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Politik

„Die Möglichkeiten der Palliativversorgung sind immer noch zu unbekannt“

Dienstag, 29. November 2022

Berlin – Anlässlich der gestern im Rechtsausschuss diskutierten Gesetzesentwürfe zur Suizidassistenz spricht sich der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) in einer aktuellen Stellungnahme ge­gen die Umsetzung aller drei eingebrachten Gesetzentwürfe aus.

Alle enthielten in Bezug auf die Gruppe der Menschen mit fortschreitenden Erkrankungen und begrenzter Lebenserwartung gravierende Mängel, Unschärfen und missverständliche Regelungen. Claudia Bausewein, Präsidentin der DGP, erläutert dem Deutschen Ärzteblatt () die Position der ärztlichen Fachgesellschaft.

Fünf Fragen an Claudia Bausewein, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP)

Deutsches Ärzteblatt: Die Debatte um eine gesetzliche Neuregelung der Suizidhilfe ist in vollem Gange. Sie läuft aus Ihrer Sicht offen­sicht­lich nicht in die richtige Richtung?
Claudia Bausewein: Nein – die Debatte, die wir an sich sehr begrüßen, erscheint uns zu stark von einer rein juristischen Denkweise geprägt. Es fehlt noch der Bezug zur Praxis, vor allem hinsichtlich des Um­gangs mit Palliativpatientinnen und -patienten, welche den Wunsch nach Suizidassistenz äußern.

DÄ: Sind Suizidwünsche in der letzten Lebensphase denn so häufig, dass palliativmedizinisch tätige Ärztinnen und Ärzte als vorrangige Ansprechpersonen angesehen werden können?
Bausewein: Zumindest im Umgang mit der Komplexität und Ambiva­lenz von Sterbewünschen bei Menschen mit fortgeschrittenen Er­krankungen verfügt die Palliativmedizin über viel Erfahrung und wissenschaftliche Erkenntnisse.

Vor allem der ganzheitliche Ansatz der Palliativmedizin wie auch die gelebte Multiprofessionalität mit ihren vielen Blickwinkeln macht uns zumindest für die Situationen, die sich im Zusammenhang mit einer schweren Erkrankung ergeben, zu kompetenten und qualifizierten Ansprechpartnerinnen und -partnern.

In der Regel steckt hinter Todeswünschen die Aussage, dass das Leben so, wie es sich für die Betroffenen gerade darstellt, nicht mehr lebenswert ist. Durch palliativmedizinische Begleitung können aber viele der Beschwerden und Probleme der Betroffenen und ihrer Angehörigen oft so gelindert werden, dass die Todes- und Suizidwünsche in den Hintergrund treten. Daher sollten alle Menschen das Angebot einer hospizlichen und palliativen Versorgung erhalten.

DÄ: Hat sich die Situation seit 2020 verändert? Erhalten palliativmedizinisch tätige Ärztinnen und Ärzte seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vermehrt Anfragen und Wünsche bezüglich eines assistierten Suizids?
Bausewein: Ja – die Anfragen werden viel offener und direkter an uns herangetragen. Meistens geht es dabei um zukunftsbezogene Ängste und Sorgen und wir erleben häufig, dass Betroffene, Angehörige und mitunter selbst Fachleute nicht ausreichend über die Möglichkeiten der Palliativversorgung informiert sind.

In der Geschäftsstelle der DGP haben uns seit dem Urteil zahlreiche Anfragen erreicht, wovon wir inzwischen mehr als 50 ausgewertet haben. Dabei ging es in fast allen Fällen um eine Absicherung, eine Art „Hintertür­chen“ für die Zukunft – und es gelingt meistens aufzuzeigen, dass auch die Palliativmedizin ein „Rettungs­anker“ sein kann.

Ebenso trauen sich die Menschen im klinischen Alltag eher, den Wunsch nach einem assistierten Suizid zu formulieren. Aus meiner Sicht liegt das auch daran, dass die Hemmschwelle, diese Wünsche zu äußern, seit dem Bundesverfassungsgerichtsurteil gesunken ist. Das ist sehr gut. Denn vermutlich haben auch vorher schon viele diese Wünsche gehabt, trauten sich aber nicht, sie anzusprechen.

Es kommen aber auch immer wieder Anfragen von Menschen, die keine fortschreitende Erkrankung haben, sondern andere Belastungen erleben, seien diese persönlicher, sozialer oder psychischer Natur.

Ebenfalls melden sich Menschen im höheren Alter, meist belastet durch verschiedene Erkrankungen, aber nicht im klassischen Sinn Palliativpatientinnen und -patienten. Sie sind oft einsam, sozial isoliert oder mit ihrer Situation im Alten- und Pflegeheim nicht zufrieden.

Vergessen darf man dabei ebenso wenig, welche Herausforderung es für Angehörige bedeuten kann, bei­spielsweise mit dem Sterbewunsch der hochaltrigen Mutter im Pflegeheim konfrontiert zu werden. Wir dürfen die Familien im Umgang mit diesen Wünschen nicht allein lassen, es gilt von professioneller Seite das offene Gespräch und damit in der Regel Entlastung anzubieten.

DÄ: Wie begegnen Sie diesen Anfragen? Gibt es für Sie „rote Linien“? Und zu welchem Umgang raten Sie jüngeren Kolleginnen und Kollegen?
Bausewein: Wir haben eine umfangreiche Empfehlung für in der Hospiz- und Palliativversorgung Tätige zum Umgang mit dem Wunsch nach Suizidassistenz erarbeitet. Ein Kern dieser Empfehlung ist die Reflexion der eigenen Position sowie die der jeweiligen Einrichtung und die Klärung etwaiger roter Linien. Hier sind der und die Einzelne, das Team und die Einrichtungen sehr gefordert.

Vorrangige Empfehlung ist das offene Ansprechen solcher Wünsche, die in jedem Fall ernstgenommen wer­den müssen und so weit wie möglich verstanden werden sollten. Es ist für uns wichtig, mit den Menschen zu schauen, welche Optionen es in der Begleitung gibt, wie wir sie unterstützen können, dass der „Tunnelblick“ auf den Suizid als vermeintlich einzigem Ausweg sich weitet und die Betroffenen eine wirklich freie Entscheidung treffen können.

DÄ: Ist aus Ihrer Sicht in der Bevölkerung zu wenig bekannt, dass medizinische und pflegerische Maßnahmen nur mit dem Einverständnis der Patienten weitergeführt werden dürfen?
Bausewein: Eindeutig ja. Viele Ängste resultieren daraus, dass Menschen befürchten, am Ende ihres Lebens einer hochtechnisierten Medizin ausgeliefert zu sein. So gut wie nicht bekannt ist die Tatsache, dass jeder ärztliche und pflegerische Eingriff den Straftatbestand einer Körperverletzung bedeutet, wenn er gegen den Willen des Patienten oder der Patientin erfolgt.

Wie bereits erwähnt sind außerdem die Möglichkeiten der Palliativversorgung immer noch zu unbekannt. Deshalb haben wir eine Aufklärungskampagne gestartet unter dem Titel: das ist palliativ. © ER/aerzteblatt.de

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