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Blick ins Ausland

Strahlentherapie in Katar – Eine Kooperation des Universitätsklinikums Heidelberg mit dem Emirat am Persischen Golf

Dienstag, 15. August 2006

Katar, das nur halb so groß ist wie Hessen, besitzt neben erheblichen Ölvorkommen die drittgrößten Erdgasreserven der Welt. Das statistische pro Kopf Einkommen der Gesamtbevölkerung wird nur noch vom Sultanat Brunei übertroffen. In diesem Jahr wird mit einem Wirtschaftswachstum von etwa 26 Prozent gerechnet, beschleunigt vor allem durch Energieexporte. Durch eine spezielle Technologie zur Verflüssigung von Erdgas (Liquified Natural Gas, LNG) kann das kleine Land den Rohstoff ohne ein aufwändiges Pipelinesystem mit Tankschiffen weltweit liefern. Katar hat 850 000 Einwohner, von denen etwa 75 Prozent Gastarbeiter vor allem aus anderen arabischen Staaten, aus Indien und Pakistan sind. Das Land ist Mitglied der UNO und ist in vielen bedeutenden Organisationen wie UNESCO, WHO und OPEC vertreten. Die Hauptstadt Doha wird im ersten Halbjahr 2006 Gastgeber von mehr als 50 internationalen Konferenzen mit breitgefächerten Themen wie Dialog der Weltreligionen, Sicherheit in Afghanistan und Rechte der Frau in der islamischen Gesellschaft sein.

In den letzten Jahren wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, ein westlichen Standards entsprechendes Gesundheitssystem aufzubauen. Die Versorgung ist für katarische Staatsbürger kostenlos. Alle anderen Patienten tragen einen sehr geringen Teil der Behandlungskosten selbst; Hilfsfonds decken zusätzlich soziale Härtefälle ab. Eine strahlentherapeutische Behandlung als Teil der onkologischen Versorgung war bis zum Jahre 2003 nicht möglich. Alle Patienten mit katarischer Staatsangehörigkeit wurden im Ausland, vorwiegend in den USA oder Großbritannien, bestrahlt. Später erfolgte diese Therapie aufgrund deutlich geringerer Kosten bei gleicher Qualität zunehmend in Deutschland. 

Im Dezember 2003 wurde zwischen dem Land Katar und dem Universitätsklinikum Heidelberg ein mehrjähriges Kooperationsprojekt unterzeichnet, das neben der multidisziplinären klinischen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit auch die Aus- und Weiterbildung katarischer Ärzte in Heidelberg, zum Beispiel in der Urologie, Pädiatrie, Strahlentherapie und Chirurgie, beinhaltet. Das Konzept für die erste Strahlenklinik in Katar wurde in enger Zusammenarbeit mit der Abteilung für Radioonkologie Heidelberg entwickelt und umgesetzt. Für den Aufbau und die Leitung der neuen Klinik wurden im Februar 2004 eine Strahlentherapeutin und ein Medizinphysiker nach Katar entsandt. Später war aufgrund steigender Patientenzahlen ein zweiter Arzt aus Heidelberg erforderlich.

Im März 2004 wurde durch den Premierminister Sheikh Abdullah bin Khalifa Al Thani im Beisein des deutschen Botschafters die Strahlenklinik im neugebauten Al Amal Oncology Hospital in Doha eröffnet. Diese modernste Abteilung der Golfregion ist mit einem Somatom-Computertomographen, 2 Primus-Linearbeschleunigern (Siemens) für die externe Bestrahlung und einem Microselectron HDR-System (Nucletron) für die Brachytherapie ausgestattet. Alle Bestrahlungen können präzise dreidimensional geplant und im Anschluss virtuell simuliert werden. Der Start der Brachytherapy wurde allerdings um mehr als sechs Monate verzögert, da der Import der ersten radioaktiven Quelle (Iridium192) und der Transport vom Flughafen zum Krankenhaus, aufgrund von bis dahin in Katar fehlenden Regularien für den Umgang mit radioaktivem medizinischen Material nicht möglich war.

Bei Außentemperaturen von über 50°C im Sommer, einem hohen Staubgehalt der Luft und stark schwankender Luftfeuchtigkeit sind spezielle Klima- und Filteranlagen für die konstante Kühlung der Innenräume und Maschinen erforderlich. Strahlenschutz und Sicherheitsbestimmungen basieren auf den internationalen Standards und wurden von zwei Delegationen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) vor Ort überprüft.

