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Blick ins Ausland

Pharmakina – ein deutsches Unternehmen im Kongo

Freitag, 23. September 2005

Unter schwierigsten Bedingungen produziert die Familie Gebbers in Bukavu Medikamente gegen Malaria und Aids.

„Wir sind gläubige Protestanten“, sagt Dirk Gebbers zu den Militärs und erntet enttäuschte Blicke. Die halbwüchsigen Soldaten, die mit ein paar Blechkanistern die Straße gesperrt haben, wissen: Es gibt keinen Wegzoll zu kassieren. Keinen Schnaps, keine Zigaretten. An dem fünften oder sechsten Kontrollposten jedoch funktioniert die Finte nicht. Ein Zwölfjähriger mit einer Maschinenpistole stellt sich in den Weg, schwankend, mit glasigen Augen und stierem Blick. Von Drogen betäubt führt er die Hand zum Mund. „Faim“, presst er hervor. Hunger. Gebbers fingert einige kongolesische Schillinge hervor und reicht sie aus dem Fenster seines Geländewagens. Der Junge lässt die Kalaschnikow sinken. Dann winkt er uns durch. „Manchmal ist es besser, man zahlt etwas Geld“, erklärt der Junior-Chef des Medikamenten-herstellers Pharmakina, „sonst schießen die armen Kerle aus Frust ihre Magazine leer.“

Willkür und Rechtlosigkeit, Krieg und Gewalt regieren den zentralafrikanischen Staat, der so groß ist wie Mitteleuropa und sich „Demokratische Republik Kongo“ nennt. Vor allem die Ostprovinzen und die Stadt Bukavu am Kivu-See versinken in Anarchie. Nach den Völker-morden, die 1994 in Ruanda mit den grausamen Massakern am Volk der Tutsi begannen, wurde Bukavu mit Flüchtlingen überschwemmt und steht seitdem immer wieder im Mittelpunkt blutiger Rebellenkriege.

Als die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul im November 2004 die Stadt besuchte, machte sie die Erfahrung: „Die Rechtsord-nung und die staatlichen Strukturen sind im Boden versunken.“ Umso mehr lernte die deut-sche Regierungsdelegation die Leistung der Familie Gebbers schätzen, die in Bukavu ein Un-ternehmen betreibt, das mit der Aufzucht und Verarbeitung von Chinarindenbäumen den Me-dikamentenrohstoff Chinin produziert. Chinin liefert die Basis für lebensrettende Präparate zur Bekämpfung der Malaria. Zur Extraktion des extrem bitteren Salzes verarbeitet der Betrieb jedes Jahr 3 500 Tonnen Baumrinde und deckt damit ein Drittel des Weltmarktbedarfes an Chinin. Mit etwa 1 500 Angestellten, die in der pharmazeutischen Fabrik und auf den Plantagen beschäftigt sind, ist Pharmakina nicht nur der größte Arbeitgeber der Region, sondern auch eine Bastion der Stabilität und Insel der Hoffnung. Da jeder Mitarbeiter im Schnitt eine zehnköpfige Großfamilie ernährt, stehen die Bewerber um die begehrten Arbeitsplätze Schlange. Kein Wunder: Im Kongo liegt das jährliche Pro-Kopf-Einkommen bei 80 Dollar.

„Früher war Bukavu eine blühende Stadt“, erzählt Firmendirektor Horst Gebbers. „Hier lebten Deutsche, Belgier und Franzosen. Die Infrastruktur funktionierte. Es gab Banken, die Straßen waren asphaltiert, und unsere Kinder besuchten die belgische Schule.“ Heute strömen jeden Morgen Hunderttausende aus den Vorstadtslums in das marode Stadtzentrum, getrieben von der Suche nach Gelegenheitsjobs, nach Geld, nach Essbarem. Dazwischen lungern bis an die Zähne bewaffnete Kongo-Milizen, die nie einen staatlichen Sold sehen. Bis auf die UN-Blauhelmtruppen in ihren Panzerwagen sind Europäer aus dem Stadtbild verschwunden. In-ternationale Hilfsorganisationen haben ihre Mitarbeiter abgezogen.

„Hier ist unsere Heimat, unsere Existenz“, sagt Horst Gebbers, der sich nicht vertreiben lassen will. Der 62-jährige gebürtige Mecklenburger war in den Fünfzigerjahren nach der Enteig-nung des elterlichen Landwirtschaftsbetriebes aus der DDR geflohen und zog 1972 mit seiner Frau und zwei Söhnen als Entwicklungshelfer in das damalige Zaire. In Bukavu fand er eine Anstellung im Management von Pharmakina, bis 1999 der Weltkonzern Hoffmann La Roche, damals Eigentümer von Pharmakina, das Werk aufgab und es den Mitarbeitern zum Kauf an-bot. Horst Gebbers und sein französischer Partner Etienne Erny übernahmen den Betrieb. Und sie blieben, selbst als die Deutsche Botschaft der Familie vor einem Jahr< © Rolf Bauerdick/aerzteblatt.de

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