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Medizin

USA: Immer mehr Kinder mit Psychopharmaka behandelt

Dienstag, 6. Juni 2006

New York - In den USA hat sich die Zahl der Kinder, die mit Psychopharmaka behandelt werden, im letzten Jahrzehnt versechsfacht. Neben den ADHS-Medikamenten werden zunehmend auch atypische Neuroleptika zur Behandlung von Verhaltens- und Entwicklungsstörungen eingesetzt. Am häufigsten erhalten Jungen von Eltern europäischer Herkunft diese Medikamente, wie aus einer Studie in den Archives of General Psychiatry (2006; 63: 679-685) hervorgeht.

Mehr als 1,2 Millionen Mal haben US-Ärzte im Jahr 2002 Psychopharmaka an Kinder oder Jugendliche rezeptiert, berichten Mark Olfson von der Columbia University in New York und Mitarbeiter, die Gesundheitsstatistiken der Centers of Disease Control and Prevention (CDC) analysiert haben. Im Vergleichsjahr 1993 waren es nur 210.000 Rezepte gewesen. Der Anstieg beruht keineswegs allein auf einer „Epidemie“ von ADHS-Erkrankungen, die zum vermehrten Einsatz von Methylphenidat und anderen Substanzen geführt hat. Nur etwa ein Drittel aller Verordnungen entfällt auf Mittel zur Behandlung von Verhaltensstörungen (disruptive behavior disorders) wie ADHS. Ein zweites Drittel der Kinder wird wegen psychiatrischer Störungen oder Entwicklungsproblemen behandelt. Das dritte Drittel entfällt auf Gemütsstörungen. Mehr als 40 Prozent der Kinder erhielten mehr als ein Medikament.

Wer nun etwa glaubt, es würden vor allem Kinder von Minderheiten behandelt, der täuscht sich. Am häufigsten wurden Rezepte an „kaukasische“ Kinder verordnet, also die Nachfahren der aus Europa eingewanderten Menschen, die heute in der Regel in oberen sozioökonomischen Schichten angesiedelt sind. Hier befinden sich fast 1,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen (1.515 Besuche pro 100.000 Einwohner) in Behandlung. Bei anderen ethnischen Gruppen sind es dreimal weniger (426 Besuche pro 100.000 Einwohner). Jungen scheinen labiler zu sein als Mädchen (1.913 versus 739 Besuche pro 100.000 Einwohner). 

Der Eindruck, dass überforderte Eltern sich vom Psychiater eine einfache und zeitsparende Lösung ihrer pädogogischen Not erhoffen, drängt sich angesichts der Zahlen auf. Viele US-Psychiater scheinen geneigt zu sein, diesen Wünschen nachzugeben. Und mit den atypischen Neuroleptika halten sie eine (vermeintlich) komplikationsfreie Lösung parat. Insgesamt 9,2 Prozent aller „mentalen“ Störungen und 18,3 Prozent aller „psychiatrischen“ Störungen führten zur Verordnung eines Neuroleptikums und in 92,3 Prozent der Fälle wurde ein Medikament der zweiten Generation, sprich ein atypisches Neuroleptikum verschrieben.

Bei diesen Medikamenten sind zwar keine extrapyramidalen Nebenwirkungen wie die persistierende tardive Dyskinesie zu befürchten. Auch lässt sich die Hürde, dass diese Medikamente nicht für den Einsatz bei Kindern vorgesehen sind, durch eine „Off-Label“-Verordnung leicht überwinden. Als Indikation bietet sich eine bipolare Störung an. Die Aggressionen und Gemütsschwankungen der Kinder, in anderen Kulturen ein Ansatzpunkt für pädagogische Interventionen, lassen sich von psychiatrischer Seite leicht als Symptome einer bipolaren Störung deuten. Und bei diesen besitzen einige atypische Neuroleptika eine Indikation, wenn auch nur bei Erwachsenen. Die Nebenwirkungen der Medikamente wie Gewichtszunahme, Dyslipidämie und Diabetes werden dabei offenbar verdrängt. /rme

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