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Medizin

Infektionen mit Epstein-Barr-Virus als Ursache der multiplen Sklerose?

Dienstag, 11. April 2006

Oakland - Patienten mit multipler Sklerose (MS) haben bereits 15 bis 20 Jahre vor Ausbruch der Erkrankung erhöhte Antikörper-Titer gegen das Epstein-Barr-Virus (EBV) im Blut. Die zeigt eine Fall-Kontroll-Studie in den Archives of Neurology (2006; 63: doi:10.1001/archneur.63.6.noc50328), die damit die so genannte Infektionshypothese der Erkrankung stützt.

Die Vermutung, dass externe Faktoren für die Attacke des Immunsystems auf die Myelinscheiden im Inneren von Gehirn und Rückenmark verantwortlich sind, die zur MS führen, ist nicht neu. Das EBV gehört seit langem zum engeren Kreis der Verdächtigen. Eine Hypothese, die sich unter MS-Forschern steigender Beliebtheit erfreut, vermutet, dass eine Infektion mit EBV bei genetisch empfänglichen Personen die T-Zellen aktiviert, die dann nicht nur das Virus, sondern „aus Versehen“ auch die Myelinscheiden angreifen. Möglicherweise sind auch kreuzreagierende Antikörper oder „Superantigene“ im Spiel.

Beweise für diese Hypothese gibt es nicht, aber epidemiologische Hinweise wurden in den letzten Jahren häufig publiziert, darunter etwa eine Meta-Analyse auf der Basis von 8 Fall-Kontroll-Studien mit mehr als 1.000 Patienten und Kontrollen. Danach haben EBV-seropositive Menschen ein 13,5-fach erhöhtes Risiko auf eine MS (Epidemiology 2000; 11: 220-4). Im letzten Jahr konnte dann die Arbeitsgruppe um Prof. Bernhard Hemmer von der Universität Düsseldorf zeigen, dass T-Zellen und Antikörper aus dem Blut von MS-Patienten mit Bestandteilen des EBV reagieren (Journal of Clinical Investigation 2005; 115: 1352-1360). Zu den mutmaßlichen Zielen dieser Antikörper gehört ein nukleäres Antigen (EBNA-1) von EBV.

Gerald DeLorenze vom Kaiser Permanente Division of Research in Oakland Kalifornien hat jetzt archivierte Blutproben von Krankenversicherten untersucht, die in den Jahren 1965 bis 1974 entnommen worden waren. Die Versicherten waren damals im Durchschnitt 32 Jahre alt. Unter ihnen befanden sich auch 42 Versicherte, die 15 bis 20 Jahre später an einer MS erkrankten. Die US-Forscher untersuchten die Blutproben auf Antikörper und verglichen die Titer jedes späteren Patienten mit drei Kontrollpersonen gleichen Alters und Geschlechts, die später nicht an einer MS erkrankten. 

Ergebnis: Die späteren MS-Patienten hatten bereits 15 bis 20 Jahre vor der Erkrankung erhöhte Titer von EBV-Antikörpern. Insbesondere der Komplex der nukleären Antikörper (EBNA-Komplex) und EBNA-1 waren deutlich höher. Ein vierfacher Anstieg von EBNA-Komplex-Antikörpern verdoppelte das Risiko auf eine spätere MS-Erkrankung (Relatives Risiko RR 2,1; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,1-3,8). Für einen vierfachen Anstieg des EBNA-1-Antikörper-Titers war das Risiko ebenfalls signifikant erhöht (RR 1,8; 1,1-2,9).

Die aktuelle Studie ist bereits die vierte, die einen Anstieg von Antikörpern vor dem Ausbruch der MS nachweisen konnte. Zu ähnlichen Ergebnissen war auch die Nurses' Health Study (JAMA 2001; 286: 3083-3088), eine Untersuchung an US-Rekruten (JAMA 2005; 293: 2496-2500) und eine schwedische Studie (Neurology 2004; 62: 2277-2282) gekommen. In keiner dieser Studien reichte der Antikörperanstieg aber so weit zurück wie in der aktuellen Studie. Bei zwei Patienten waren die Antikörper vor dem 20. Lebensjahr angestiegen. Da die meisten Menschen sich als Teenager oder junge Erwachsene mit EBV infizieren, ist es durchaus möglich, dass die immunologischen Weichen für die Erkrankung bereits in dieser Lebensphase gestellt werden. Außer der MS werden noch andere Autoimmunerkrankungen wie der systemische Lupus erythematodes mit EBV-Infektionen in Verbindung gebracht. Die Erforschung der Zusammenhänge könnte neue Wege zur Behandlung dieser Autoimmunerkrankungen öffnen, hoffen die Autoren. /rme

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