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Medizin

Scheidungskinder erhalten häufiger Ritalin

Dienstag, 5. Juni 2007

Edmonton/Alberta – Nach einer Scheidung steigt die Zahl der Verordnungen von Methylphenidat (Ritalin®) zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) deutlich an. Das zeigt eine prospektive Beobachtungsstudie im Canadian Medical Association Journal (2007: 176: 1711-1714). Mehrere Erklärungen sind denkbar. 

Frühere Untersuchungen hatten bereits ergeben, dass Kinder von Alleinerziehenden oder in Patchwork-Familien häufiger an ADHS erkranken beziehungsweise häufiger mit Methylphenidat behandelt werden, was nicht das gleiche ist, denn die hohen Verordnungszahlen von Ritalin (und vergleichbaren Medikamenten) führen viele Experten auf einen nicht indikationsgerechten Einsatz des Medikamentes zurück. Mit Ritalin lassen sich auch “Erziehungsprobleme” regulieren, die möglicherweise nicht die Kriterien des ADHS erfüllen. Ein denkbarer Auslöser der Störung ist der mentale Stress, den eine Scheidung bei den Kindern auslöst.

Um dieser Frage nachzugehen, analysierte die Soziologin Lisa Strohschein von der Universität von Alberta in Edmonton die Daten der National Longitudinal Survey of Children and Youth, einer seit 1994 alle zwei Jahre durchgeführten Umfrage unter etwa 16.000 Familien in Kanada. Darunter befinden sich auch 633 Kinder, deren Eltern sich nach dem Beginn der Studie scheiden ließen.

Die Rate von Methylphenidat-Verordnungen lag in dieser Gruppe mit 6,1 Prozent fast doppelt so hoch wie in Familien nicht geschiedener Eltern, wo 3,3 Prozent der Kinder mit dem Medikament behandelt wurden. Nach Berücksichtigung der bekannten Risikofaktoren wie Alter der Mutter sowie Alter und Geschlecht des Kindes errechnet Strohschein eine Odds Ratio von 1,82 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,01-3,33), also eine signifikant um 82 erhöhte Verordnungsrate.

Die nächstliegende Erklärung, nach welcher der Scheidungsstress die Ursache für die häufigen Verordnungen ist, muss nicht unbedingt zutreffen. Denkbar ist auch, dass eine genetische Prädisposition, von der mehrere Familienmitglieder betroffen sind, bei den Kindern ein ADHS und bei den Eltern eine Scheidung provoziert. Eine dritte Möglichkeit wäre, dass Ärzte aus dem Vorurteil heraus, dass eine Scheidung auf jeden Fall den Kindern schade, bereitwilliger einem Verordnungswunsch zustimmen. © rme/aerzteblatt.de

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