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Medizin

Schlaganfall: Zu starke Blutdrucksenkung schadet Patienten nach Thrombektomie

Freitag, 28. Oktober 2022

/reineg, stock.adobe.com

Shanghai – Eine intensive Blutdrucksenkung, die nach einer Thrombektomie das Hirngewebe vor einem Re­perfusionsschaden schützen soll, hat in einer großen randomisierten Studie aus China zu einer Verschlech­te­rung der klinischen Ergebnisse geführt, was laut dem Bericht im Lancet (2022; DOI: 10.1016/S0140-6736(22)01882-7) einen vorzeitigen Abbruch der Studie erforderlich machte. Die Ergebnisse wurden auch auf dem „World Stroke Congress“ in Singapur vorgestellt.

Nach einem ischämischen Schlaganfall kommt es häufig zu einem deutlichen Anstieg des Blutdrucks. Dies wird normalerweise in den ersten 24 Stunden bis zu einer Grenze von 220/110 mm Hg toleriert, da der Anstieg des Blutdrucks die Perfusion in den Randzonen des Hirninfarkts verbessern kann.

Bei der zunehmenden Zahl der Patienten, bei denen eine erfolgreiche Thrombektomie durchge­führt wurde, wird dagegen zu einer Blutdrucksenkung geraten. Sie soll den Reper­fusionsschaden begrenzen, zu dem es nach der abrupten Beseitigung des Strömungshindernisses kommen kann. Das richtige Maß der Blutdruck­senkung ist jedoch nicht bekannt.

Die ENCHANTED2-Studie hat an 44 Zentren in China eine intensive Blutdrucksenkung, die einen systolischen Zielwert von unter 120 mm Hg anstrebte, mit einer weniger intensiven Behandlung (systolischer Zielwert 140 bis 180 mm Hg) verglichen.

Die Blutdrucksenkung wurde innerhalb der ersten Stunde nach der Thrombektomie eingeleitet und über 72 Stunden aufrechterhalten. Primärer Endpunkt der Studie war die modifizierte Rankin-Skala, die die Auswir­kungen des Schlaganfalls nach 90 Tagen mit 0 (keine Symptome) bis 6 (Tod) Punkten bewertet.

An der Studie sollten ursprünglich 2.236 Patienten teilnehmen, was sie zur bisher größten Studie zur Blut­druckkontrolle nach einem Schlaganfall gemacht hätte. Die Studie wurde jedoch nach einer Zwischenauswer­tung im Juni 2022 nach der Teilnahme von 821 Patienten vorzeitig abgebrochen. Der Grund waren schlech­te­re funktionelle Ergebnisse in der Gruppe mit intensiver Blutdrucksenkung.

Wie das Team um Jianmin Liu von der Medizinischen Hochschule der Marine in Shanghai berichtet, steigerte die intensive Blutdrucksenkung die Wahrscheinlichkeit eines schlechten funktionellen Ergebnisses um etwa ein Drittel. Die Odds Ratio von 1,37 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,07 bis 1,76 statistisch signifikant.

Es kam sowohl in den ersten Tagen nach der Behandlung zu einer neurologischen Verschlech­terung (Odds Ratio 1,53; 1,18-1,97) als auch häufiger zu schweren Behinderungen nach 90 Tagen mit einem Anstieg in der modifizierten Rankin-Skala (Odds Ratio 2,07; 1,47-2,93). Unterschiede bei den symptomatischen intrazere­bralen Blutungen und in der Zahl anderer schwerwiegender unerwünschter Ereignisse oder der Mortalität gab es zwischen den Gruppen dagegen nicht.

Nach Ansicht von Craig Anderson vom George Institute for Global Health in Sydney, das die Studie mit betreut hat, sollte nach einer erfolgreichen Thrombektomie keine allzu intensive Blutdrucksenkung durchgeführt werden. Die Studie spreche zwar nicht gegen den Einsatz von Blutdrucksenkern, die optimalen Zielwerte seien jedoch derzeit nicht bekannt. © rme/aerzteblatt.de

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