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Politik

Scharfe Kritik an geplanten Tagesbehandlungen

Freitag, 28. Oktober 2022

/picture alliance, Bernd Wüstneck

Berlin – Zwar biete die Ambulantisierung viel Potenzial für eine bessere und zugleich effizientere Versor­gung, die geplanten Tagesbehandlungen in Krankenhäusern seien aber ein „Katastrophenmodell“. Diese Einschät­zung zu Empfehlungen der Regierungskommission zur Krankenhausversorgung traf gestern Jürgen Malzahn, Leiter der Abteilung Stationäre Versorgung im AOK-Bundesverband.

Die Pläne drohten die Krankenkassen mit erheblichen Mehrkosten zu belasten, sagte er im Rahmen eines Expertenpanels des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbands (DEKV). Malzahn gab eine Schätzung von bis 4,2 Milliarden Euro ab – ohne, dass sich schlüssig eine Verbesserung der Patienten­versorgung ablei­ten ließe.

Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann, hatte bereits anlässlich der Vorstellung der Kommissionsvorschläge kritisiert, Krankenhäuser könnten zukünftig ihre Leistungen „risikolos aus der am­bulanten Vergütung nach dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) in die DRG-Vergütung steuern“ und ebenfalls vor Mehrausgaben in Milliardenhöhe gewarnt.

Malzahn wies darauf hin, dass für die Kassen schwer vorhersehbare Kosten für im gewissen Umfang notwen­dige Krankentransporte und häusliche Krankenpflege zusätzlich zur eigentlichen Vergütung der Tagespau­schalen zu erwarten seien. Schon alleine die Kosten für einen Krankentransport würden, wenn in Anspruch genommen, den kalkulierten Abschlag auf die diagnosebezogenen Fallpauschalen (DRG) überschreiten.

Aus seiner Sicht erscheine das Modell im Sinne einer echten Ambulantisierung „anreizfrei“ und lasse zudem viele weitere Fragen zu den komplexen Folgewirkungen einer Einführung von Tagesbehandlungen unbeant­wortet, so der AOK-Krankenhausexperte.

Mit den kritischen Einwänden habe man auf Fachebene im Bundesgesundheitsministerium (BMG) auch durch­aus Gehör gefunden – auf dem weiteren Weg seien diese konstruktiven Einlassungen aber offenbar „verloren“ gegangen.

Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), hatte bezüglich der Pläne angemahnt, es dürfe „einzig und allein um das Wohl und die Sicherheit des Patienten gehen“.

Deshalb müsse gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels mit einer Zunahme an Multimor­bidität und komplexen Krankheitsbildern sichergestellt sein, dass in der häuslichen Umgebung eine sichere und adäquate Betreuung gewährleistet ist.

Zudem gelte es zu verhindern, dass die „Tagesbehandlung von den Klinikbetreibern dazu genutzt wird, Personalengpässe auszugleichen oder den Profit zu steigern“.

Die Regierungskommission Krankenhaus hatte Ende September vorgeschlagen, eine neue Behandlungsform „Tagesbehandlung“ einzuführen. Zu dem Vorschlag liegt mittlerweile auch ein Eckpunktepapier des BMG vor. Krankenhäuser sollen Leistungen, die bisher vollstationär er­folgt sind, als Tagesbehand­lungen erbringen.

Die Patienten sollen also nach der Behandlung die Nacht zu Hause verbringen – müssen dem aber zustim­men. Das soll die Pflegekräfte entlasten und zugleich Geld für das Gesundheits­system einsparen, da die DRG um die nicht angefallenen „Ho­telkosten“ pauschal gemindert würden.

Offen bleibt bisher unter anderem, wer bei einer Entlassung nach Hause im Falle von Komplikationen haftet. In den Eckpunkten heißt es dazu, die Tagesbehandlung setze voraus, dass am Ort der Be­handlung Kranken­hausstrukturen und die Möglichkeit der notfallmäßigen Behandlung sowie bei ungünsti­gem Verlauf eine un­mittelbare Umwandlung der Tagesbe­handlung in eine Behandlung über Nacht möglich seien. Bei Komplika­tionen muss also eine sofortige Reaktion des Krankenhauses sichergestellt sein.

Ob es eine Liste von Eingriffen und Behandlungen geben soll, die für Eingriffe via Tages­pau­schalen infrage kommen, ist ebenfalls noch unklar. Die leistungserbringer­rechtlichen Voraussetzungen für die Tagesbehand­lung und das Nähere sollen dem Mi­nisterium zufolge in einem neuen Paragrafen 115e Sozialgesetzbuch V geregelt werden. Näheres ist den Eckpunkten nicht zu entnehmen. Weitere Anforde­rungen, etwa die Dokumentation, sollen durch die Selbstverwaltung geregelt werden. © aha/may/aerzteblatt.de

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