NewsMedizinPro und Contra: Über ihr Risiko für Beckenbodenschäden sollte jede Frau vor der Geburt aufgeklärt werden
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Pro und Contra: Über ihr Risiko für Beckenbodenschäden sollte jede Frau vor der Geburt aufgeklärt werden

Freitag, 6. Januar 2023

Berlin – Schwangerschaft und Geburt – vor allem aber die vaginale Entbindung – erhöhen das Risiko für eine Beckenbodendysfunktion. Uterus- und Vaginalprolaps sowie eine Harn- und Stuhlinkontinenz können die Folge sein. Aber auch die Sectio caesarea geht mit einer mütterlichen und kindlichen Morbidität einher.

Im Jahr 2019 hat die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) zum Thema vaginale Geburt und Veränderungen am weiblichen Beckenboden Stellung genommen: Das Risiko für Beckenboden­dysfunktionen soll in die Entscheidung für oder gegen einen Kaiserschnitt einfließen. Sie gehen aber davon aus, dass das Hochrisikokollektiv für Beckenbodenfunktionsstörung überschaubar sein wird.

Bei der verbindlichen Aufklärung aller Frauen zu ihrem Risiko, sind sich die Autoren und Autorinnen uneins. Aus Sicht der Arbeitsgemeinschaft gebe es verschiedene Zeitpunkte und Möglichkeiten, Frauen über mögliche Veränderungen am Beckenboden aufzuklären, heißt es in der Stellungnahme. In der Schweiz ist man sich inzwischen einig: Im Tagesanzeiger kündigte die Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft Urogynäkologie, Cornelia Betschart, an, dass spätestens ab Januar 2023 in allen Frauenarztpraxen Broschüren ausliegen sollen, die über Folgen der Geburt informieren sollen – auch Beckebodenschäden.

Kaven Baeßler: Frauen sollen anhand wissenschaftlicher Daten über individuelle Risiken informiert werden, um ihnen eine fundierte Entscheidung zu ermöglichen.

Kaven Baeßler, Leiterin Beckenbodenzentrum Franziskus- und St. Joseph Krankenhäuser Berlin, Vorsitzende der AG für Urogynäkologie und plastische Beckenbodenrekonstruktion der DGGG. /privat

Eine Frau muss über mögliche Beckenbodenprobleme in der Schwangerschaft und postpartal informiert werden. Selbstverständlich ist sie bei unter der Geburt anstehenden Entscheidungen wie instrumentelle Entbindung oder Sectio caesarea auch über potentielle Beckenbodenschäden aufzuklären.

Es gilt auch für Schwangere das Selbstbestimmungsrecht und es gibt nur paternalistische und unethische Gründe, einer Frau Informa­tionen, die eventuell ihr ganzes postpartales Leben beeinträchtigen, vorzuenthalten. Australien macht es vor, Aufklärung erwünscht (Australian and New Zealand Journal of Obstetrics and Gynaecology 2021).

Ja, die vaginale Geburt ist ein natürliches Geschehen, die sicherste und für die meisten Frauen auch schönste Art, ein Kind zu gebären. Es soll nicht allen Schwangeren ein Kaiserschnitt angeboten werden. Aber Frauen sollen anhand wissenschaftlicher Daten über individuelle Risiken informiert werden, um ihnen eine fundierte Entscheidung zu ermöglichen. Typische Statements in meiner Sprechstunde sind: „Hätte ich das gewusst“ oder „Das hat mir keiner gesagt“.

So hatten in einer Berliner Studie 51 Prozent der Frauen ein Jahr nach der Geburt eine Harninkontinenz, 29 Prozent Senkungssymptome und 22 Prozent gaben eine zu weite Scheide beim Geschlechtsverkehr an (Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2017). Levatordefekte sind bei 40 Prozent nach vaginalen Geburten zu verzeichnen und erhöhen signifikant das Risiko für einen Genitaldeszensus (BJOG 2011).

Warum wird die Beckenbodenfunktion nicht erfasst und im Mutterpass dokumentiert, wenn andere Risikofaktoren wie Diabetes, Aborte und Operationen wie Myomenukleation erhoben werden?

