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Ärzteschaft

HNO-Verband: 85 Prozent der Mitglieder boykottieren Kinderoperationen

Montag, 23. Januar 2023

/Tobias Arhelger, stock.adobe.com

Berlin – Der Deutsche Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte (BVHNO) erhält nach eigenen Angaben breite Unterstützung für seinen Streikaufruf für ambulante Operationen: Die überwiegende Mehrheit der Verbandsmitglieder beteiligt sich demnach an der Aussetzung von Mandel- und Mittelohroperationen bei Kindern. Die Krankenkassen griff Verbandspräsident Jan Löhler für ihre Kritik an.

85,6 Prozent der Verbandsmitglieder mit Genehmigung der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) zum am­bulanten Operieren beteiligen sich demzu­folge an dem Protest. Das habe eine Onlinebefragung des BVHNO vom 18. bis 22. Januar 2023 ergeben. Von rund 1.500 ambulanten Operateuren haben demnach 821, also 55 Prozent, an der Befragung teilgenommen.

95 Prozent der Befragungsteilnehmer seien vertragsärztlich tätig, vier Prozent arbeiteten in einem Kranken­haus. Einer Auswertung der Befragung zufolge wollen 34 Prozent der Befragten bereits im Januar keine Man­del- und Mittelohroperationen bei Kindern mehr durchführen. Von Februar bis April sinkt die Zahl von 17,4 auf zwölf Prozent. Nur 14 Prozent gaben an, dass sie weiter operieren wollen.

Der Verband hatte dazu aufgerufen, keine Termine mehr zu vergeben, um gegen eine Absenkung mehrerer Gebührenordnungspositionen (GOP) beim ambulanten Operieren zu protestieren. Die Kassenärztliche Bun­desvereinigung (KBV) erklärte dem Verbandsvorstand daraufhin, dass ganz im Gegenteil unterm Strich sogar ein moderates Plus von 2,3 Prozent stehe, da nur einzelne GOP abgewertet, dafür aber andere aufgewertet sowie neue Zuschläge eingeführt wurden.

Löhler betont nun, es gehe bei dem Protest nicht um den Eurobetrag, der vom Honorar abgezogen werde, sondern darum, auf die chronische Unterfinanzierung des Operierens von gesetzlich krankenversicherten Pa­tienten aufmerksam zu machen. „Die Preise, die von den Kassen für ambulante Operationen gezahlt werden, ermöglichen es schlicht nicht mehr, eine qualitativ hochwertige Versorgung sicherzustellen“, sagte er.

Kein OP-Zentrum könne seine laufenden Kosten stemmen, wenn für einen Eingriff wie die Entfernung der Rachenmandel bei Kindern gerade einmal knapp 107 Euro gezahlt werden. Von der Summe müssten demnach rund 40 Euro OP-Miete (40 Euro), 25 Euro für Sterilisation der Instrumente, 15 Euro für die OP-Assistenz so­wie weitere Posten wie die Instrumentenanschaffung, die Wartung der OP-Technik, die Haftpflichtversiche­rung oder die Rufbereitschaft des Arztes nach einem Eingriff bezahlt werden.

Unterm Strich würden dem Operateur deshalb als Honorar für eine Operation nur etwa zehn bis 20 Euro vor Abzug von Steuern und Altersvorsorge bleiben. Bei schlechteren Konditionen wie einer höheren Miete für den OP-Saal würden die Ärzte am Ende sogar obendrauf zahlen. Auch die neue Nachbeobachtungsziffer bringe vielen ambulanten Operateuren nicht viel, da sie sie nicht selbst abrechnen könnten.

Angesichts der zwölfjährigen Aus- und Weiterbildung, die der operierende Arzt als Qualifikation mitbringe, und dem Risiko des Eingriffs am Atemweg eines kleinen Kindes sei eine solche Vergütung inakzeptabel. „Die Folge ist, dass immer weniger Ärzte in diesem Teilbereich der ambulanten Versorgung, der nicht zum Pflicht­programm der Praxisärzte gegenüber der Kassenärztlichen Vereinigung zählt, Leistungen anbieten“, sagte er. „Die Operateure stimmen quasi mit den Füßen ab und stellen die OP-Tätigkeit ein.“

Die abermalige Absenkung der Vergütung wirke bei allerorts steigenden Kosten durch Inflation, Energiekrise und Fachkräftemangel wie ein Brandbeschleuniger im System. Die heftige Kritik des GKV-Spitzenverbandes weist Löhler deshalb mit ebenso deutlichen Worten zurück.

Der GKV-Spitzenverband hatte dem BVHNO eine „empörende Kampagne“ vorgeworfen. Der Verband würde „schamlos (…) versuchen, immer mehr Geld aus den Taschen der Bei­tragszahlenden der gesetzlichen Kranken­versicherung herauszuholen und nicht einmal vor Drohungen gegen die Gesundheit von Kindern haltmachen“, schimpft der GKV-Spitzenverband auf die Verbände. Wer handele, stelle offenkundig Geld über Gesundheit.

„Wer bei dieser Bezahlung von gierigen Ärzten spricht und ein eklatantes Versorgungsproblem mit einer plum­pen Neiddebatte abzuwürgen versucht, hat von Patientenversorgung keine Ahnung“, erwidert Löhler nun.

Besonders irritierend sei dabei der Vorwurf, durch den OP-Stopp werde eine Gefährdung des Wohls der Kinder billigend in Kauf genommen. „Wenn die Operation eines Kindes durch den Protest nun einige Wochen verzö­gert stattfindet, hat dies im Vergleich zu den monatelangen Wartezeiten, die wir bisher bundesweit verzeich­nen, keine zusätzliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes zur Folge“, betonte der Verbandschef.

Würde alles weiterlaufen wie bisher, würde sich das schleichende Sterben des ambulanten Operierens abseits der öffentlichen Wahrnehmung fortsetzen, sagte Löhler. „Das wollen wir mit der Aktion um jeden Preis im Sinne der von uns zu versorgenden Kinder verhindern. “

Besonders schwere Fälle sowie medizinische Notfälle würden trotz des Protests selbstverständlich weiter operiert. Der GKV-Spitzenverband hatte erklärt, dass nun die Politik gefordert sei, „diesem maßlosen und unethischen Handeln dieser Verbände Einhalt zu ge­bieten“. Dazu gehöre auch, gegen Verletzungen des Sicherstellungsauftrages einzuschreiten.

Das wies der BVHNO nun zurück: Das ambulante Operieren gehöre überhaupt nicht zum Sicherstellungs­auf­trag der Kassenärztlichen Vereinigungen. Vielmehr müssten für den genehmigungspflichtigen Teilbereich an­gemessene Rahmenbedingungen gewährleistet sein.

Das Bundessozialgericht habe mehrfach festgestellt, dass die vertragsärztliche Vergütung dann nicht mehr angemessen ist, wenn in einem fachlichen Teilbereich kein ausreichender Anreiz mehr besteht, ärztlich tätig zu werden.

„Genau das ist jetzt beim ambulanten Operieren der Fall“, betonte Löhler. Viele HNO-Ärzte hätten ihre KV-Ge­nehmigung zum ambulanten Operieren in den letzten Jahren zurückgegeben. „Kein Vertragsarzt kann unter diesen wirtschaftlich desaströsen Bedingungen gezwungen werden, ambulante Operationen anzubieten.“ © lau/aerzteblatt.de

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