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Medizin

Immunflucht: BQ.1.1 entzieht sich in Laborstudie allen therapeutischen Antikörpern

Mittwoch, 23. November 2022

/Christoph Burgstedt, stock.adobe.com

Göttingen – Die Omikron-Untervariante BQ.1.1, die sich derzeit vor allem in Europa und den USA stark aus­breitet, war in einer aktuellen Laborstudie resistent gegen alle derzeit zugelassenen Antikörperpräparate.

Auch andere Omikron-Untervarianten mit zunehmender Inzidenz in anderen Ländern entzogen sich laut dem Bericht in Lancet Infectious Diseases (2022; DOI: 10.1016/S1473-3099(22)00733-2) dem Zugriff der mono­klo­nalen Antikörper.

In den USA und in Europa sind ein Dutzend monoklonale Antikörper als Monopräparate oder in Zweier-Kom­bi­nationen zugelassen. Sie werden vor allem bei abwehrgeschwächten Patienten eingesetzt, deren Immun­system nicht in der Lage ist, eine ausreichende körpereigene Antikörperabwehr aufzubauen.

Der Vorteil der therapeutischen Antikörper besteht darin, dass sie in hoher Dosis eingesetzt werden können und SARS-CoV-2 effektiv binden können. In der Frühphase der Infektion haben sie sich als effektiv erwiesen.

Der Nachteil ist, dass die monoklonalen Antikörper nur ein einziges Epitop auf dem S-Protein von SARS-CoV-2 erkennen. Das Virus kann sich dem Zugriff im Prinzip durch eine einzelne Mutation entziehen, wenn diese das Epitop, spricht die Bindungsstelle am S-Protein verändert.

Schon bei den ersten Omikron-Varianten hatte es einige Ausfälle gegeben. Erste Hinweise lieferten damals Laborstudien. Dort werden Zellkulturen mit (nicht-vermehrungsfähigen) Pseudoviren infiziert, die mit dem S-Protein einer einzelnen Omikron-Variante bestückt sind. In einem Neutralisationstest wird untersucht, ob die Zugabe der Antikörper die Infektion der Zellen verhindern kann.

Ein Team um Markus Hoffmann vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen hat die Tests jetzt an verschie­de­nen Omikron-Untervarianten durchgeführt.

Dies waren die Unterlinie BA.4.6, die weltweit in mehreren Ländern vermehrt nachgewiesen wird, die Unter­linie BA.2.75.2 mit zunehmender Inzidenz in Indien, die Unterlinie BJ.1, die hauptsächlich in Indien und Bang­la­desch beobachtet wird, und die Unterlinie BQ.1.1, deren Inzidenz in den letzten Wochen in den USA und Europa stark angestiegen ist.

Laut dem aktuellen Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts hat sich der Anteil von BQ.1.1 in Deutschland innerhalb der vergangenen vier Wochen vervierfacht. Der Anteil lag zuletzt bei 8 %.

Ergebnis: Alle Unterlinien zeigten in den Neutralisationstests eine Resistenz gegen einzelne Antikörperpräpa­rate. Aber nur BQ.1.1 entzog sich allen Antikörpern. Auch mit der höchsten Antikörperkonzentration von mehr als 50.000 ng/ml gelang es nicht, die Pseudoviren von einer Infektion abzuhalten.

Laborstudien lassen keine sicheren Rückschlüsse auf die klinische Wirksamkeit zu. Sie liefern aber einen ers­ten wichtigen Hinweis. Laut Hoffmann ist zu befürchten, dass alle in den USA und in Europa zugelassenen Anti­körperpräparate gegen BQ.1.1 keinen therapeutischen Nutzen haben.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass es keine Behandlungsmöglichkeiten gibt. Die Virustatika Paxlovid und Molnupiravir wirken unabhängig von der Konfiguration des S-Proteins, da sie die Replikation innerhalb der Zellen verhindern.

Impfungen und frühere Infektionen erzeugen in der Regel die Bildung einer breiten Palette von Antikörpern. Sie sind deshalb nicht so anfällig für eine Immunflucht. Der Hersteller Biontech/Pfizer hat Ende vergangener Woche mitgeteilt, dass der aktuelle bivalente COVID-19-Impfstoff in Laborstudien auch BQ.1.1 neutralisieren kann. © rme/aerzteblatt.de

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