem ältere Patientinnen und Patienten aufgenommen werden können, und die – je nach Bedarf – eine Praxis mit 24h-Bereitschaft vorsehen“, fordert Schreyögg. Das sei oftmals preiswerter und bedarfsgerechter als kleine konventionelle Krankenhäuser und man benötige weniger Personal. © fos/aerzteblatt.de

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