In der neueröffneten Abteilung war es wichtig, die unterschiedlichen Erfahrungen, Arbeitsstile und kulturellen Traditionen der mehr als 30 Mitarbeiter aus 15 verschiedenen Ländern aufeinander abzustimmen. Gemeinsam wurden aufwändige Bestrahlungsplanungen, neue Konzepte der palliativen Behandlung und eine elektronische Verwaltung der Patientenakten und –daten eingeführt. Die Arbeitssprache ist Englisch. Der von arabischen Ärztinnen teilweise auch während des Dienstes getragene Gesichtsschleier war bei unserem Personal nicht üblich. Für die Patienten mussten die Wartezonen, wie in jedem öffentlichen Gebäude, für Frauen und Männer getrennt werden.

Alle onkologischen Fälle werden in dem seit 2004 stattfindenden Tumorboard besprochen. Die Etablierung dieser Konferenz und die interdisziplinären Diskussionen waren auch notwendig, um die Möglichkeiten des in Katar neuen Faches Strahlentherapie zu erläutern, eine Vertrauensbasis aufzubauen und für eine Zusammenarbeit zu werben.

Die Hälfte der Patienten sind Katari. Die andere Hälfte stammt aus mehr als 25 Ländern. Diese oft mittellosen Gastarbeiter hätten bis 2004 häufig auch im Heimatland nicht behandelt werden können. Die Erstkonsultationen sind zeitaufwändig, da die Patienten oft mit mehreren Familienangehörigen erscheinen, die meisten Befunde nur handschriftlich vorliegen oder bei Vorbehandlung im Ausland beschafft werden müssen und häufig Übersetzer benötigt werden, die zum Beispiel Persisch, Nepalesisch oder Tagalog sprechen. Überraschenderweise war es weder für die Ärzte noch die beiden deutschen Medizinstudentinnen, die eine Famulatur in unserer Abteilung absolviert haben, ein Problem, Patienten des anderen Geschlechts körperlich zu untersuchen. Auch wurde nach ausreichender Information der Patientinnen das erforderliche Foto des Gesichts ohne Schleier akzeptiert. Diese zusätzliche Möglichkeit der Identifikation war für die Patientensicherheit bei oft ähnlichen Namen und teilweise unvollständigen demographischen Daten besonders wichtig. 

Das mittlere Alter der Patienten ist mit 49 Jahren (von vier bis 83 Jahre) deutlich geringer als in Deutschland und reflektiert das mit 32 Jahren niedrige Durchschnittsalter der katarischen Gesamtbevölkerung. Das Spektrum der behandelten Erkrankungen entspricht dem westlicher Länder, wobei überdurchschnittlich viele Patienten mit Lymphomen und Seminomen, Tumorerkrankungen des jüngeren Lebensalters, behandelt wurden. Bei kleinen Kindern konnte wie in Deutschland die nur wenige Minuten dauernde, tägliche Bestrahlung in Kooperation mit der Anästhesie in Kurznarkose durchgeführt werden. Die Zahl der vorgestellten Patienten vergrößert sich kontinuierlich. Bereits im ersten Halbjahr 2005 wurden mehr als doppelt so viele Patienten wie im Vorjahr behandelt. Primäre Bestrahlungen von Prostatakarzinomen und kombinierte Radiochemotherapien nehmen deutlich zu. Mit der Behandlung gutartiger Erkrankungen (zum Beispiel „Entzündungsbestrahlungen“ von Gelenken) wurde begonnen. Seit 2004 ist nur noch ein einziger Patient für eine hochspezielle Bestrahlung an die Universität Heidelberg überwiesen worden. 

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Skyline der Hauptstadt Doha. Noch vor 30 Jahren war Doha eine Kleinstadt; heute leben dort über 500.000 Menschen. Der Bau von 100 weiteren Hochhäusern ist geplant. /dpa

Sheikh Hamad bin Khalifa Al Thani, seit 1995 Emir von Katar, hat die Öffnung und Modernisierung des Landes erheblich gefördert. Auf Wüstenboden entstehen zurzeit mehrere Kliniken als Teil eines neuen Krankenhaus- und Gesundheitskomplexes, und im staatlichen Gesundheitswesen sind heute schon mehr als ein Drittel der Ärzte Frauen. Im Dezember 2006 werden die 15. Asienspiele eröffnet, auf die sich Katar schon lange vorbereitet. Sie werden vom inzwischen weltbekannten, katarischen Fernsehsender Aljazeera übertragen. Dieses nach den olympischen Sommerspielen größte Sportereignis der Welt bringt bereits im Vorfeld erhebliche Impulse für die Entwicklung des Landes. Das Athletendorf soll nach Abschluss der Spiele in die neuentstehende  „Medical City“ integriert werden. 

Marc Bischof, Michael Wannenmacher, Jürgen Debus, Martina Treiber, E-Mail: marc_bischof@med.uni-heidelberg.de, martina_treiber@med.uni-heidelberg.de.

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