Dabei gibt es einen validierten Beckenbodenfragebogen für schwangere und postpartale Frauen mit etablierten Risikofaktoren wie Übergewicht, Nikotinabusus, positiver Familienanamnese für Becken­bodeninsuffizienz, Alter über 35 Jahren sowie fehlender Beckenboden-Willkürkontraktion. Mit vaginaler Palpation und/oder perinealem Ultraschall kann die Beckenbodenkontraktion überprüft werden.

Die Lösung ist einfach und kostet wenig: Schwangere füllen den Beckenbodenfragebogen aus. Je nach Ergebnis kann zum Beispiel eine gezielte Beckenbodentherapie eingeleitet werden (cave: unspezifische Beckenbodengymnastik ist nicht zielführend). Die Frau kann allein oder mit Gynäkologin den UR-Choice-Risiko-Rechner durchgehen und das individuelle Risiko kalkulieren. Der Schwangeren wird damit die Möglichkeit gegeben, sich evidenzbasiert anhand ihrer individuellen Gegebenheiten zu informieren und gegebenenfalls prophylaktisch tätig zu werden.

Michael Abou-Dakn: Es bleibt fraglich, ob die später auftretenden Folgen eines Beckenbodenschadens, wie zum Beispiel Inkontinenz und Prolaps uteri sich signifikant durch eine primäre Sectio caesarea vermeiden lassen.

Michael Abou-Dakn, Ärztlicher Direktor. St. Joseph Krankenhaus Berlin-Tempelhof, Vorsitzender AG für Geburtshilfe und Pränatalmedizin in der DGGG /Tennert

Die Aufklärung einer Schwangeren hinsichtlich einer physiologischen Geburtssituation ist umstritten, da lediglich Interventionen der Aufklärung bedürfen, weil diese der Zustimmung der Schwangeren bedarf. Deshalb müssen die Vor- und Nachteile eines Kaiserschnittes intensiv besprochen werden, insbesondere dann, wenn ohne eindeutige Indikation eine solche Operation durchgeführt werden soll.

Bei einer geplanten physiologischen Geburt entfällt eine solche Maßnahme. Lediglich über die möglichen Interventionen, wie zum Beispiel einer möglichen Schmerztherapie oder auch einer operativen Intervention sollte im Vorfeld aufgeklärt werden, da gegebenfalls in der Geburtssituation eine Aufklärung nicht mehr sachlich möglich sein könnte.

Um Frauen und Paare im partizipativer Weise aufzuklären, bedarf es natürlich einer objektiven und falls möglich evidenten Grundlage der Beratenden. Diese ist aber hinsichtlich des möglichen Becken­bodenschadens nicht eindeutig. So wird immer wieder kontrovers diskutiert, welchen Einfluss die Schwangerschaft mit der deutlichen Zunahme des Uterusvolumens auf die Beckenbodenbelastung hat und welche zusätzlichen Risikofaktoren sich aus der vaginalen Geburt ergeben (Journal of Prenatal Medicine 2009).

Auch bleibt es fraglich, ob die später auftretenden Folgen eines Beckenbodenschadens, wie zum Beispiel Inkontinenz und Prolaps uteri sich signifikant durch eine primäre Sectio caesarea vermeiden lassen und insbesondere ob die Folgen eines solchen Kaiserschnitts für Mutter und Kind nicht dem Vorteil überwiegen (PLoS Medicine 2018) und somit die Auswirkungen eines Beckenbodenschadens eher in Kauf zu nehmen wären.

Ich wäre daher ohne weitere Risikostratefizierung gegen eine grundsätzliche Aufklärung zum möglichen Beckenbodenschaden im Rahmen einer vaginalen Geburt. Bei zusätzlichen Risikofaktoren wie unter anderem maternales deutliches Übergewicht, fetaler Makrosomie, familiäre oder Eigenanamnese zur Inkontinenz sollte auch hinsichtlich eine möglichen Schadens im Rahmen einer vaginalen Geburt aufgeklärt werden. Hierbei bietet sich dann als Beratungsgrundlage der UR-CHOICE Rechner an. Auch durch diesen wird ersichtlich, wie gering oft der zusätzlich Nutzen einer primären Sectio caesarea zur Vermeidung späterer Schäden ist.

Weiter Forschung sollte in der Tertiärprävention solcher Folgen betrieben werden. © gie/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
VG WortLNS LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER