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Politik

„Es fehlt die positive Grundeinstellung zur Organspende“

Montag, 16. Januar 2023

Berlin – Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) meldete heute einen Rückgang der Zahl der Organ­spender für das Jahr 2022 um 6,9 Prozent. Zwar lässt sich der starke Rückgang der Organspendezahlen in den ersten Monaten des vergangenen Jahres auf die Pandemie zurückführen. Doch auch danach kam es zu keiner Steigerung der Organspendezahlen.

Über die Hintergründe sowie über den Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), einen erneuten Anlauf für eine Reform der Organspende zu unternehmen und über die Einführung einer Widerspruchs­lösung abzustimmen, sprach das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) mit dem Medizinischen Vorstand der DSO, Axel Rahmel.

Fünf Fragen an Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO

Deutsches Ärzteblatt: Die Organspendezahlen sind 2022 gesunken. Und das, obwohl sich die organspendebezogenen Kontaktaufnahmen der Kliniken zur DSO im Vergleich zum Vorjahr sogar erhöht haben. Warum konnten nicht mehr Spenden realisiert werden?
Axel Rahmel: Der häufigste Grund, warum im vergangenen Jahr Organ­spenden nicht erfolgt sind, waren fehlende Einwilligungen. Zwar spie­len mit dem zunehmenden Alter der Spenderinnen und Spender auch Kontraindikationen, also medizinische Ausschlussgründe, eine Rolle.

Aber ihr Anteil hat sich in den letzten Jahren eigentlich nicht verändert. Im vergangenen Jahr war tatsächlich eine Ablehnung der Spende bei der Hälfte der möglichen Organspenden der Grund, weshalb diese nicht realisiert werden konnten.

DÄ: Dies ist verwunderlich. Denn Umfragen in der Bevölkerung haben bisher immer gezeigt, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland die Organspende befürwortet. Haben die Menschen jetzt tatsächlich eine Organspende abgelehnt?
Rahmel: Nein – und das ist ein wichtiger Punkt. Eine aktive Ablehnung der Organspende lag selten vor. In we­niger als einem Viertel der Fälle basierte sie auf einem bekannten schriftlichen (7,3 Prozent) oder mündlichen (16,3 Prozent) Willen der Verstorbenen.

In 42 Prozent erfolgte die Ablehnung hingegen aufgrund des vermuteten Willens der Verstorbenen, 35 Prozent der Ablehnungen beruhten auf der Einschätzung der Angehörigen nach ihren eigenen Wertvorstellungen. Ihnen war gar nicht bekannt, was die oder der Verstorbene zum Thema Organspende gewünscht hätte.

Und in diesem Fall entscheiden sich Angehörige offensichtlich eher gegen eine Organspende. Für mich sagt das etwas über unsere Kultur der Organspende aus: Es fehlt die positive Grundeinstellung, wie wir sie aus anderen europäischen Ländern kennen.

DÄ: Hätte vor diesem Hintergrund nach Ihrer Ansicht in Deutschland ein erneuter Anlauf für eine Reform der Organspende im Sinne der Einführung einer Widerspruchsregelung Aussicht auf Erfolg? Bundesgesundheits­minister Karl Lauterbach hat dies ja jetzt erneut vorgeschlagen…
Rahmel: Die Organspende muss endlich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen werden. Wer jedoch glaubt, dass die Einführung der Widerspruchsregelung den Hebel von jetzt auf gleich umlegt und zu einem sprunghaften Anstieg der Organspende führt, der irrt.

Allerdings bin ich überzeugt, dass die Widerspruchslösung zu einem Umdenken in der Bevölkerung und einer Prägung einer Kultur der Organspende beitragen würde. Wenn dann auch die anderen Initiativen nicht ver­nachlässigt werden, kann es zu einer Trendwende kommen.

DÄ: Sind aus Ihrer Sicht die bisherigen Gesetzesinitiativen gescheitert?
Rahmel: Nein, keineswegs. Das Gesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen hat einen posi­tiven Rahmen gesetzt. Jetzt muss dieser jedoch mit Leben gefüllt werden. Es ist eine Frage der Menschlichkeit und der Solidarität, anderen Menschen zu helfen. Jeder von uns kann in die Lage geraten, auf eine Organspende angewiesen zu sein, um zu überleben…

DÄ: Das sieht ja das derzeit geltende Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft vor: Entscheidungen zur persönlichen Organspendebereitschaft sollen durch ein Organspenderegister gefördert werden, das eigent­lich schon im vergangenen Jahr eingeführt werden sollte. Kann es – wenn es dann endlich kommt – zum Game-Changer werden?
Rahmel: Wahrscheinlich nicht – wenn man ins Ausland blickt, wo Hoffnungen auf Erfolg durch solch ein Register bereits enttäuscht wurden. Vermutlich sind tiefergreifende Änderungen notwendig. Sicher kann ein gut gemach­tes Organspenderegister auch helfen, aber das wird dauern.

Vermutlich wird es erst Ende 2023/Anfang 2024 online gehen können, denn seine Einführung ist in der Tat nicht trivial. Und auch dann muss es sich erst füllen. Wir brauchen Millionen von Bundesbürgerinnen und Bundesbür­gern, die sich im Register eintragen. Damit reden wir über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren bis es über­haupt Wirkungen zeigen könnte. Kurzfristig kann es somit absolut kein Game-Changer sein. © ER/aerzteblatt.de

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