NewsPolitikKaragiannidis: Verlust von Krankenhausbetten muss gestoppt werden
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Karagiannidis: Verlust von Krankenhausbetten muss gestoppt werden

Freitag, 25. November 2022

/upixa, stock.adobe.com

Berlin – Die demografische Entwicklung wird in den kommenden Jahren erheblichen Reformbedarf im deutschen Krankenhauswesen verursachen, Schließungen zur Konzentration von Personal wären dabei aller­dings kontraproduktiv.

Das erklärte Christian Karagiannidis, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Not­fallmedizin (DGIIN) und Mitglied der Regierungskom­mission für eine Krankenhausreform, gestern beim Nationalen Qualitätskongress in Berlin.

„Wenn wir eine große Reform im Gesundheitswesen machen, dürfen wir dabei nicht vergessen, dass die Menschen trotzdem ins Krankenhaus kommen“, sagte Karagiannidis und mahnte damit an, das aus seiner Sicht zentrale Problem nicht aus den Augen zu verlieren: schwindende Kapazitäten.

Die Grundfrage sei nämlich, wie viele Kapazitäten das deutsche Krankenhaussystem auf absehbare Zeit noch haben wird. „Mich ärgert es enorm, dass uns unter dem Radar die Betten wegbrechen.“

Die Politik habe das Problem in den vergangenen Jahren sogar noch verschärft: So seien durch die Einführung der Pflegepersonaluntergrenzen in Krankenhäusern bis zu 25 Prozent der Betten weggefallen. „Das ist dra­ma­tisch“, betonte er.

Noch liege Deutschland mit einer Quote von 8 Highcare-Betten auf 100.000 Einwohner international im guten Mittelfeld. Doch das wird sich bald grundlegend ändern, falls keine großen Reformen unternommen werden.

Denn der demografische Wandel werde enorme Auswirkungen zeitigen: 500.000 Arbeitsplätze werde Deutschland bald jedes einzelne Jahr verlieren, erklärte Karagiannides, 20 bis 30 Prozent des Pflege­personals breche dann weg – während die Patientenzahlen um ebenfalls 20 bis 30 Prozent steige. „Ich würde jetzt schon anfangen, realistisch zu planen“, merkte er an. „Wir haben diese Reformen verschlafen. Man hätte das vor zehn Jahren machen müssen.“

Denn die Suche nach Lösungen hält an. Die Industrie und andere Wirtschaftsbereiche könnten bei Arbeits­kräfte­mangel anders als die Krankenhäuser an der Gehaltsschraube drehen. Beim Pflegekräftemangel komme man mit Geld aber nicht weit.

So hätten jüngste Erhebungen ergeben, dass neben den Arbeitsbedingungen vor allem die Distanz zum Wohnort ein Hauptgrund ist, warum Pflegekräfte den Beruf verlassen. Statt Pflegekräfte freizusetzen, würde eine Ausdünnung der Struktur das sogar nur verschärfen.

Kollateraleffekt Pflegeaausbildung

Auch sei es ein Trugschluss, zu vermuten, dass man vor allem kleinere Kliniken entbehren könne. Denn es gebe einen nicht zu vernachlässigenden Kollateraleffekt: Wenn kleine Häuser geschlossen würden, fielen dort auch Pflegeausbildungskapazitäten weg, die die größeren Häuser nicht zusätzlich hätten.

„Wer denkt, dass man den Pflegemangel beheben kann, indem man die Hälfte der Häuser schließt, macht die Rechnung ohne den Wirt“, betonte er. Man könne Pflegekräfte nicht wie Zahlen in einer Excel-Tabelle hin und her schieben.

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, stimmte Karagiannidis in der Problemanalyse zu: „Wir dürfen nicht glauben, dass wir in zehn oder fünfzehn Jahren mit den gleichen Strukturen die heutige Versorgung leisten können.“

In Prävention und Ambulantisierung investieren

Er plädierte unter anderem dafür, Patienten besser durch die Versorgung zu steuern, bedeutend mehr in die Prävention zu investieren, um die Krankheitslast zu verringern, sowie für eine stärkere Ambulantisierung: „Wir müssen das ambulante Potenzial auch ambulant behandeln.“

Hier wiederum mahnte ihm Johannes Danckert, der Geschäftsführer des Berliner kommunalen Krankenhaus­be­trei­bers Vivantes, mehr Praxisnähe in der Regulierung an. Prinzipiell sei die Ambulantisierung der einzige Weg, dem künftigen Versorgungsbedarf gerecht zu werden.

Allerdings würde das Konzept des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) zu Tagesbehandlungen und ent­sprechenden Tages-DRGs erhebliche Schwachstellen haben: Natürlich könne man durch Entlassungen Geld sparen und Betten freikriegen. Nicht beachtet sei dabei aber das Entlassmanagement, das dann ent­sprechend ausgebaut werden müsse und neue Gelder verschlingt.

Dabei könne und müsse künftig auch an ganz anderen Stellen Geld gespart werden: Die Vivantes-Kliniken würden im Jahr allein 70 Millionen Euro an Leasingunternehmen bezahlen. „Das sind Instandhaltungsmittel, die anderswo fehlen“, betonte Danckert. Er bitte Karagiannidis deshalb, sich dafür einzusetzen, dass Leasing in Krankenhäusern verboten wird.

Der wiederum erkannte das Problem an. „Das ist Ausdruck eines Systemfehlers. Wir haben den Biogen die letzten zehn Jahre total überspannt“, räumte er ein. „Wir müssen klar sagen, dass wir Schuld an der Situation haben, weil wir die Pflege kontinuierlich überlastet haben.“

Bei beatmeten Patienten beispielsweise liege das Verhältnis von Pflegekraft zu Patient mittlerweile bei eins zu vier. In Kanada beispielsweise sei das Verhältnis eins zu eins – bei deutlich höheren Löhnen in der Pflege.

Stille Reserve mobilisieren

Die Pläne der Bundesregierung zur weiteren Ambulantisierung in Krankenhäusern seien ein erster wichtiger Schritt, solche Missstände zu beheben, erklärte auch Gaß. Sie könnten auch dahingehend Abhilfe beim Pflegemangel leisten, dass sie „Teile der stillen Reserve mobilisieren“: Mehr Pflegearbeit würde sich dann auf die normalen Kernarbeitszeiten in den Tagesstunden verlagern, was einen höheren Anteil an Teilzeit- und andere Beschäftigungsmodellen ermögliche.

Allerdings stehe eine große Herausforderung erst noch bevor: Die Ergebnisse der Regierungskommission müssten noch den Ländern vermittelt werden. Dass die Finanzierung laut Grundgesetz beim Bund liege, die Planung aber bei den Ländern, mache auch den Forderungen von Ulrike Elsner, der Vorsitzenden des Verbands der Ersatzkassen (vdek), einen Strich durch die Rechnung, betonte Karagiannidis.

Elsner hatte kurz zuvor kritisiert, dass Reformen zu oft beim Geld ansetzten und Löcher in der Versorgung stopfen würden. Was es hingegen brauche, sei ein großes Zukunftskonzept. „Es fehlt eine Zieldefinition, wie die Versorgung in Zukunft aussehen soll“, kritisierte sie. Sie selbst plädiere für ein gestuftes Versorgungs­system.

„Wenn Sie eine komplette zentrale Planung wollen, müssen Sie sich an den Gesetzgeber wenden, damit er das Grundgesetz ändert“, erwiderte Karagiannides. „Denn es gibt 16 Bundesländer, die jeweils eigene Vorstellungen von diesen Zielstellungen haben.“ © lau/aerzteblatt.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER